Gaslighting: „Ich habe Angst vor meiner Ex“

Die Missachtung von Gefühlen kann sehr schmerzhaft und verletzend sein; Kränkung, Erniedrigung, Ignoranz oder auch der Versuch, manipuliert zu werden. Die Spuren von emotionaler Gewalt sind unsichtbar – genau das wird umfassend beschrieben in meinem Roman „Sandbergs Liebe“ (hier). Wenn jemand ständig unterdrückt, fertiggemacht, in seinem innersten Kern erniedrigt wird, sieht das keiner. In einem Zündfunk-Feature bei Bayern 2 habe ich am gestrigen Sonntag von Markus erzählt – und von seiner schrecklichen Erfahrung mit einer Frau, die krankhaft narzisstisch ist. Ein Protokoll:

„Wenn man permanent manipuliert wird, dann erhöht sich das Stressniveau im Körper, und wenn das auf Dauer geht, dann schädigt das damit Organe. Aber es ist auch so, dass der Körper oft Signale sendet, wenn wir sie seelisch nicht in den Fokus nehmen. Das heißt, wenn ich nicht wirklich bereit bin zu gucken, was ist hier das Problem, was ist mein Anteil, und wie kann ich diesem Problem entfliehen, dann übernimmt diese Aufgabe oftmals der Körper und sagt: ‚Hallo, ich kann hier nicht mehr!’ Das können ganz verschiedene Symptome sein. Das können Kopfschmerzen sein, das kann Herzrasen sein. Es kann angstsymptomatisch sein. Es können Panikattacken entstehen. Das alles sind Folgen von dieser permanenten Manipulation. Wenn ich manipuliert werde, bin ich nicht mehr handlungsfähig, und das ist eine ganz, ganz starke Bedrohung für den Menschen.“

Das sagt die Psychotherapeutin und Bestsellerautorin Bärbel Wardetzki. Sie gehört zu den Spezialisten, die ich aufgesucht habe, um zu verstehen, was Gaslighting ist. Ich habe mit dem Philosophen und Manipulationsexperten Alexander Fischer gesprochen, mir vom Literaturwissenschaftler Fritz Breithaupt Unheimliches erzählen lassen über die dunklen Seiten der Empathie, ich habe recherchiert, wie man Gaslighting erkennen und sich daraus befreien kann, ich habe den leitenden SZ-Wissenschaftsredakteur Werner Bartens interviewt zu seinem aktuellen Sachbuch „Emotionale Gewalt“ – und ich habe mit einem Opfer gesprochen, mit einem Mann, der Markus heißen soll, und dessen fatale Geschichte relativ normal anfängt:

„Es begann 2018 in der Nacht vor Ostern. Ich lernte Tinka auf einer Party kennen: eine schillernde Frau – groß, brünett, lustig. Sie trug an dem Abend ein umwerfendes Kleid. Wir hatten Spaß. Wir tanzten. Und obwohl Tinka in dieser Nacht auch mit einem verheirateten Familienvater rumknutschte, nahm sie mich mit nach Hause und ließ die anderen Männer stehen. Wir landeten sofort im Bett. Der Sex war toll. Es fühlte sich richtig an. Meine Ex und ich waren noch nicht lange getrennt. Ich fühlte mich zu der Zeit niedergeschlagen; bis Tinka kam und mein Leben zu einem besseren Ort machte. Das dachte ich damals wirklich, ohne zu ahnen, dass mir gerade die schlimmsten Monate meines Lebens bevorstanden.“

Zu der Geschichte von Markus, die er mir Ende Oktober 2018 erzählt hat, gibt es einen neunzigminütigen Mitschnitt, den ich der Zündfunk-Redaktion überlassen habe. Identifizierende Merkmale wurden für das Gaslighting-Feature verändert, um Markus ebenso zu schützen wie die augenscheinlich kranke Frau, auf die er getroffen ist. Zum Zeitpunkt dieser vermeintlichen Liebesgeschichte, die sich mehr und mehr in einen emotionalen Missbrauch verwandeln wird, ist Markus Mitte Dreißig und Tinka zwei Jahre älter. Er ist Freiberufler. Sein Geschäft läuft schlecht. Markus hat Schulden. Tinka ist Anwältin. Sie will bald eine eigene Kanzlei eröffnen.

Markus erinnert sich: „Mir war klar, dass ich mit Tinka eine aufregende, spannende Frau kennengelernt hatte, die mehrere Sprachen spricht, die einen guten Job hat, die mit beiden Beinen im Leben steht, die für sich selber sorgen kann. Allein Tinkas Kleidung hat der Wertermittler ihrer Versicherung auf über 100.000 Euro taxiert. Dazu kam ihre Eigentumswohnung. Das hat mich schon sehr beeindruckt. Kunst an den Wänden. Schöner Holzboden, tolle Küche, kleiner Balkon. Mitten in der Stadt. Schon so etwas, wo ich sage: Ja das hätte ich auch gern.“

Die ersten Wochen gestalten sich himmlisch. Tinka macht ihrem neuen Freund Komplimente, und sie vertraut ihm schon in der ersten Nacht sehr intime Geheimnisse an. Tinka berichtet, wie sie als Kind von ihrem Vater mit dem Gürtel geschlagen wurde; es musste nur eine Kleinigkeit vorgefallen sein. Tinkas Schwester hat vor wenigen Jahren versucht umzubringen, auch daran soll der Vater schuld sein. Mit den anderen Männern ihres Lebens hatte Tinka kein Glück. Sie wurde in ihren Liebesbeziehungen oft schlecht behandelt und gedemütigt.

Zuletzt war sie mit einem acht Jahre jüngeren Mann zusammen, der bisexuell ist und in der Musikbranche arbeitet. Zu der Zeit wurde Tinka schwanger. Das Kind trieb sie ab. Der andere Mann hat ihr den Finger gebrochen, sie zusammengeschlagen, ihr ein blaues Auge verpasst.

„Und dieser andere Mann wird seitdem von Tinka erpresst“, schreibt Markus, als ich nach unserem Gespräch nachfrage. „Sie hat dem anderen Mann jegliche Kontaktaufnahme zu ihr untersagt. Sobald er dies nicht einhalten würde, geht sie mit den Bildern von den blauen Flecken, dem blauen Auge und dem Röntgenbild von ihrem gebrochenen Finger zur Polizei.“

In der Gegenwart dieser Beziehung, als Markus zum ersten Mal Tinkas Geschichten, hört, ist er getroffen. Seine neue Freundin, die nach Außen so stark und selbstbewusst ist, wirkt auf ihn wie ein kleines Kind, das verzweifelt Schutz sucht. Markus möchte ihr diesen Schutz geben. Er wird jede Nacht bei ihr schlafen, nur selten in seine eigene Wohnung fahren. Er beschließt, immer für Tinka da zu sein.

Doch ihre Geschichten erscheinen rasch merkwürdig. Tinka erzählte Markus von Sextreffen im Park; dass es Typen gibt, die zugucken können, „also, bei ihr war alles ziemlich versext, wenn wir draußen unterwegs waren. Ich muss ehrlich sagen, ich war auf Hochtouren, es war echt, es hat immer geknistert und es war die ganze Zeit – wie hat Tinka das genannt – Sternenstaub in der Luft. Genau: ‚Wir machen Sternenstaub’, hat sie oft gesagt. Sie hat mir auch erzählt, wie sie in einer Nacht dreimal in den gleichen Club gefahren ist, jedes Mal einen anderen Typen mitgenommen und mit ihm Sex gehabt hat – weil sie sich spüren wollte.“

Nachdem sie angeblich zusammengeschlagen worden war, fuhr sie mit ihrem Partner und einem befreundeten Pärchen in den Urlaub. Man bekommt viele Dinge nicht zusammen, auch nicht Tinkas spätere Warnung an ihren Ex, er dürfte sich nicht bei ihr melden. Als ich Bärbel Wardetzki von Tinkas unterschiedlichen Drohmanövern erzähle, wundert sie sich nicht über dieses Verhalten, das normalen Menschen widersprüchlich vorkommt, auch in seiner heftig schwankenden Intensität.

Tinka zeigt ihrem neuen Freund, wo das Kinderzimmer in der Wohnung hinkommen soll. Sie erzählt von Reisen, die sie gemeinsam machen werden. „Tinka hat das große Ganze schon nach wenigen Tagen gesehen und weiter ausgeschmückt.“ Sie sagt, Markus könnte bei ihr einziehen, damit er Miete spart, er müsste sich nur an den Nebenkosten beteiligen. „Das waren alles Luftschlösser. Wir sind nie zusammen verreist. Wir haben nie konkret über einen Umzug gesprochen. Es war mal von ihr angedacht: morgen Abend reden wir darüber. Eigentlich wollten wir bei ihr zu Hause einen Plan machen, aber dann hatte sie Hunger, wollte was essen gehen, und hat da bloß über ihren Tag in der Kanzlei erzählt. Ab da hatte ich das Gefühl, sie will mir nur falsche Hoffnungen machen.“

Früh erlebt Markus die andere, die dunkle Seite von Tinka, die eifersüchtige, herrische, die wütende Tinka, die ihm in solchen Momenten vorkommt wie ein anderer Mensch. Als sie im Café sitzen, wirft sie ihm aus heiterem Himmel vor, er würde mit einer anderen Frau flirten; mit einer Frau, die er nicht einmal gesehen hatte. Sie meint, er sei ein verdammter Loser, augenscheinlich hätte sie mal wieder einen Mann mit kleinem Ego kennengelernt. Sie schreit ihn an: „Fürchterlich, ihr Männer mit Eurem kleinen Ego!“ Tinka behauptet, Markus würde fremdgehen. Sie macht ihm Vorwürfe, weil er Schulden hat.

„Ich wurde von ihren Attacken eiskalt erwischt. Hilflos versuchte ich, die Vorwürfe zu entkräften. Ich nahm Tinka in den Arm und schwor, dass ich keine andere Frau als sie begehren würde. Ich versprach ihr: Alles wird gut. Aber nichts war gut. Nichts wurde gut. Ich wachte morgens mit Kopfschmerzen auf. Ich fühlte mich entsetzlich, merkte es nur nicht. Ich sagte: Tinka, ich liebe Dich! – und sie antwortete: Ich liebe Dich auch. Aber dass Du mich liebst, das glaube ich Dir nicht. Beweise es, damit ich Dir wieder vertrauen kann.“

Markus hat so ein Verhalten noch nie bei einer Frau beobachtetet. Tinka tut ihm leid, weil sie schlimme Erfahrungen in ihrer Vergangenheit gemacht hat. Er nimmt an, dass sie ihm und seinen Gefühlen deshalb misstraut. Markus weiß ganz sicher, dass er Tinka liebt; aber er weiß nicht, wie er ihr diese Liebe beweisen soll.

Bärbel Wardetzki kommen die Manipulationen dieser gefährlichen Geliebten bekannt vor, denn „es geht darum, dass dem Anderen die Gefühle ausgeredet werden. Dem Anderen wird die Wahrnehmung ausgeredet. Dem Anderen wird seine Eigenständigkeit ausgeredet. Letztendlich ist es etwas, was den Anderen nicht mehr so da sein lässt, wie er ist – und das gezielt, indem ich dem Anderen klarmache, dass ich hier Herr im Hause bin, und das was ich denke und fühle und tue ist der Maßstab, und das, was Du denkst und fühlst, das werde ich Dir ausreden, damit Du in meiner Kontrolle, damit Du in meiner Abhängigkeit bleibst.“

Wardetzki setzt sich seit Jahrzehnten mit Frauen wie Tinka auseinander. Ihr Buch mit dem Titel „Weiblicher Narzissmus“ ist ein Bestseller, und erscheint aktuell in der 28. Auflage. Hätte Markus ihr Wissen, würde er sehen, dass Tinka versucht, ihn zu schwächen, indem sie langsam ihre häufig erprobte Gaslighting-Strategie in die Beziehung trägt. Markus weiß nicht, wie ihm geschieht.

Genau dies sei das Fatale, sagt Wardetzki, denn „es geht so weit, dass man es gar nicht mehr merkt. Die Menschen, die sich manipulieren lassen, die sind Menschen, die in der Regel sich selber die Schuld geben für alles, was passiert, die ganz massive Selbstzweifel haben und oftmals ein schwaches Selbstwertgefühl zumindest gegenüber dem Partner, der sie manipuliert. Wenn das jetzt eine ganze Weile passiert, dann merke ich natürlich nicht mehr, dass der Andere eigentlich der Grund für mein schlechtes Gefühl ist, sondern ich fühle mich in meiner Minderwertigkeit bestärkt, wenn ich sowas höre wie: Was hast denn Du für Ideen? Das stimmt überhaupt nicht! Du behauptest, ich hätte gestern das und das gesagt, habe ich doch gar nicht. – Dann wird diese Person denken: Wahrscheinlich habe ich mir das nur eingebildet, oder: Ich spinne vielleicht wirklich schon.“

Ich versuche zu verstehen, wie Manipulation funktioniert und spreche mit Alexander Fischer, der als Philosoph an der Universität Basel forscht, Psychotherapeut in Ausbildung ist und 2017 ein Buch mit dem Titel „Manipulation“ bei Suhrkamp veröffentlicht hat. Der Band ist sehr umfangreich, geht weit in die Vergangenheit zurück, es wird sogar William Shakespeares Theaterstück „Othello“ herangezogen. Von Alexander Fischer möchte ich wissen, wie er Gaslighting beschreiben würde.

Er antwortet: „Gaslighting scheint mir eine Mischform der Beeinflussung zu sein, wo mehrere Methoden zusammengehen, die auch getrennt betrachtet werden können. Was da passiert, sind meines Erachtens: Es gibt eine ganz klare Täuschung, die probiert wird. Die Realitätskonstruktion wird unterminiert, die Dinge werden anders dargestellt, als sie sind, mit einem bestimmten Zweck, den derjenige verfolgt, der das Ganze betreibt. Das andere ist wiederum manipulativ. Gerade auf der Ebene der Gefühle, mit dem Vermitteln, dass man nicht gut genug sei oder dass man falsch handele, dass man die Dinge falsch sehe, schleicht sich der Gaslighter im Prinzip dorthin, dass er diese Realitätskonstruktion auch auf der Gefühlsebene zu verändern versucht.

Das Ganze endet in etwas, das wir Zwang nennen könnten. Das sind die drei Formen Manipulation, Täuschung und Zwang, die dort zusammengehen, nämlich dass durch diese Schwächung des Selbstwerts ein Zwangsverhältnis entsteht und die Hoheit über die Realität, dem Gaslighter übergeben wird. Ich würde sagen, Gaslighting ist dementsprechend eine Art übergeordnetes, integratives Phänomen der Beeinflussung.“ (das komplette Interview gibt es hier)

Zwischen Markus und Tinka ist es zwischendurch wieder sehr schön. Sie gehen in ihren Lieblingsrestaurants essen, zum Italiener, zum Griechen. Sie laufen an Sommerabenden durch verschiedene Parks. Sie gehen ins Kino, und auf zwei Festivals. Markus erinnert sich: „Tinka hatte eigentlich immer zwei Freikarten und eine war dann für mich. Ich musste nie Eintritt zahlen. Tinka hat mich all ihren Freunden vorgestellt. Wir waren mit ihren Eltern essen. Und vor jedem Treffen hat sie mich gebrieft, auf welche Menschen ich jetzt treffen werde. Was mir auffiel: die hatten alle Probleme. Der eine Freund litt angeblich darunter, dass er sich bislang nicht geoutet hat, der Andere wurde als Kind verschleppt und missbraucht. Selbst über Menschen aus ihrem Viertel wusste Tinka die intimsten Dinge. Es waren so viele Geschichten…“

Doch kaum scheint es perfekt zu laufen zwischen Markus und Tinka, provoziert sie einen Streit und macht alles zunichte: „Wir waren auf dem vierzigsten Geburtstag einer Freundin, was eigentlich sehr schön war. Doch auf der Rückfahrt kamen wieder ihre endlos gleichen Vorwürfe. Es ist so sehr eskaliert, dass ich Tinka beinahe an der Raststätte aus dem Auto geschmissen hätte. Das erschien mir dann zu hart. Als wir bei ihr vor der Haustür waren, habe ich gesagt, dass ich keine Geschichte von ihr glaube, dass wahrscheinlich auch die Sache mit ihrem Ex, der ihr den Finger gebrochen hat, gelogen ist. Da ist sie richtig ausgerastet, hat mich geschlagen, und dann habe ich sie mit dem rechten Arm aus der offenen Autotür geschoben.“

Wenige Tage später wird Tinka ihm Fotos von ihrem blauen Auge zeigen, dass ihr der Ex von 2017 verpasst hatte. Sie zeigt sogar Röntgenaufnahmen ihres gebrochenen Fingers – als sei damit ihr eigener Übergriff auf Markus gerechtfertigt.

Der versucht gar nicht mehr, Tinkas Angriffe zu widerlegen. Er passt sich an. Damit hat seine Freundin ihr erstes Gaslighting-Ziel erreicht. Markus sagt: „Wenn wir unterwegs waren habe ich versucht, mich zu beherrschen. Wenn wir im Café saßen, habe ich krampfhaft in Tinkas Gesicht geschaut, bloß nicht in Richtung anderer Tische. Ich bin unsicher geworden. Ich bekam Panikattacken. Ich hatte fürchterliche Verspannungen und Schlafstörungen. Mir war klar: jederzeit kann eine neue Bombe hochgehen.“

Markus bleibt – für die immer weniger werdenden Momente, in denen es schön ist mit Tinka. Er gibt sich selbst die Schuld, dass die Beziehung nicht richtig läuft, aber er versteht nicht, dass dieses Schuldgefühl grundlos in ihm hervorgerufen wird. Werner Bartens erklärt:

„Wer von Kind auf, vielleicht durch eine unglückliche Beziehung zur Mutter oder zum Vater erleben musste, ‚ich bin schuld’, oder ‚ich habe das verursacht’, wer also früh gelernt hat, ein schlechtes Gewissen zu bekommen, der fühlt sich natürlich schnell verantwortlich und zieht sich jeden Schuh an. Es gibt diesen furchtbaren Fall eines Mädchens. Sie war im Grundschulalter, und immer, wenn die Mutter wütend auf das Kind war, ist sie im Wohnzimmer umgefallen und hat tot gespielt, also so getan, als ob sie jetzt wirklich stirbt und sich nicht gerührt. Das Mädchen, mit sechs, sieben Jahren, stand daneben und dachte, sie hat die Mutter umgebracht. Erst nach einer Zeit stand die Mutter wieder auf. Das Kind war erleichtert. Das hat die Mutter mehrmals gemacht, bis sich das Kind komplett anpasste. Dieses Mädchen wird natürlich zeitlebens anfällig sein für schlechtes Gewissen, für: ‚Ich bin schuld, oh Gott, das liegt jetzt an mir.’“ (das komplette Interview gibt es hier)

Ähnlich ist es bei Markus, der erzählt: „Ich habe mich häufig entschuldigt; zum Beispiel, dass ich keinen Parkplatz gefunden habe, oder dass ich zu spät vom Kundentermin weggekommen bin. Ich habe mich dafür entschuldigt, dass ich nicht gut drauf bin, dass ich meinen Körper nicht mag, dass ich nicht mit Tinkas Lebensstil mithalten kann. Ich habe sie auch gefragt, was sie von mir will, warum sie sich nicht jemanden auf Augenhöhe sucht.“ – Wenn diese Stufe erreicht ist, wenn man sich für alles schuldig fühlt, ist das Gaslighting perfekt. Der Partner hat nun die absolute Kontrolle über den Anderen.

Bärbel Wardetzki sagt: „Es gibt natürlich viele psychische Konstellationen, wo Menschen andere Menschen manipulieren, und die Gemeinsamkeit ist eine tiefe Unsicherheit in einem Menschen, die ihn dazu zwingt, die Anderen zu kontrollieren und zu manipulieren, damit er selber nicht manipuliert und kontrolliert wird. Das finden wir beim Narzissmus, das finden auch im Zusammenhang mit Psychopathie oder Soziopathie.“

Markus ist augenscheinlich an eine sehr, sehr kranke Frau geraten, an eine höchst gefährliche Geliebte, die ihr Umfeld manipuliert aus Angst, selbst manipuliert zu werden. Tinka bindet ihn mit den Missbrauchsgeschichten auf unheimliche Weise; durch Empathie, die sich besonders gut für Manipulationen eignet.

Ich erfahre vom Literaturwissenschaftler Fritz Breithaupt, dass Empathie weder gut noch schlecht ist, sondern schlicht die Gabe, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. „Wer effektiv grausam sein will muss über ein hohes Maß an Empathie verfügen.“ Das sagt der fiktive Serienkiller Hannibal Lecter („Das Schweigen der Lämmer“). Wenn man spüren kann, was der Andere fühlt, dann weiß man freilich um seine schwächsten Punkte, dann kann man dieses Wissen auch gegen ihn verwenden.

Während meiner Recherche verstehe ich langsam, wie Gaslighting funktioniert, welche Mechanismen die Manipulation verwirklichen, und wie man einen klaren Stopp setzen muss gegen seinen Partner, der versucht, einen über emotionale Gewalt klein zu machen. Genau diesen Stopp setzt auch Markus. Ihm wird es irgendwann zu viel mit Tinka. Die Diskussionen mit ihr dauern Stunden, bestehen aus Vorwurf-Kaskaden, alles dreht sich im Kreis. Wenn er es nicht mehr aushält, geht Markus ins Casino, um sich abzulenken. Er wird binnen weniger Wochen achttausend Euro am Roulette-Tisch verlieren.

Er sieht sich in Gefahr und sagt deutlich, dass sich Tinka nie wieder bei ihm melden, dass sie seine Handynummer löschen und ihn vergessen soll. – Aber damit hat er keinen Erfolg: „Also, innerhalb des halben Jahres bin ich mehrmals gegangen, und hab’ ihr das auch klar gesagt, dass ich da keinen Sinn sehe, und dann stand sie zwei, drei Tage später wieder vor der Tür und heulte… Oder sie sprach mir wirres Zeug auf meinen Anrufbeantworter.“

Drei Aufnahmen schickt er mir zu. Tinka sagt Widersprüchliches. Sie klingt unsicher, verzweifelt, dann wieder herrisch und kontrolliert. Sie sagt: „Markus, ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen, und von daher akzeptiere ich Deine Vorwürfe einfach nicht. Du hast noch ein Buch von mir, und das hätte ich gerne auch zurück, und: deshalb würde ich mich SEHR freuen, wenn Du Dich bei mir meldest. Dankeschön.“

Wenig später spricht sie im leiseren Ton aufs Band: „Markus, rede bitte mit mir. Ruf mich bitte an. Das kann doch echt nicht, das kann doch so nicht weitergehen. Ruf mich bitte an. Oder nimm ab.“

Und zum Schluss: „Ja, hier ist Tinka. Nachdem Du mir gesagt hast, dass Du im Casino warst, nachdem wir uns gestritten hätten am 25. Mai, bin ich den WhatsApp-Verlauf nochmal nachgegangen: und wir haben uns nicht gestritten. Du bist am Abend vorher nicht zu mir nach Hause gekommen. So viel dazu, also, sprich: Du bist, Du bist eh sehr verwirrt, und wie gesagt: WIR haben uns da nicht gestritten. Wir haben uns ganz nett geschrieben, und ich habe davon Screenshots, aber das kannst ja auch Du in Deinem WhatsApp-Verlauf nachsehen. Ich war nicht der Grund, aus dem Du ins Casino gefahren bist.“

Die Original-Mitschnitte von Markus’ Anrufbeantworter spiele ich Alexander Fischer vor, dem Philosophen und Manipulationsspezialisten aus Basel. Er findet die Nachrichten bemerkenswert, da sei „richtig so ’ne Aggression am Grund ihrer Stimme, so eine krasse Anspannung.“ Er vermutet bei Tinka eine „massive Selbstwertthematik, die immer mit emotionaler Instabilität und unsicherer Bindung einhergeht. So massiv, dass es selbstverletzend sein kann und Selbstverletzung als Drohmittel involviert.“

Auch Bärbel Wardetzki erzähle ich, dass Tinka, die mal charmant, dann eiskalt sein kann, das Nein von Markus nicht akzeptieren will, ihn regelrecht stalked. Ich möchte erfahren, warum Tinka nicht loslassen kann. Ist es für Menschen wie sie so fürchterlich, dass sie die Macht über den Partner verlieren? Wardetzki erklärt:

„Das ist sicherlich ein Grund. Der andere Grund kann natürlich sein, dass diese Menschen gelernt haben, sich selber zu erniedrigen, denn es ist erniedrigend, wenn ich an der Tür stehe und möchte Einlass, und ich kriege permanent gesagt: ‚Ich lasse Dich nicht rein.’ Das ist etwas ganz, ganz Schlimmes. Es kann sein, dass diese Menschen gar nicht gelernt haben, auch mal zurückzugehen, mit sich selber zu sein und zu verstehen: ‚Da sagt einer nein, dann ist es Nein, dann muss ich mich daran halten.’ Es kann auch eine totale Verzweiflung in diesem Menschen sein, weil sie nicht alleine sein kann, weil sie den Anderen unbedingt haben muss. Der wird ja auch so idealisiert, dass diese Personen das Gefühl haben, sie verlieren etwas ganz, ganz Wertvolles.“

Markus gibt seiner verzweifelten Freundin immer wieder eine Chance, weil er an ihre Einsicht glauben will: „Bereits nach dem zweiten Streit stand Tinka ein paar Tage später vor der Tür und wollte nochmal reden. Da hatten wir die Vereinbarung getroffen, dass wir uns so nicht mehr streiten wollen, dass wir uns auf der Ebene so nicht mehr begegnen wollen, und ich dachte: Krass, sie hat’s verstanden, und ich hab’ auch verstanden, dass wir uns das nach dem, was wir so alles erlebt haben, auf der Ebene nicht treffen wollen, also im wahrsten Sinne des Wortes: nicht treffen wollen. Es war vernichtend. Es waren Sachen, die man sich nicht sagt, sondern, die: zerstören. Als Tinka vor meiner Tür stand und wir diese Vereinbarung trafen, war das ein heller Moment.“

Markus blendet die schlechten Erfahrungen aus. Dabei ist es besonders wichtig, aufmerksam zu sein und das, was nicht in der Beziehung funktioniert, ernst zu nehmen, sagt Bärbel Wardetzki: „Die Tendenz ist, alles zu beschönigen und zu sagen: Das wird schon wieder. – Und diese Hoffnung, dass es wieder so schön wird, wie es am Anfang, die bindet, die lässt einen blind werden. Das heißt: wenn eine Frau, oder auch ein Mann, erleben, dass sie in der Beziehung leiden, sollten sie das zu Allererst mal ernstnehmen. Gut ist, wenn man sich von außen Hilfe holt, weil der Blick von außen viel neutraler ist als von den Menschen, die in der Beziehung drin sind. Die sind natürlich getrübter in ihrer Wahrnehmung.“

In ihrem Buch „Und das soll Liebe sein“, beschreibt Wardetzki, wie man sich aus einer narzisstischen, wie man sich aus einer emotional missbräuchlichen Beziehung befreit. Es ist ein ungemein schwieriges Unterfangen, weil Menschen wie Tinka Strategien haben, um ihren Partner an sich zu ketten. Gerade dieses permanente Auf und Ab lässt einen glauben, alles werde gut, weil der Körper überflutet wird von Hormonen. – Irgendwann ist aber auch der Hormonhaushalt am Ende. Markus steckt in einem unübersichtlichen Chaos aus abwechselnden Vorwürfen, Tränenausbrüchen, schönen Momenten, Beschwörungen und permanenter Gewalt.

Markus geht es sehr schlecht, ihm wird es auch zwei Wochen später schlecht gehen, als er mir im Redaktionsbüro des Deutschlandfunks gegenübersitzt. Er sagt: „Ich fühle mich nicht frei. Ich frage mich nachwievor: kann der Fehler an mir liegen, also, dass es nicht geklappt hat mit Tinka? Was hätte ich anders machen sollen? Ich versuche immer noch, das Schlechte von ihr abzuwenden und ich versuche: zu mir zu kommen? Zu mir zu finden? Oder Ruhe zu finden? Auch vor ihr, weil die Geschichten, die sie mir erzählt hat über sich, ihre Familie, über ihre Freunde, das sind alles Menschen – ich habe ja insgesamt fünfzehn, zwanzig Leute kennengelernt, und von jedem wusste sie die dunkelsten Seiten. Natürlich weiß sie auch alles über mich. Ich habe Angst vor Tinka.“

Bärbel Wardetzki erklärt: „Es hört nach der Trennung nicht auf. Ich glaube, dass diese Erfahrung, kontrolliert und manipuliert zu werden, so bedrohlich ist, und so tief geht, weil es oft über Jahre hin passiert, dass man nach der Trennung nicht davon ausgehen kann, frei zu sein.“

Markus weiß nicht, was er glauben soll. Als er jenen Freund Tinkas kontaktiert, der angeblich als Kind verschleppt und missbraucht wurde, als er ungläubig nachfragt, bestätigt der Andere alles, und schreibt spürbar entsetzt: „Ich verstehe nicht, warum sie das rumerzählt. Es war absolut vertraulich.“ Hinter seine Nachricht setzt er einen Smiley mit niedergeschlagenen Augen. Dieser Mann leidet – und Markus zieht sich zurück. Die Geschichte wird ihm zu krass.

Er wird einen wichtigen Ratschlag beherzigen; und nicht zulassen, dass Tinka ihn in eine Opferrolle drängt. „Die Opferrolle, die psychologische Opferrolle muss man betonen, die halte ich für absolut kontraindiziert, weil wir keine Opfer sind“, sagt Bärbel Wardetzki, „auch wenn wir uns als Opfer fühlen, ist es so wichtig zu kapieren: Ich bin kein Opfer, und ich kann mir, und ich muss mir Unterstützung holen, damit ich lerne, mich abzugrenzen und meine Stärke, mein Selbstwertgefühl wiederaufzubauen. Das ist ganz wichtig. Als Opfer kann ich das nicht. Als Opfer habe ich das nicht. Als Opfer gebe ich das her.“

Ich habe Markus berichtet vom Gaslighting und den dunklen Seiten der Empathie, von Narzissmus, Borderline und meinen Roman „Sandbergs Liebe“, in dem diese Form des emotionalen Missbrauchs beschrieben wird. Er hat sich von Tinka losgesagt, denn „die ist total fertig. Nie ist ein Mann länger als ein paar Monate bei ihr geblieben. Nicht ich bin allein, sondern sie; und sie wird einsam sterben.“

Das klingt alles sehr traurig, aber vermutlich behält Markus Recht, denn Liebe bedeutet nicht, den Anderen einzuengen und zu manipulieren. Lieben bedeutet nicht, dass man seinem Partner eine permanente Schuld einredet, Lieben bedeutet nicht, dass man seinem Partner das klärende Gespräch verweigert, dass man ihn anlügt und demütigt, Lieben bedeutet, das hat der Soziologe Niklas Luhmann sehr schön geschrieben: „dem Anderen die Möglichkeit zu geben, etwas Gutes zu tun, dadurch, dass er ist, wie er ist.“

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