Im Juli gab es eine Lyriksendung, die zwei Bände vorgestellt hat – doch einer hat sich verspätet, weshalb Lesen mit Links erst jetzt die „Flussfragmente“ von Marion Poschmann vorstellt – und „Mitternachtszustand von Anja Bachl. In beiden Büchern wird über Veränderungen nachgedacht: einerseits über die Veränderungen, die der homo faber im Ruhrgebiet durchgesetzt hat – seit der Industrialisierung, andererseits über die Veränderungen, die jene erfahren, die einst an Corona erkrankt sind – nun aber unter Long Covid leiden, über diese nicht endende Erschöpfung:
„Corona hit me hard. Liebe auch“, schrieb die 1986 in Salzburg geborene Dichterin und Kunsttherapeutin Anja Bachl auf Instagram. Eine Dechiffrierhilfe für „mitternachtszustand“. Das Buch endet mit dem Bekenntnis, diese Veröffentlichung „und mich schreibend, hätte es nicht gegeben, wenn da nicht Menschen wären, die mich halten und treiben, mit denen ich lachen, wachsen, hinterfragen darf. Danke an alle Personen, die mir vertraut haben und sich mit mir über ME/CFS, chronische Erkrankungen, Medical Gaslighting und Armutserfahrungen austauschten.“ Ein Post-Corona-Lyrikband, aber kein Lockdown-Diary im Michael-Krüger- oder Björn-Kuhligk-Stil. Stattdessen ein Verwandlungsreigen, der von Zwischenwelten und Fieberträumen berichtet, von Unschärfen und trügerischer Selbstvergewisserung eines gestaltwandelnden Ichs, das freiheraus bekennt: „habe mich nie als Gegebenheit wahrgenommen / sondern als dehnbares Material / gewinne an Höhe, bleibe im Gleitflug / vermutlich schläft in der Nacht eine Gehirnhälfte / die andere steuert den Flug“. Sie zeichnet einen sowohl zerrissenen, als auch zerreißenden/ikonoklastischen Charakter, durchaus im Sinn Vilém Flussers, der den Akt des Schreibens mit einem „einritzenden Tiger“ parallelisierte, den kratzenden Griffel mit einem Schneidezahn: „Er reißt Bilder in Stücke. Aufschriften sind die zerrissenen Stücke, die Kadaver von Bildern; sie sind Bilder, die den mörderischen Schneidezähnen der Schrift zum Opfer fielen.“ Bereits Bachls Portalgedicht berichtet vom Biss eines Hundes/Werwolfs, durch den die Erzählerin verwandelt wird. Dieses Beißen, wird den ungezähmten Band strukturieren: „am Ende kommt es darauf an / ob jemand schneiden möchte / beißen, wenden / zuhören“. ME/CFS sowohl als Zwischenzustand, auch als Metamorphose. – Und das Schreiben als „ein Set für Innenräume / eines für Draußen / es werden die Bindungen, die Buchstaben sortiert“. Kommt mit Nacht-Beats von Flume, Metamorphose-Inspiration von Kae Tempest, und der Wut Arlo Parks, die selbst inspiriert wurde von Sylvia Plath, James Baldwin und Ezra Pound. Anja Bachl: „mitternachtszustand“, Haymon, 104 Seiten, 22,90 Euro
Flussfragmente
„Rückhaltebecken. Wiesen, die sich senken, / Drahtzaun, Treppengefälle, Gittertore, / wo inmitten wild und verlassen dasteht / Wasser um Wasser.“ Die Industrialisierung hat das Ruhrgebiet umgestaltet: es gibt abgesenkte Berge, aufgeschüttete Halden und begradigte Flüsse wie die Seseke, die lang als Cloaca Maxima diente. Die wasseraffine Marion Poschmann („Baden bei Gewitter“, „Die Winterschwimmerin“), 1969 in Essen geboren, wurde zum 100-jährigen Lippeverband-Jubiläum eingeladen, die Seseke abzugehen. Entstanden sind mäandernde Oden, deren starre Form die Betonsenken, deren sapphischer Daktylus (der Dreierrhythmus wandert von Strophe zu Strophe) das Strömen nachbilden. „Die Informationen der Wissenschaft erreichen viele Leute kaum, sie treffen, plakativ gesagt, die Menschen nicht ins Herz“, hatte die Dichterin bei der Vergabe des Wortmeldungen-Literaturpreises konstatiert. „Flussfragmente“ ist eine lyrische Übersetzung – mitten ins Herz: „Ich nahm Proben aus den / Flüssen in der Umgebung, stellte sie auf / meinen Nachttisch, achtete auf die Träume, / die mich ereilten. / Träumte ich nicht von Dämpfen aus den Schloten, / von dem industriellen Schnee, der auf die / Städte fiel, die weißeste Schneeschicht, die ich / jemals gesehen, / Hochwasser träumte ich, das bis zur Kante / meines Bettgestells reichte, das mein Kissen / tränkte, das mein Laken durchweichte, bis ich / schaudernd erwachte.“ Das ist psychoanalytisch durchdrungen (der Angsttraum vorm Ertrinken). Nicht ins Wasser (John Keats), sondern teilweise mit Wasser geschrieben: „Himmelsblau brachte ich durch schmalste Tüllen / aus, auf heißen Asphalt ließ ich es tropfen, / ließ es rinnen, schrieb mit ihm Bücher, die zu / Wolken verdampften.“ Die Flussläufe werden im Text und in Suminagashi-Bildern nachgebildet – schwimmende Tinte wird aufs Wasser getropft, das Muster danach auf Papier oder Stoff übertragen: „Es ist sozusagen das Wasser selbst, das die Muster entstehen lässt“, sagt Poschmann im Interview, das diesen schönen Band beschließt. Marion Poschmann (Text + Illustration): „Flussfragmente“, herausgegeben von Uli Paetzel + Agnes Sawer, Nachwort Barbara Vinken, Verbrecher Verlag, 96 Seiten, 20 Euro
Das Lyrikgespräch mit Beate Tröger und Alexandru Bulucz




