Rezension: „Junge Hunde“ gegen alte Ressentiments

Junge Hunde von Cornelia Travnicek

„Manchmal hat man das Gefühl, nur bei den Ahnen noch unter Deutschen zu sein.“ Mit diesen raunenden Worten eröffnete Schriftsteller Botho Strauß im Oktober sein SPIEGEL-Pamphlet mit dem postapokalyptischen Titel „Der letzte Deutsche“. Dass Kultur heutzutage nicht nach Nationen separiert werden kann dürfte offensichtlich sein. Deshalb, nun im Blog: Die Österreichische Autorin Cornelia Travnicek beschreibt in „Junge Hunde“ die Kontinente überbrückende Suche nach Identität in unserer Zeit und liefert im Roman und im Interview eine dezidierte Gegenrede zu Strauß’ „Bocksgesang reloaded“. 

Denn nicht nur der „letzte Deutsche“ Botho Strauß ist mal wieder auf der Suche nach seiner Identität und sieht diese Identität natürlich als verloren. Auch Kollegen wie der erzkatholische Martin Mosebach („Etwas problematisch zu finden, wird als rassistisch gebrandmarkt“) oder die gewaltbereiten „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ kämpfen gegen das Aussterben ihrer Kultur, der urdeutschen, was auch immer das sei soll, gegen das Aussterben des Christentums, hier wieder als Herrschaftsinstrument missverstanden, gegen das Aussterben ihrer eigenen Ideologie. Die Terroranschläge in Paris haben die Situation nur noch verschärft.

Daher besuche ich am Sonntag um 22:05 Uhr im einstündigen Zündfunk-Generator-Feature auf Bayern 2 mehrere Helden, die im Jahr 2015 gegen die beklemmende Enge im Land angehen. Mit dabei sind „Weltensammler“ Ilija Trojanow, die aktuelle Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Nora Gomringer, der stolzeste deutsche Dichter Feridun Zaimoglu, die Organisatoren der „Lettrétage“ in Berlin, die Literaturwissenschaftlerin Julia Abel, die nochmal daran erinnert, dass Goethe, „unser Nationaldichter“, bereits die „Weltliteratur“ als Konzept gegen Herders „Nationalliteratur“ ausrief; und Cornelia Travnicek, die Asien und Europa mit einer beeindruckenden Geschichte zusammenbringt.

Wenn Strauß’ im Essay darüber schreibt, dass die Sozialdeutschen ebenso entwurzelt seien wie jene, die sich nun aus angeblich „ökonomisch-demografischen Spekulationen“ zu ihnen „gesellen“ (als sei die Flucht aus Syrien aufgrund einer Einladung zum Tee erfolgt), dann möchte man unwillkürlich mit dem Klappentext von „Junge Hunde“ antworten, wo fragend das Problem aufgegriffen wird. „Kann ein Mensch ganz bei sich sein, wenn er nicht weiß, woher er kommt?“ steht da. Auf 240 Seiten werden dann die Studentin Johanna und ihr bester Freund Ernst vorgestellt. Beide sind Entwurzelte. Johanna erfährt irgendwann, dass ihre Mutter längst schwanger war, als sie ihren vermeintlichen Vater kennenlernte. Ernst dagegen weiß, dass er als Baby adoptiert wurde. Er ist in sein Geburtsland China gereist, um seine Mutter zu finden.

IMG_8095 KopieWechselseitig erzählt versucht Johanna, gegen die neue Fremdheit in ihrer Biografie anzukommen, während Ernst aus der vermeintlichen Fremde in seine biologische Heimat kommt und in einem Code-Wirrwarr landet, mit einer fremden Sprache, die er nur mit österreichischem Akzent beherrscht. Über die Distanz kommen sich die beiden näher. Doch was ihnen direkt vor Augen steht bleibt rätselhaft. Weder ihre Geburts-, noch die Heiratsurkunde ihrer Eltern können weiterhelfen. Der Taufschein ist in jeder Hinsicht nutzlos. Keines der offiziellen Dokumente hat eine Antwort für sie. Alle Telefonate bleiben ohne Ergebnis. Ihr Vater hat die Vaterschaft anerkannt, Ende der Diskussion. Was interessiert Bürokraten eine Postkarte, von der sie nichts wissen können. Was interessiert es mich eigentlich, denkt sie jetzt, was ändert es an mir? Und gibt sich die Antwort: nicht das kleinste Teilchen.“

28 Jahre alt ist die Wienerin Cornelia Travnicek, studierte Sinologin und Informatikerin, mehrfache Literaturpreisträgerin. Mit ihrem Debüt „Chucks“ sorgte sie 2012 für Aufsehen. Aktuell arbeitet sie in Teilzeit als Researcher in einem Zentrum für Virtual Reality und Visualisierung. Aktuell programmiert sie neue Steuermöglichkeiten in ein Programm für Verkehrssimulation. Die Dreads hat sie weiterhin. Cornelia ist frisch verheiratet. In ihrem Facebook-Account zeigt sie Fotos von selbst gebackenen Nougatsternen und Kürbissen aus dem eigenen Garten. Sie reist durch die halbe Welt, war in Asien, den USA und kann davon berichten, ob das Deutsche ihrer Meinung nach ausstirbt.

Sie sagt: „Es gibt auch in Europa eine Linie zwischen West- und Osteuropa. Die deutschsprachige Literatur ist wahrscheinlich im Osten noch ein bisschen präsenter, teilweise wahrscheinlich sogar als die englische. Dafür ist in Westeuropa die englische Sprache sehr mächtig, auch was die Präsenz im Buchmarkt betrifft.“ Sie glaubt an eine pan-europäische Literatur, wie sie im Mittelalter längst festgemacht werden konnte, an die Überwindung von Ressentiments durch die Sprache, statt über die Sprache neue zu entwickeln: „Ich bin jetzt in Prag eingeladen, war schon in Ljubljana, in Serbien. Es gibt da überall Kulturforen. Da gibt es Leute, die Deutsch als zweite Fremdsprache lernen, die das vielleicht sogar gleichwertig zu Englisch lernen und das ist für uns immer ganz witzig zu sehen, weil wir selbst die englische Sprache als viel übermächtiger wahrnehmen als unsere eigene.“

Natürlich sei es so, dass niemand den Menschen einer Region die kulturelle Identität absprechen wolle, nur weil für mehr Einigkeit geworben werde. „Ich glaube, dass Nationalstolz ein Luxus ist. Das kann man immer machen, wenn man nicht von anderen Leuten abhängig ist. Aber das wird in der Welt immer weniger. Man sieht einfach, dass wir alle immer stärker zusammenhängen und dass eben niemand eine Insel ist. Nicht mal England ist eine Insel in der Hinsicht. Da muss man zurückstecken. Ich glaube, dass es durchaus für Europa so funktionieren kann, und vielleicht sogar funktionieren muss, wie es für die USA eben funktioniert – weg vom Staatenbund, hin zum Bundesstaaten. Man nimmt den Leuten ja nix weg.“

Genau diese Frage, ob etwas weggenommen werde, wenn etwas Neues hinzukommt, wird auf sehr smarte Weise in „Junge Hunde“ verhandelt. Es ist keinesfalls so, dass die beiden Freunde allein dem Verlust nachreisen. Sie lernen auf ihrem Weg – Johanna in Österreich, Ernst in China, – dass die Suche nach dem Fehlenden eine Bereicherung ist, dass man gleichzeitig ein Bewusstsein dafür bekommen kann, was gerade nicht da ist, was verschwindet oder niemals vorhanden sein wird, während ein Leben immer neue Werte und schützenswerte Ereignisse bereithält, Entdeckungen.

Irgendwann wird Johanna, die sich von allen verlassen fühlt, auf die kleine Tochter einer Freundin aufpassen, auf Lili. „Unschlüssig bleibt Johanna neben dem Tisch stehen. Lili ist nicht aus der Ruhe zu bringen. So ist es vielleicht, wenn man adoptiert hat, denkt sie sich: Jeden Tag siehst du ein fremdes Kind an, willst nur das Beste für es und weißt nicht genau, wie du das anfangen sollst, weil du kein Recht an ihm hast, kein Recht ihm gegenüber.“

Aber stimmt das? Ist das adoptierte Kind fremd? Kann man zu einem Nenn-Vater die gleiche Nähe wie zum „eigenen Blut“ aufbauen? Ist die Johanna anvertraute Lili in jenem Moment weniger schützenswert? Ist Fremdsein Bedrohung oder Chance? „Auf einem Sender sagt ein Politiker, Kinder bräuchten Wurzeln und Flügel, und Johanna will ausrufen: Was für ein Quatsch. Fliegen können, aber nie abheben, weil einen da immer etwas von der Wade abwärts festhält. Sie stellt sich einen Bundesadler vor, der bis über die Krallen in einem österreichförmigen Stück Erde einbetoniert ist, wie in eine Schwimmhilfe Marke Mafia. Wer Flügel hat, der braucht ein geschütztes Nest, zu dem er jederzeit zurückkehren kann, einen Ort der Rast. Und nicht etwas, das ihn unten hält.“ Am Ende werden Johanna und Ernst wissen, was ihre Wurzeln sind – es wird die ganze Sache keinesfalls einfacher machen.

Cornelia Travnicek: „Junge Hunde“, DVA, 240 Seiten, 14,99 Euro / Einen später weggefallenen Ausschnitt aus dem Buch gibt es hier bei VICE / Nach Identität und der Bedeutung von Genen fragte bereits Benedict Wells in „Fast genial“ / Fotocredit: Annika Kipper

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