Ein alter Hase, der enttäuscht, eine junge Kraft, die begeistert: das sind Stephan Thome auf der einen, Inga Machel auf der anderen Seite: „Besser als nie“ könnte eben dies gerne sein – und eine „Harte Strandparty“ trifft aufs wesentlich härtere Leben.
„Getretener Quark / Wird breit, nicht stark“, schrieb Goethe in seinem „West-östlichen Divan“, und vielleicht mag Stephan Thome den Quark breitestmöglich. Anders ist kaum erklärbar, wie dieses derart ausufernde Spin-off seines „Grenzgang“-Debüts passieren konnte. Hatte der längst in Taiwan lebende Sinologe 2020 noch mit „Gott der Barbaren“ den Taiping-Aufstand Mitte des 19. Jahrhunderts literarisiert – geht es 2026 zurück ins beschauliche Bergenstadt, das angelehnt ist an Stephan Thomes hessische Heimat Biedenkopf. Dort findet alle sieben Jahre der sogenannte Grenzgang statt, eine seit 1693 belegte „Überprüfung, ob sich die Grenzsteine noch an den richtigen Positionen befinden. Daraus wurde ein Ritual, schließlich ein Fest, das die Verbundenheit der Menschen mit ihrer Heimat zum Ausdruck bringt.“ Pandemiebedingt musste die Veranstaltung verschoben werden – nun gibt es Debatten, weil erneut ein „Mohr“ mitgehen soll; ein schwarz angemalter Mann. Der Bürgermeister wird vom HR konfrontiert:
„‘Ein Verzicht auf das Blackfacing ist nicht denkbar?‘ – ‚Sie meinen, ein Mohr ohne schwarze Farbe?‘ – ‚Ja.‘ – ‚Wäre kein Mohr mehr, oder?‘ – ‚Der Begriff ist sowieso vorbelastet. Was ginge dem Fest verloren?‘“ Und was ginge eigentlich uns verloren ohne Thomes „Besser als nie“ mit seinen gesucht literarischen Formulierungen („über dem Marktplatz liegt frühmorgendliches Zwielicht“). Das kaum überschaubare, kaum unterscheidbare Figurentableau zeigt eine Teenagerin mit Gender-Dysphoria, eine aus Afghanistan geflüchtete Frau, die stolz ihre erste Donauwelle backt – die syrische Jalila will keinesfalls tanzen, solange ihr Ehemann im Gefängnis ist. Und die Lokalzeitung berichtet aus dem Schwimmbad, „von verstärkter Security […], offenbar kam es wiederholt zu Belästigungen weiblicher Badegäste; zwei Tage später fragte ein Leserbrief, warum man das Problem denn nicht beim Namen nenne.“ Man mag erstaunt sein, was proteinsüchtige Bodybuilder so alles in ihren Magerquark rühren – doch was Thome in seinen Roman-Quark mixt, übersteigt alle bei TikTok vorgestellten Masse-Aufbaupläne. Stephan Thome: „Besser als nie“, Suhrkamp, 492 Seiten, 28 Euro
Stewardess oder Schriftstellerin
White Trash, Drug Addicts und eine Mörderin im Todestrack stellt Inga Machel vor. Die empathisch gezeichneten Figuren ihrer drei Geschichten sind miteinander verbunden: durch die Gewalt, die sie erlebten und weitergaben. Es sind Abgesonderte, aber auch – mit dem Eingangszitat Martin Kippenbergers gesprochen: „Einer von Euch, unter Euch, mit Euch“. Da ist das junge Mädchen, das mit zwei Frauen zusammenlebt, von Prügeln gepeinigt: „Mein Rücken im T-Shirt, mein Po, meine Beine von hinten, ganz unten Schlüpfer und Hose, hab ich selbst runtergezogen. Mein Hals zu eng zum Schlucken (…) und wenn ich nicht aufhör zu heulen, machen sie weiter, sagt Jäcki, und Petra sagt es auch.“ Dieses Mädchen will entweder Stewardess oder Schriftstellerin werden, „eine richtig krasse, oder ich geh auf den Babystrich, scheißegal, dass ich kein Baby mehr bin.“ Ihr einziger Freund: das Messer.
Es wird erneut auftauchen in der zweiten Story „Im Paradies“, die einen kriminellen, alternden Māori vorstellt, der schon als Jugendlicher von seinem Vater in der Polizeistation abgeholt werden musste: „Ich sah das Gesicht meines Vaters klar und deutlich, und dass er mich durch den Mann hindurch wie ein Fremder oder wie einen Fremden anstarrte (…) In seine Arme zu springen, schien keine Option mehr zu sein.“ Nun endet ein Überfall fatal. Der Mann fährt die Leiche seines Freundes durch die Nacht. „Zu leben kommt ihm derartig sinnbefreit vor, beinahe ist ihm danach, ein verdammtes Buch darüber zu schreiben.“ Auch Conny Meyers schreibt, eine der beiden Figuren der dritten Story. Sie protokolliert die letzten Stunden einer verurteilten Frau, die als Teenagerin ihre sadistischen Südstaaten-Pflegeeltern – „True Texans“ – erstochen hat: mit einem Messer. Nun wartet die Mörderin, deren Tat nachvollziehbar erscheint, auf ihre Hinrichtung: „Desinfektionsmittel, Kanülen, Schläuche, Pflaster und Ersatzmaterial wären neben der Liege schon bereitgestellt.“ Man fühlt sich wie Alex in der „Ludovico-Therapie“-Szene von Stanley Kubricks „Clockwork Orange“ – die Augen fixiert, dem Gewaltexzess ausgeliefert. Ein verstörendes, sehr gutes Buch. Inga Machel: „Harte Strandparty“, Rowohlt, 226 Seiten, 24 Euro




