Rezension: Wischwasseralkohol

Das Buch mit dem vermutlich längsten Titel des Jahres hat die Deutsche Christine Eibl geschrieben. Es heisst, Achtung: „Nicht alle Russen haben Goldzähne, sind immer betrunken, und auch nicht jeder russische Beamte ist korrupt – Ein Überlebensbericht aus dem Herzen Moskaus“.

„Das Hantieren mit Schwarzgeld zeichnet Sie als gewieften Geschäftsmann aus.“ Gegen Geldmangel hilft „Technitscheskij Alkogol“, Wischwasser-Alkohol aus dem eigenen PKW. Das gilt zwar nicht für alle Russen – aber Christina Eibl, die als Verlagsleiterin nach Moskau gegangen ist, singt ein tragik-komisches Liebeslied: „Die russische Frau sieht aus wie eine Granate, hat endlos lange Beine, spielt fantastisch Tennis, steht gerne auch mal in der Steppe eine Runde am Herd, lässt sich zu Hause schlagen, will zwei bis drei Kinder und ist in mehr als 30 Prozent der Top-Management-Positionen vertreten. Die Frauen in Russland, ein Kapitel für sich. Man muss sie gesehen und erlebt haben.“

Und es taucht der Onkel von Kollege Jurij auf, der eines nachts volltrunken sein Pferd auf dem Balkon geparkt hat: „Der Onkel war schlicht des Nachts volltrunken von der Arbeit nach Hause geritten. Er lebt außerhalb. „Technitscheskij Alkogol“, sekundiert Jurij meine Gedanken. Jener Alkohol, den man sich aus Wischwasser der Autos zieht, wenn der Rubel nicht reicht, und der einen auf Dauer um den Verstand bringt. Sein Pferd hatte er im sechsten Stock auf dem Balkon angebunden. Unten war kein Platz gewesen.“ – Den Kater am kommenden Morgen kann man sich schmerzhaft vorstellen.

Wer sich viel in der Clubsszene bewegt, egal ob als DJ, Booker, Samstagabendgast, der wird in diesem  Buch eine Menge Parallelen zur Nachtwelt finden: Betrunkene, Abzocker, Glamour-Girls, Schläger, Partyhengste usw. Diese eher zufällige Parallele machen dieses skurrile Buch mir dem ellenlangen Titel „Nicht alle Russen haben Goldzähne, sind immer betrunken, und auch nicht jeder russische Beamte ist korrupt“ doppelt lesenswert. Es ist brutaler als Wladimir Kaminer (es gibt recht viele Anschlagsopfer), russischer als Wodka-Tonic, auf jeden Fall noch mehr Boulevard als BILD. Sa sdorowje!

Christina Eibl: „Nicht alle Russen haben Goldzähne, sind immer betrunken, und auch nicht jeder russische Beamte ist korrupt – Ein Überlebensbericht aus dem Herzen Moskaus“ Weissbooks, 200 Seiten, 18,80 Euro

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