Spiel mir das Lied vom Tod

Im Frühjahr 2009 habe ich für 1LIVE das Lesefest lit.COLOGNE on und off Air begleitet. Darunter auch die Veranstaltung von Dauer-lit.COLOGNE-Gast Roger Willemsen.

Als der Biologielehrer wenige Tage nach dem frühen Krebstod von Roger Willemsens Vater ein Skelett in den Unterrichtsraum schob, krähte jemand aus der letzten Reihe: „Schau mal, Roger, dein Vater kommt zur Elternsprechstunde.“ Der Mitschüler entschuldigte sich wenig später, unter Tränen, den Tränen eines Unwissenden. Denn er konnte damals nicht wissen, dass hinter seinem pietätlosen Scherz nichts anderes als Todesangst steckte, die Angst vor dem eigenen Ende, das kurzerhand fortgelacht wurde.

„Der Knacks“, gestern von Willemsen im Kölner Schaupielhaus vorgetragen, fragt nach Lebensbrüchen, allerdings nicht in Roman-, sondern in knapp gehaltener Aufsatzform. „Der Knacks“ versammelt auf knapp 300 Seiten wohl bekömmliche Wendepunkt-Gedanken. „Die Sprache für den Knacks ist das Fragment. Fragmente sprechen nicht vom Ganzen, Intakten, ihre Vollendung liegt in ihrer Gebrochenheit.“

Auch deshalb kommt dieses Buch als gebrochener Text daher. Seine Übergänge wirken oft gewaltsam gekittet. Aphorismen folgen Szenenbeschreibungen. Kulturwissenschaftliche Abhandlungen stehen neben Erinnerungen. Es geht von Sophokles aus zu Francisco de Gaya („Auch die Zeit ist ein Maler“) zu Amy Winehouse (Willemsen imitiert Spex-Attitüden), zurück zur Kindheit, dann wieder von den Osterinseln hinab ins „War against Terror“-Lager Guantanamo: „Wo man sich der Folter zuwendet, kann man der menschlichen Phantasie bei der Arbeit zuschauen, beim Erfinden von Geräten, die den schlimmsten Schmerz erzeugen können, bizarren Geräten mit eigener Logik und Funktionalität.“

Wo man sich Roger Willemsens Knacks zuwendet, gilt Ähnliches. Der TV-Bildungsbürger konfrontiert seine Leser mit schlimmen Schmerzen, schüttet sein Zettelkastenwissen über die Unvollkommenheit des menschlichen Lebens aus, delektiert sich an der Pornodarstellerin, die „a tergo“ genommen Interviewantworten ins Mikrofon diktiert („Der Knacks der Pornographie wird frei in der Ungerührtheit der Frauen“), sammelt Alltagstragödien („In Frankfurt saß einmal ein Bettler in der Bahnhofsgegend mit einem Schild: Finde keine Arbeit wegen meinem Gesicht.“) und stellt William Shakespeares in sich zerrissenen Hamlet bloß mit dem schönen Thomas-Carlyle-Zitat: „The whole man must move at once.“

„Der Knacks“ ist, wie alle Bücher Roger Willemsens, ein Publikumserfolg, vergleichbar mit der „Spacenight“ im BR-Fernsehen, Panorama-Vorführungen skandiniavischer Landschaften oder auch den Oberhausener Kurzfilmtagen. „Der Knacks“ ist Jonathan Franzens „The Corrections“ in der Light-Version, klug gesammeltes „Die Zeit“-Wissen für geistig Bessergestellte, freundlich im Ton, ehrlich gefühlt – wer Roger Willemsen dafür anfeindet, geht ebenso achtlos an Panflötenspielern in der Fußgängerzone vorbei.

Der Abend im Schauspielhaus war von jener bildungsbürgerlichen und bildungsfreundlichen und bildungsmelodramatischen (Selbst-)Verliebtheit, wie wir es alle von Willemsen kennen. Darauf hingewiesen, dass zwischen Lesestellen und Musik (Jazzpianist Frank Chastenier begleitete am Piano) nicht applaudiert werden dürfe, war ausreichende Warnung für die Melancholie im Folgenden. – Gleich geht es zu Simon Beckett, ins Hotel am Wasserturm, einen Kaffee trinken, ich denke, das wird nett. Später: Sloterdijk, noch später: das Café im Schokoladenmuseum, zum zweiten.

Roger Willemsen: „Der Knacks“, Fischer Verlag, 304 Seiten, 18,90 Euro

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