Kommentar: Warum wir Differenz statt Distanz brauchen

Am heutigen Sonntag endet die Leipziger Frühjahrs-Buchmesse. Viel gesprochen wurde über Uwe Tellkamp, nachdem sich der Dresdner Schriftsteller am 8. März bei einer öffentlichen Diskussion mit seinem Kollege Durs Grünbein ungebührlich verhalten hatte. Tellkamp wurde auf unangenehme Weise auffällig mit Afd- und Pegida-nahen Thesen, darunter auch die längst als Lüge enttarnte Behauptung, dass 95 Prozent der Migranten in unseren Sozialstaat einwanderten, ihn ergo ausbeuten wollten. Inzwischen hat Tellkamp, 2008 immerhin ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis, eine für die kommende Woche geplante Lesereise abgesagt, da er eine nicht unerhebliche Gefahr erkannt haben will, nämlich jene, dass seine Veranstaltungen zweckentfremdet und von Kräften gekapert werden, die mit Literatur wenig oder nichts zu tun haben – als seien seine Dresdner Äußerungen im literarischen Raum zu verorten.

Die hiesige Literaturszene hat sich ausgiebig zur „Causa Tellkamp“ geäußert – und wenn man vor allem die vergangenen Messetage auf ein Wort reduzieren möchte, so kommt man zu dem vielsagenden Begriff der Distanz. „Suhrkamp distanziert sich von Uwe Tellkamp“, schrieb die Süddeutsche Zeitung. „Durs Grünbein distanziert sich von Uwe Tellkamp und Suhrkamp“, vermeldeten später die „Dresdner Neuesten Nachrichten“. – Damit liegen der Verlag und seine beiden Autoren im Trend. In den vergangenen Tagen distanzierte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel von den Islam-Aussagen ihres Innen- und Heimatminister Horst Seehofer. Der kommissarische SPD-Chef Olaf Scholz distanzierte sich von Gesundheitsminister Jens Spahn. Der Spieleratgeber NRW distanzierte sich vom Fernsehsender Pro 7. Wer heute anderer Meinung als sein Gegenüber ist, der widerspricht nicht einfach – nein, er distanziert sich.

Die Distanzierung, sofern sie stattfindet in der Sphäre des menschlichen Umgangs, wird als Ablehnung verstanden, als ein bewusstes Abstand-Nehmen von Aussagen, Haltungen oder gleich der ganzen Person. Die Distanzierung ist hier ein Mittel, um Kommunikation zu erschweren. Denn wer sich entfernt, muss umso lauter rufen, damit er von seinem Gegenüber gehört werden kann. Die Distanzierung ist ein Mittel, das die Differenz nicht mehr als Differenz, den Anderen nicht mehr als Anderen würdigt. Die Distanzierung ist eine Abwehrhaltung, die in den meisten Fällen keinen Respekt mehr kennt. Die Distanzierung will sich mit dem Anderen als Anderen nicht mehr auseinandersetzen, sondern lediglich markieren: „Ich bin anders, reden will ich aber nicht.“ Sie ist ein performativer Akt, der mit seinem Vollzug abgeschlossen scheint. Die Distanzierung wirkt zudem in den meisten Fällen emotional motiviert.

Darin liegt eine große Gefahr. Wenn die Haltung eines anderen Menschen zur Distanzierung statt zum Dialog führt, lebt jeder für sich allein – Gemeinschaft findet nicht mehr statt. Dabei ist das Denken in Differenzen wesenhaft für das, was als abendländische Kultur bezeichnet werden kann, durchaus in Abgrenzung zu asiatischen Traditionen wie jenem Yin-Yang-Prinzip, das auf Ausgewogenheit setzt, man denkt beispielsweise an Friedrich Hölderlin: „Ein anderes freilich ist’s, Unterschiedenes ist gut.“

Hinzu kommt, ebenfalls verknüpft mit dem abendländischen Diskurs, die gesellschaftsevolutionär bedingte Stärkung der rational-kühlen Argumentation bei gleichzeitiger Abnahme des allzu emotional-heißen Denkens. – „Wenn wir Meinungsfreiheit ernst nehmen, müssen wir sie auch jenen zugestehen, deren Wertvorstellungen und Meinungen wir nicht teilen, ja, deren Ansichten wir sogar für gefährlich halten“, sagte Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse am Mittwochabend dieser Woche.

Die Bedeutung dieses Satzes kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Differenz und dennoch der Dialog sollten unsere kulturelle Praxis bedingen, viel häufiger die Ratio über dem manipulativ Emotionalen stehen. Deshalb ein Vorschlag zur Lösung, der den Begriff der Distanz überführt vom Gefühl in die Verstandessphäre: Man kann die Distanz auch mathematisch verstehen. In der Metrik bezeichnet die Distanz den kürzesten Abstand zwischen zwei Punkten. Die Distanz der Mathematik ist nicht moralisch. Wer sich auf diese Weise distanziert, der kann sich näherkommen – und sprechen. Am Anfang jeder Kommunikation steht eine Differenz; und am Ende muss keine Einheit festgemacht werden, sondern im vornehmsten Sinne eine bessere Differenz.

(Der Kommentar wurde gesendet im Deutschlandfunk am 18.3.2018)

2 thoughts on “Kommentar: Warum wir Differenz statt Distanz brauchen

  1. Silvia Pistotnig on

    Danke für den Kommentar, ich wollte bereits etwas Ähnliches auf Facebook posten. Wie kann man als (zumindest von sich selbst) als tolerant empfundener Mensch mit Intoleranz umgehen? Sich distanzieren, darüber schimpfen, totschweigen, ignorieren, es verharmlosen, zynisch oder lächerlich machen, alles nicht der richtige Weg. Ernst nehmen, wahrnehmen und das Gespräch aufnehmen. Nicht einfach, aber notwendig.

  2. Margit Mißbach on

    Ein großartiker Beitrag, der hoffentlich von vielen gelesen wird, den hoffentlich viele gehört haben. danke Jan Drees

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