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Zweimal Wende

Seit den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Berlin scheint der Osten Deutschlands wie ein Ort, an dem bereits jetzt die Zukunft des Westens aufscheint. Die neuen Bücher von Ingo Schulze und Helga Kurzchalia erinnern noch einmal, warum das, was anscheinend ersehnt wird, gefährlich ist. Es droht eine Enge unseres Geistes, unserer Herzen.

„Wir lebten in einem Staat, in dem ständig etwas vertuscht oder schöngefärbt wurde. Ausnahmen und Unterschiede waren unerwünscht“, sagt die Erzählerin dieses Episodenbuchs. In „Weltzeituhr“ schaut Helga Kurzchalia auf ihre Zeit als DDR-Kinderpsychotherapeutin der 70er – auf diese „Ausnahmen und Unterschiede“, die im normierten Staat unerwünscht waren, die wegtherapiert und weggeschockt wurden. Dass Psychologinnen und Psychologen qua Profession die manipulativen Strategien der DDR-Obrigkeit erkannten, haben bereits Helga Schubert, Jürgen Fuchs und Klaus Behnke gezeigt. Jetzt erzählt die 77-jährige, bis heute als Therapeutin wirkende Helga Kurzchalia aus diesem repressiv-missbräuchlichen System, das sie als Berliner Klinikangestellte mittragen musste: am unteren Ende der Hierarchie. So berichtet sie – es ist erschütternd – von Elektroschockbehandlungen an Kleinkindern, von Körperstrafen, die als Aversionstherapie kaschiert wurden, verordnet vom empathielosen Stationsarzt:

„Nüchtern erzählte er von dem Fünfjährigen, den man mit dem nackten Po aus dem Fenster hielt, weil er sich geweigert hatte, auf die Toilette zu gehen. Und hatte er nicht ein Mädchen mit dem Gesicht ins Essen gestukt, damit es sich nicht so anstellte und seinen Teller Suppe auslöffelte, so wie die anderen Kinder am Tisch? Trotz war ihm zuwider. Aufbegehren duldete er nicht. Auch nicht bei seiner kleinen Tochter, die er mit halb übergezogener Strumpfhose und ohne Jacke zur Straßenbahn gezerrt hatte, als sie sich vor dem Kindergartenbesuch wieder mal nicht selbstständig anziehen wollte.“ Hilfsbedürftige kleine Wesen werden zu sozialistischen Untertanen gedrillt. „Das bekam auch der fünfjährige René zu spüren. Auf der Station beschwerte man sich, dass er schwerer zu lenken sei, seit er weniger Pillen schluckte. Erst gestern habe er auf seinem Teller die Hälfte liegen gelassen und sei ohne Erlaubnis zur Toilette gegangen. ‚So wird er nie gruppenfähig‘, urteilte die Küchenhilfe. Die Schwestern waren über seinen neuen Eigensinn ebenfalls ungehalten.“ Pflichtlektüre für alle DDR- und „Vollende die Wende“-Nostalgiker. Helga Kurzchalia: „Weltzeituhr“, Friedenauer Presse, 148 Seiten, 22 Euro

Eine Erlösungsgeschichte

„Du erfindest da ein paar Dinge – das passt doch vorn und hinten nicht. Deine Novelle ist völlig schief!“ Man hüte sich vor Figuren, die gegen ihren Schöpfer rebellieren wie in Stephen Kings „Stark – The Dark Half“. Oder, etwas harmloser, in Ingo Schulzes an der Mecklenburgischen Seenplatte spielendem Roman „Das Wasser im August“. In dieser Schachtelgeschichte erzählt ein ostdeutscher Schriftsteller, wie er im Sommer 2025 vor privatem Publikum aus seiner unfertigen Novelle liest. Das Manuskript tarnt sich als Erinnerung. Der Schriftsteller, damals Jugendlicher, verliebte sich 1979, also im dreißigsten DDR-Jubiläumsjahr, in eine ältere (aber immer noch junge) Zahnärztin. Bei der Lesung sitzt eben diese Ärztin (nun Mitte 70) im Publikum. Sie macht sich nach zwei Tagen über den Autor und seine keuschen Entschärfungen des tatsächlich Geschehenen lustig: „Es ist alles so eng geworden, […] unser tapferer Schriftsteller traut sich ja nicht mal mehr über Sex zu schreiben, weil er fürchtet, das könnte schlecht ankommen, wenn eine Neunundzwanzigjährige einen Sechzehnjährigen in ihre Wohnung holt.“ Der so von seiner ehemaligen Geliebten brüskierte Schriftsteller ist auf der Hut, denn unsere im Kulturbetrieb immer noch woke Gegenwart zeigt sich empfindlich.

1979 wird dem entgegengesetzt als Jahr der robusten Hoffnungen gezeichnet, die sich dennoch jäh zerschlagen sollten. Dem langsam zum Künstler heranreifenden Erzähler, der an seinen ersten Texten bastelt, begegnen pubertäre Schimären, er hat Liebes- und Karrierehoffnungen,  die sich als heilsbringende Offenbarungen lediglich tarnen, ihn in die Irre leiten. Große Literatur von in der DDR sozialisierten Künstlern wurzelt oft in Mythos und Religion. Das war schon zu DDR-Zeiten so: ob in Hartmut Langes „Die Selbstverbrennung“ (1982), in Helga Schuberts Geschichten oder bereits in Schulzes „Adam und Evelyn“ (2008), einer von vielen DDR-Paradiesvertreibungen. Mit jeder Erkenntnis geht Unschuld verloren, das zeigt auch „Das Wasser im August“, diese neuerliche Auseinandersetzung mit dem Bewusstsein als Verhängnis. „Im Wendekreis des Krebses“ liegt in diesem klugen Text neben „Die gute Nachricht“, auch der Roman selbst changiert zwischen Erlösung und Begehren. Ein endgültiger Abschied von der Jugend, von der Leichtigkeit im August, von der DDR und von sicheren Erinnerungen. Oder mit den Worten einer der melancholisch grundierten Figuren: „Es ist etwas vorüber, das wir vorher nicht gespürt haben, weil es selbstverständlich war, und jetzt, da es vorüber ist, merken wir den Verlust.“ Ingo Schulze: „Das Wasser im August“, S. Fischer, 320 Seiten, 26 Euro