Interview: Wie erkenne ich Manipulation?

In seinen Anfängen wurde der Begriff „Manipulation“ weder negativ konnotiert noch im Kontext einer Handlungsbeeinflussung verwendet. Das lateinische „manipulus“ bedeutete „eine Handvoll“ und bezeichnete entweder eine taktische Einheit im römischen Heerwesen oder war schlicht ein Quantitätsmaß in Bereichen wie der Pharmazie. – Inzwischen hat sich die Manipulation gewandelt zum Kampf- und Schreckbegriff, das beschreibt auf eindrückliche Weise der Philosoph Alexander Fischer in seiner Studie „Manipulation –  Zur Theorie und Ethik einer Form der Beeinflussung“. Ein Gespräch, bearbeitet von Alexander Fischer und Jan Drees (auszugsweise hier gesendet beim „Büchermarkt“ im Deutschlandfunk).

Herr Fischer, Sie schreiben in ihrer Studie: „Wir beeinflussen einander stetig und in vielfältiger Weise. Hierbei gibt es einerseits ethisch eher unproblematische Formen der Beeinflussung – etwa wenn wir jemanden in rational argumentierender Art von etwas überzeugen wollen –, andererseits aber auch solche, die wir sofort als problematisch identifizieren: Gewalt, Erpressung, Nötigung oder Drohung, allgemeiner gesagt: Formen, die uns gewaltsam zu etwas bringen, uns letztlich zu etwas zwingen.“ Welcher Begriff der Manipulation bildet die erste Grundlage für ihre Untersuchungen? Vielleicht fangen wir mit einem einfachen Beispiel an. Man kennt das ganz gut, wenn die Oma am Telefon sagt: „Wann kommst du denn endlich mal wieder vorbei?“ Im Hören dieses Satzes passiert etwas, das uns unter die Haut kriecht, zumindest wenn wir ein bisschen anfällig für Schuld sind. Das, was da passiert ist das, was ich „Manipulation“ im ganz allgemeinen Sinne nennen würde. Es ist etwas, das uns jenseits unseres rationalen Nachdenkens erwischt, uns auf unserer Affektebene anspricht. Dabei geht es grundsätzlich darum, dass gezielt eine Handlungsoption, zum Beispiel eine Entscheidung für etwas, beispielsweise ein Kauf, mit angenehmen oder unangenehmen Empfindungen verbunden wird. Die Handlungsoption erscheint dann so attraktiver oder unattraktiver und lässt uns deswegen wahrscheinlicher danach handeln – oder eben nicht.

Sie schreiben, in ihren Anfängen wurde der Begriff „Manipulation“ weder negativ konnotiert, noch im Kontext einer Handlungsbeeinflussung verwendet. Wieso ist das jetzt anders? Wie verstehen wir jetzt Manipulation? Der Begriff hat tatsächlich eine bewegte Geschichte durchgemacht. In frühen Zeiten stand er für eine Maßeinheit, bezeichnete im Mittelalter eine Hilfeleistung für Schwache, die freundlicherweise „an der Hand geführt“ werden. In der Neuzeit dann wird er zum technischen Begriff im Umfeld von Destillateuren und Chemikern, die ein Gerät handhaben und er bekommt einen kunstfertigen Anstrich – denn hier ging jemand geschickt und produktiv mit etwas um. Diese Bedeutung kommt eher aus dem französischen Sprachraum. Im deutschen Sprachgebrauch stand „Manipulation“ zunächst für eine heilsame Veränderung im medizinischen Sinne im Rahmen des Magnetismus. Mit den Behavioristen, die den Menschen zum Teil auch maschinell verstehen, tritt der Begriff in die moderne Wissenschaft ein und wird zu einer Bezeichnung der Kontrolle und Steuerung von Menschen. Von den Kritikern der Behavioristen kommt zum ersten Mal der Gedanke des möglichen Missbrauchs ins Spiel.

Und dann sind wir bei der Propaganda. Vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft und ihrer Aufarbeitung, vor dem theoretischen Hintergrund der neo-marxistischen Auseinandersetzung mit politischen Machstrukturen, wird der Begriff gewissermaßen ins Negative hin vereinnahmt. Im Prinzip ist Manipulation im Nachgang der nationalsozialistischen Propaganda dann nur noch etwas, das unsere Libido bespielt und uns subtil mit der vorhandenen Lebensform aussöhnt, damit bloß kein Klassenkampf beginnt. Manipulation wird zum bösen Kern des Konzepts der Macht. Als Problem wird das Operieren unter dem rationalen Radar gesehen – zu viele Menschen wurden so schon in Reihe gehalten. Begrifflich betrachtet ist es bei uns dann so, dass der Begriff „Manipulation“ im Negativen manifestiert wird. Was dort passiert, ist, dass der vormals deskriptive Begriff, also der neutral beschreibende, mechanistische Begriff, wie er bei den Behavioristen angelegt wurde, in den Raum des Normativen gezogen wird – und das Manipulative etwas Schlechtes wird. Vor dem Hintergrund des bereits erwähnten Nationalsozialismus und dessen Propagandamaschinerie wird es dann notwendig, sich auf einen sichereren Grund zurückzuziehen. Es galt also: Zurück in die Rationalität, zurück zur Vernunft.

Viel wird in unserer Zeit über Manipulation gesprochen. Woran liegt das Ihrer Meinung nach? In der Regel kommt der Begriff auf, wenn wir Veränderungsprozesse bei Individuen oder größeren Gruppen wahrnehmen, bei denen wir uns fragen, ob der Weg von A nach B im Entscheidungsprozess unbedenklich war oder nicht. Ein eindrückliches Beispiel ist die Trump’sche Wahlkampagne, beziehungsweise allgemein die Art und Weise, wie in den USA die große Politik geführt wird, die durch Trump zu einem neuen Level gekommen sein mag, der als hochmanipulativ eingeschätzt wird. Das andere ist – auch bei uns in Deutschland – die derzeitig hörbare rechtspopulistische Tonlage, die auch gefährlicherweise unsere affektiven Saiten anschlage, zumindest wird es stark so wahrgenommen, dass vor allem Angst im Akkord gespielt wird. Es gibt natürlich auch die Medienschelte, bei der behauptet wird, dass die so bezeichnete „Lügenpresse“ in manipulativer Hinsicht unterwegs ist und eigentlich nur noch tendenziöse, emotional grundierte Meinungsbildung betreibe et cetera, et cetera. Das sind akute Felder, in denen es um Manipulation geht. Wenn wir das Gefühl haben, es geht von den Schienen der rationalen Besprechung hinunter, unter die Haut, irgendwie in den Gefühlsbereich, dann kommt der Gesprächsbedarf über Manipulation plötzlich auf – denn wir werden mit einer Art Kontrollverlust konfrontiert. Gleichzeitig muss man aber sagen: In einer sozialen Logik, in der wir die Rationalität nicht als das allherrschende, omnipräsente Mittel annehmen, also auch zugeben, dass wir endliche, begrenzt rationale Wesen sind, ist es vollkommen normal, dass manipulativen Mechanismen eine Rolle spielen. Barack Obama beispielsweise ist ein großartiger Manipulator – das klingt jetzt vielleicht ein bisschen paradox für viele Ohren, weil der Begriff „Manipulator“ wie „Manipulation“ allgemein negativ besetzt ist. Aber wenn man sich allein die „Victory Speech“ von 2008 anschaut, sieht man, wie gekonnt und kunstfertig Obama da agiert.

Sie schreiben viel über die ethische Dimension der Manipulation. Wie kann man gute und schlechte Manipulation im ethischen Sinne voneinander unterscheiden? Ein wesentlicher Teil meines Buches ist es, zu schauen, inwiefern wir dieses Phänomen der Manipulation eigentlich ethisch einholen können. Es ist so, dass die klassischen ethischen Theorien, man denke an Kant, an Mill, an Aristoteles, also an Pflichtethik, an den Utilitarismus und auch an die Tugendethik, dieses Phänomen nicht angemessen einholen können. Der generelle Verdacht, der vor allem bei Pflicht- und Tugendethikern im Hintergrund steht, ist in der Regel: Das ganze unterläuft die Rationalität, dementsprechend kann das nichts Gutes sein. Der Utilitarismus hingegen kann Manipulation gar nicht als Problem wahrnehmen: Solange das größte Glück für die größte Zahl an Empfängern sichergestellt ist, wäre es auch in Ordnung zu manipulieren. Beides geht rigoros an der Wirklichkeit vorbei. Wir haben eine Trias aus Rationalität, Freiheit und Würde im Hintergrund der ablehnenden Fraktion. Die Rationalität ermöglicht, dass sie frei handeln können und dieses freie Handeln ermöglicht, was eine menschliche Würde ausmachen könnte.

Manipulation ist nicht einfach etwas Schlechtes, sie ist erstmal etwas Normales? Wenn wir so vorgehen, also die Fähigkeit zur Rationalität schon an einen goldenen Anker weit über der endlichen Konstitution unserer Selbst hängen, wenn wir den Begriff „Manipulation“ in einer Art und Weise nutzen, wie er aus den 1960er und -70er Jahren herstammt, dann vermischen sich deskriptive, also einfach die Beschreibung des Mechanismus’, was dort passiert, und normative Komponenten, also die Frage, ob das eigentlich in Ordnung ist, was dort passiert. Mir ging es darum, das Ganze aufzudröseln: Zuerst den Mechanismus der Manipulation genau zu beschreiben – und dann von diesem Mechanismus ausgehend zu überlegen, inwiefern das normativ problematisch oder eben unproblematisch ist – statt sich direkt der, salopp gesagt, verteufelnden oder verharmlosenden Seite anzuschließen. Unterscheiden kann man dann an mehreren Aspekten. Ich denke, dass bei einer Manipulation, die ja im Bereich unserer Handlungsleitung stattfindet, mehrere Dinge berücksichtigt werden müssen: Da gibt es den Faktor – wir befinden uns im psychologischen Bereich – dass unsere Selbstwahrnehmung, unsere psychische Ökologie, unsere Charakterentwicklung, nicht so beeinflusst werden dürfen, dass sie ausgehebelt bzw. massiv gestört werden. Wir müssen die Wahrnehmung unserer selbst, der Außenwelt und dieser wechselseitgen Beziehung erhalten können. Dann gibt es die Freiheitlichkeit der Wahl. Sie ist etwas, auf das wir großen Wert legen. Die Manipulation ist meines Erachtens nach etwas, das uns ins Gefühl hineinstupst und damit ein gutes Stück weit aus der kühlen, berechnenden Rationalität herausbringt. Das bedeutet allerdings nicht zwingend, dass wir nicht mehr frei entscheiden könnten – dann hätten wir es ja mit Zwang zu tun, der von der Manipulation zu unterscheiden ist. Es ist eher so, dass uns etwas nährgelegt wird, ein bestimmter Zweck, durch die Schaffung eines situativen Kontextes oder indem dieser Zweck neu eingeführt wird. Auch die Konsequenzen einer Manipulation sind ethisch relevant. Es ist klar, wenn man an Beispiele wie Othello denkt, der am Ende Desdemona umbringt, dass allein aufgrund dieser Konsequenzen, die verheerend sind, die Manipulation, die durch Jago initiiert und geleitet wird, nicht in Ordnung sein kann. Es muss legitime Zwecke geben, die im Hintergrund der Manipulation stehen.

Wieso ist Jago im Othello ein guter Manipulator? Jago weiß genau, mit wem er es zu tun hat und Jago versteht, wie die Menschen im Allgemeinen ticken und Othello im Besonderen. Das ist bei Shakespeare ganz faszinierend, weil er eigentlich derjenige ist, der mir im Rahmen des Schreibens meiner Doktorarbeit als jemand aufgefallen ist, der ganz genau verstanden hat, wie komplex das Wechselspiel zwischen unserer Rationalität und unserer Affektebene ist. Jago ist jemand, der all dieses Wissen von Shakespeare bekommen hat. Er weiß, wie bestimmte Emotionen funktionieren, wie sie Handlungen induzieren, wie sie dazu führen können, dass Othello sich in einer bestimmten Art und Weise bewegen wird. Das macht ihn zu einem eindrücklichen Beispiel, an dem man wunderbar zeigen kann, was im Mechanismus dieser Manipulation und allgemein im Zuge der Manipulation passiert. Dabei ist es auch so, dass Literatur mehr ist als nur eine Illustration, sondern gewissermaßen auch als eine Art Erkenntnisinstrument fungieren kann, die uns etwas anschaulich und angemessen vergegenwärtigen kann. Wir verstehen dann auf eine unmittelbare Art und Weise, was bei der Manipulation passiert, wie das für die manipulierte Figur sein mag, inwiefern das problematisch ist; oder eben nicht, welche Rädchen ineinandergreifen, welche emotionalen Wellen sie überspülen. Bei Othellos Beispiel im negativen, im illegitimen Sinne, denn Othello ist selbstverloren, Othello hat im späteren Verlauf des Stückes kaum mehr die Möglichkeit, sich anders zu entscheiden. Jago treibt die Dinge auf die Spitze – und die Konsequenzen sind verheerend. Da haben wir wieder diese drei Bestandteile der ethischen Beurteilung.

Auch Orwells „1984“, das sie ebenfalls beobachtet haben, ist ein negatives Beispiel. Ja, da kommen noch mehr Dinge als die Manipulation hinzu. Wir finden dort sozusagen eine integrative Beeinflussung mit mehreren Formen der Beeinflussung, die man vielleicht als Gaslighting verstehen kann. Es gibt aber auch Beispiele, in denen wir vielleicht von legitimen Varianten sprechen könnte; mir fällt da „Viel Lärm um Nichts“ von Shakespeare ein, wo Verliebte, die es nicht ganz schaffen, aufeinander zu kommen, in diese Liebe gestupst werden von Umstehenden, die ihnen wohlwollend manipulativ den Weg bereiten. Genauso ist es bei einem historischen Beispiel, das aus Frankreich und Preußen stammt, aus einer Zeit, als die Kartoffel neu eingeführt wurde. Es war wohl so, dass sie mehr oder weniger als Teufelszeug galt, giftig sein musste – und es gab allerlei Maßnahmen, das hungernde Volk dennoch zum Verzehr zu bringen. Es gab Verordnungen, Erlässe, die überhaupt nicht gewirkt haben. Argumente, die auch über die Presse in den Diskurs geworfen wurden, gingen einfach größtenteils ins Leere. Man tüftelte dann an anderen Strategien, die Kartoffel und Volk zusammenbringen sollten: Plötzlich predigten Pfarrer salbungsvoll über die Kartoffel in ihren Kirchen. Kartoffelfelder wurden eingerichtet, die man bewachte, um den Wert der Kartoffel unmittelbar als ein höheren Wert darzustellen. In Frankreich gab es Kartoffeldinners, zu denen Berühmtheiten kamen und Kartoffelgerichte gegessen haben, an denen das Volk mit hoher Aufmerksamkeit teilgenommen hat, es gab einen Preis für das beste Kartoffelgericht, der öffentlich vergeben wurde… Manipulation ist erst einmal etwas völlig Normales, wenn wir davon ausgehen, dass wir begrenzt rationale Wesen sind. Deswegen kann man nicht einfach Ja oder Nein in ethischer Hinsicht sagen, sondern: Es kommt drauf an.

Dieses Thema ist sehr groß – dennoch wissen wir so wenig über Manipulation. Warum? Ich glaube, da können wir mit einer Bemerkung von Edward Bernays einsteigen, der sagte, dass die Auseinandersetzung mit Propaganda niemals eine exakte Wissenschaft sein kann, denn der Gegenstand, um den es dort geht, ist der Mensch. Man findet oft die Überzeugung, dass wir mittels einer positivistisch operierenden Wissenschaft, also mit Empirie, mit Zahlen, Statistiken, erhobenen Daten, zu Erkenntnissen gelangen, die uns auch in die Tiefe des Menschlichen bringen. Allerdings ist es wohl vernünftiger, davon auszugehen, dass wir da eher vor einer „black box“ stehen – uns also die letzten Meter der wissenschaftlichen Ausleuchtung dunkel bleiben. Es ist in der Forschung dazu, wie der Mensch beeinflusst werden kann, vielmehr von einer asymptotischen Annäherung an die Sache zu sprechen. Modelle von Manipulation, Gaslighting und anderem sind in der Regel idealtypisch konstruiert. Wenn man davon ausgeht, dass eine Manipulation stattfindet, ist es oft so, dass sie auch mit Täuschung, mit bestimmten Lügen – also anderen Formen der Beeinflussung – einhergehen kann. Die Dinge gehen durcheinander, und das ist typisch menschlich, weil Weniges im Umfeld des Handelns eindeutig, klar ist. Ein vielbemühtes Beispiel bringt das auf den Punkt: Gemessene Hirnströme in Momenten des Sich-schuldig-Fühlens sagen uns nicht wahnsinnig viel darüber aus, wie Schuld im Inneren des Einzelnen funktioniert, genausowenig sagen die sichtbar leuchtenden Hirnareale etwas darüber, welche Pendel des inneren Erlebens angestoßen werden. Dafür braucht man andere Erkenntniswege. Für Freud war es immer ein Ideal, irgendwann in den empirischen Bereich zu kommen. Er nutzte aber auch das Erzählen, das Bildhafte, um seine Patienten besser zu verstehen – und uns deren Innenleben zu vergegenwärtigen.

Mit dem Erzählen klingt es schon an: Auch die Literatur ist ein wichtiges Erkenntnismedium? Definitiv. Wenn sie an Georg Büchners „Lenz“ denken, mit seiner Schizophrenie, mit seinen depressiven Phasen, die er durchlebt, dann macht uns dieser Text etwas auf eine unmittelbare Art und Weise klar, die eben nicht mit der empirischen Variante arbeitet, sondern die uns das, was das Schizophrene, das Depressive ausmacht, angemessen zu vergegenwärtigen versucht. Dies können wir dann abgleichen mit dem, was wir sonst wissen, gehört, vielleicht gar selbst erfahren haben. Um den früheren Gedanken wieder aufzunehmen: Es ist eher eine asymptotische Annäherung, wenn wir uns ins dunkle Innere des Menschen vorwagen und zu verstehen versuchen, wie er eigentlich tickt, der Mensch – denn letztlich bleibt er immer ein Stück weit eine „black box“. Da sollten wir uns auch nicht täuschen lassen, was aber nicht bedeutet, dass wir das Verstehen abbrechen, keine Modelle mehr machen sollten oder sowas. Wir sollten vielleicht einfach nur ein wenig bescheiden bleiben, wenn wir in diesem Bereich unterwegs sind.

Was ist, sie haben es vorhin kurz eingeworfen, nach ihrer Definition das Gaslighting, dieser Begriff, den wir heute immer häufiger hören? Gaslighting scheint mir eine Mischform der Beeinflussung zu sein, wo mehrere Methoden zusammengehen, die auch getrennt betrachtet werden können. Der Begriff kommt von Patrick Hamiltons Theaterstück mit dem Titel „Gaslight“, das Phänomen an sich ist aber stärker assoziiert mit der Verfilmung des Stückes unter dem Titel „Das Haus der Lady Alquist“, in dem Ingrid Bergmann die Hauptrolle spielt. Dort geht es darum, dass der Protagonistin durch zum Beispiel die schiere Bewegung der Gegenstände in ihrer Umwelt, durch Täuschungen, Lügen, Manipulation und soziale Isolation von ihrem Ehemann Gregory, vermittelt wird, dass sie eigentlich ganz falsch denkt, ganz falsch fühlt, und gar nicht sieht, wie die Dinge wirklich sind. Bilder verschwinden von Wänden und die Protagonistin mit dem Namen Paula soll sie abgenommen haben, aber sie kann sich nicht daran erinnern. Ihr wird vermittelt, dass sie sich einbildet, Schritte über sich zu hören; obwohl tatsächlich ihr Ehemann auf dem Dachboden herumschleicht. Sie wird schlecht behandelt vom Kindermädchen und ihrem Ehemann, der ihren Klagen über das Kindermädchen nur entgegenzusetzen hat, dass sie spinne, überkritisch sei. Er isoliert sie zudem immer weiter von anderen Kontakten und erhält so mehr und mehr Hoheit über ihre Sicht der Realität.

Was da passiert, sind also mehrere Dinge? Ja, hier fließen die Dinge irgendwann ineinander. Es gibt ganz klare Täuschungen. Die Realitätskonstruktion wird unterminiert, die Dinge werden anders dargestellt, als sie sind – mit einem bestimmten Zweck, den derjenige verfolgt, der das Ganze betreibt. Es wird auch schier Gelogen. Weiters ist Gregory manipulativ. Er vermittelt ihr – die sie doch glaubte, dass sie einen liebevollen, guten Partner gefunden habe, bei dem sie so sein könne, wie sie ist –, dass sie nicht gut genug sei, dass sie falsch denke, falsch handle, dass sie die Dinge schlicht falsch sehe. So ist nicht nur die Konstruktion ihrer Realität falsch, auch versucht er diesen Eindruck auf der Gefühlsebene zu verankern, gerade wenn er ihr vermittelt, sie sei ganz falsch mit dem was sie denke und eben auch fühle, wenn sie nicht fühlt, dass sie falsch ist. Diese massive Unterminierung der individuellen Realitätskonstruktion kann dann in etwas enden, das wir Zwang nennen könnten, wenn das Gaslighting-Opfer gar nicht mehr anders kann, als die übergestülpte Konstruktion des Gaslighters für richtig zu halten und danach zu handeln. Wir haben es also mit vier Formen der Beeinflussung zu tun, die zu einem übergeordneten, integrativen Phänomen der Beeinflussung zusammengehen: Täuschung, Lüge, Manipulation und Zwang.

Sie haben vorhin gesagt: „Othello kann gar nicht anders handeln.“ Wie haben wir das zu verstehen? Normalerweise können wir doch entscheiden, wie wir handeln. Wie bereits erwähnt, sehe ich im Rahmen der Manipulation auch weiter einen Raum für ein freies Handeln, sonst hätten wir es schlicht mit Zwang zu tun und das wäre vielleicht eine Überschätzung der Manipulation – da braucht es größere Geschütze wie Gaslighting oder umfassende, stets wiederholte Manipulation. Bei „Othello“ haben wir es natürlich aber mit Literatur zu tun. Es ist ein Raum, in dem etwas überdeutlich dargestellt werden kann, befreit von den Gewichten der Realität. Bei Othello ist es so, dass uns ein Bild von „jemandem verfallen sein“ vermittelt wird, das uns etwas deutlich macht, was wir immer noch gut kennen in der Emotion Eifersucht: Dass wir das Gefühl haben, wir landen in einer Einbahnstraße des Handelns. Wir können eigentlich gar nicht anders, als diesem großen, schmerzvollen Impuls nachzugeben und ihm unsere Handlungsleitung zu überlassen. In „Othello“ wird genau das dargestellt, mit der Figur Othello, die durch die Eifersucht, die in ihr ultimativ entflammt wird, wenn das von ihm geschenkte Taschentuch Desdemonas in den Händen des falschen Mannes gezeigt wird, sodass er dann das Gefühl hat: Ok, ich kann eigentlich nur noch diesem Impuls nachgeben. Das wird zusätzlich bestärkt durch Jago, der ihm sagt: „Nun ja, natürlich, du musst hier auch tätig werden“ und deswegen erscheint es für ihn so, in dieser situativen Konstruktion seiner Realität, so könnte man es vielleicht nennen, dass es eigentlich nur noch eine Variante der Handlung gibt: den Mord.

Weiß derjenige der manipuliert notwendigerweise, dass er das tut? Ich denke, dass der Manipulator das nicht notwendigerweise immer bewusst tut. Ich glaube, dass Manipulation schon immer eine gewisse Intention hat, aber da müssen wir uns darüber streiten, wo Intentionen anfangen und wo sie aufhören. Ich glaube, dass auch eine unbewusste Handlung gewissermaßen mit einer Intention versehen sein kann, auch wenn diese erst in einer sekundären Reflexion eingeholt und bewusstgemacht werden kann.

Weshalb manipulieren wir, was haben wir davon? Wir müssen uns immer den Bereich angucken, in dem die Manipulation stattfindet. Wenn es innerhalb einer Beziehung ist, kann es beispielsweise sein, um dem anderen etwas Gutes zu tun. Gerade die Liebe ist ein Feld der vielfältigen Manipulation, auf dem wir gerade auch zu Beginn den anderen davon überzeugen wollen – und zwar nicht rational – dass wir liebenswert sind. Wenn wir in einen psychotherapeutischen Bereich schauen, dann könnten wir sagen, dass es auch dort darum geht, dass zum Beispiel eine bestimmte negative Empfindung überarbeitet wird mittels manipulativer Methoden. Wenn wir in den Bereich der Politik schauen, dann wird oft ganz klar dahingehend manipulativ operiert, dass eine bestimmte Wahl getroffen, ein bestimmtes Kreuzchen gesetzt werden soll. Wenn wir in Richtung Werbung und PR schauen, dann geht es natürlich darum, einen Anreiz zu setzen, das Produkt zu erwerben, den Kauf nahezulegen.

Können wir erkennen, was Manipulation ist, so wie wir mit technischen Hilfsmitteln nachweisen können, ob ein Foto manipuliert worden ist? Ich glaube, es gibt da mehrere Faktoren, auf die man achten kann, um Manipulation erkennen zu können. Auch, wenn wir deswegen mitnichten immun gegen sie werden. Da versprechen Ratgeber ein bisschen leichtfertig zu viel, denke ich. Es ist es natürlich von Vorteil, die Mechanismen der Manipulation an sich zu verstehen und theoretisch auszubuchstabieren. Im Moment der Manipulation ist es oft so, dass man es selbst nicht bemerkt. Wenn man dann aber den Kopf wieder hinzunimmt, bildlich gesprochen aus dem vorherrschenden Bauch herausgeht, können wir bestimmte Marker ausmachen: Ein affektbetontes Vokabular, ‚inhaltsarme Inhalte’, Bilder, Symbolsprache, Faktoren para- und nonverbaler Kommunikation, die im Vordergrund stehen und bestimmte Gefühle, Emotionen oder Stimmungen auf die hingezielt wird. Ich denke da beispielsweise an politische Kampagnen, bei denen nur noch ein symbolgetränktes Bild im Mittelpunkt steht und dann ein Name. Im Prinzip geht es da gar nicht mehr darum, dass Inhalte vorgebracht werden, über die man dann rational und kritisch diskutieren und urteilen kann, sondern eigentlich nur noch um die Vermittlung eines Bildes selbst, das sich mit all seiner symbolischen und affektiven Kraft in uns einschleichen soll, um dann diffus dort zu wabern. Grundsätzlich ist es also so, dass wir, wenn wir die Manipulation erkennen und aufschlüsseln wollen, wieder in den rationalen Modus zurückschalten müssen. Natürlich ist es auch wichtig, dass man vertrauenswürdige Menschen im Umkreis hat, mit denen man dann einen Realitätsabgleich erweitern kann, die uns zurückführen ins rationale Verstehen, die und Hinweise geben können, dass eine Manipulation stattfindet.

Alexander Fischer: „Manipulation –  Zur Theorie und Ethik einer Form der Beeinflussung“, Suhrkamp, 265 Seiten, 18 Euro

 

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