Rezension: Hält nicht in Brake

Poetry-Slam-Gott Mischa-Sarim Vérollet droht im neuen Erzählband: „Das Leben ist keine Waldorfschule“. Sein autobiographisch angelehnter Held Mischa trägt ziemlich schwer am modernen Leben. Ein hoffnungsloser Fall? (Das Beitragsbild ist von Wikipedia).

„1989, ich war acht Jahre alt, passierte so einiges: Berlin verlor seine Mauer, ich meine Vorhaut.“ So erinnert sich Mischa-Sarim Vérollets Nerd-Held an Deutschlands Wendemoment. Vor 14 Jahren stürzte die Berliner Mauer schon einmal wegen eines Geschlechtsteil ein. In Thomas Brussigs wunderbar komischen Wenderoman „Helden wie wir“ erzählt das Schlusskapitel unter der Überschrift „Der geheilte Pimmel“, wie der üppig ausgerüstete Schelm Klaus Uhltzscht mit seinem Gemächt die Berliner Mauer sprengte. Bei Mischa-Sarim Vérollet führt die Penisoperation zwar nicht direkt zum Mauerfall. Die beiden im doppelten Sinne einschneidenden Ereignisse ergeben sich aber im gleichen Jahr, und die Kombination ähnelt an Thomas Brussigs Idee, Gemächt und untergehende (Staats-)Macht zu verbinden.

Komisch ist es, wie bei Brussig, auch bei Mischa, wenn der Arzt eine Vorhautverengung diagnostiziert. Schaudernd erinnert sich der junge Mann an die Reaktionen seiner Eltern: „Meinem Kinderarzt zufolge könne man auch durchaus versuchen, durch regelmäßiges Vor- und Zurückschieben der Vorhaut ebenjene zu dehnen und zu lockern, sodass die Verengung sich irgendwann in Wohlgefallen auflösen würden. Bekannte Risiken: Eine ganze Menge! Zumindest aus Sicht meiner Eltern, denn in ihren Augen war es ein nur allzu kleiner Schritt vom Vor- und Zurückschieben bis zur freudetrunkenen Masturbation.“ Deshalb lautete das Urteil auch Beschneidung, „der auf Knien gerobbte Jakobsweg der Lendenschmerzen.“

Das Ergebnis dieser gerobbten Expedition über den Jakobsweg der Lendenstraßen beschreibt der Held schlicht als „genitales Ground Zero“ und während Klaus Uhltzscht in „Helden wie wir“ aufgrund seines zunächst viel zu kleinen Genitals davon träumt, irgendwann berühmt zu sein, auf einer Bühne zu stehen, hat Mischa sich diesen Traum mit dem erfolgreichen Besuch etlicher Poetry-Slam-Bühnen bereits erfüllt. Mischa gewann 2006 und 2007 den Bielefelder Poetry Award 2006 und 2007, war Künstler des Monats der Rockakademie OWL im Juni 2006 und gewann bundesweit über zwei Dutzend Poetry-Slams. – Aber man muss vermutlich unterscheiden zwischen Mischa aus dem Buch und Mischa aus dem Leben. Über den gleichnamigen Autor sind jedenfalls keine intimen Details über Phimose-Operationen bekannt.

Was sich allerdings rumgesprochen hat, ist die unbestreitbare Tatsache, dass Mischa schreiben und vor allen Dingen auch verdammt gut vorlesen kann. Wer im Internet sucht, findet etliche MP3-Files, auf denen Mischa schnell und witzig vom Leben seines Alter Egos plaudert, seines Geschichten-Mischas, der wirklich nicht beneidenswert ist. Der junge Mann wird nämlich durch ein wahres Pubertäts-Armageddon geschickt: „Ich hatte Zähne, die in alle Himmelsrichtungen wiesen, statt Sommersprossen bevölkerten 27 Muttermale meinen Kopf, ich war so dünn und hager, dass meine Klassenlehrerin mir ab und an sorgenvoll ein Butterbrot zusteckte und über die rechte Hälfte meines ohnehin blassen Gesichts zog sich eine gut sichtbare dunkle Vene, die mir die Spitznamen Der Terminator und Der bionische Mischa bescherte.“

Mit diesem Gesicht muss Mischa eine polnische Hochzeit besuchen, viel zu viel schwarzgebrannten Wodka trinken und brav zu Scooter tanzen, deren Musik als völkerverständigende Geste aufgelegt wird. Außerdem muss der überzeugte Tomte-Tocotronic-Fan  mit Blut an den Kopfhörern ein bitterböses Album der Death-Metal-Band Slayer überleben („I survived Slayer in voller Albumlänge“), gegen Klaustrophobie und Höhenangst kämpfen, eine Piercing-Elfe vom Planeten Xylophon beglücken und Gefahrenzulage beim Frisör abdrücken (vergleiche Foto links). Kein Wunder, dass so ein Junge seine Minderwertigkeitskomplexe kompensiert, indem er Torben-Mustafa nach dem Sportunterricht die Thomas-Hässler-Sammelkarte klaut.

Andererseits ist dieser Mischa ein recht hellsichtiger Kollege. So wundert er sich über das unsinnigste Schild der Welt, dass die Deutsche Bahn AG, das über einen Regionalexpress mit dem Zusatz informiert: „Hält nicht in Brake“, was seiner Meinung nach eine Selbstverständlichkeit sein sollte. „Mädchen in Bayern-München-Trikots sind wie Autos mit Phantasialand-Aufklebern. Denkt mal darüber nach.“ Und mit glatzköpfigen Studenten hat er auch ein dickes Klassifizierungsproblem: „Früher, als wir noch Glatzen aus Prinzip verhauen haben, da war das einfacher, heutzutage, da schlägst du drauf und hinterher machst du den Kopf auf und, oh, BWL-Student, oder oh, Benjamin von Stuckrad-Barre, ja, da hast du dann den Salat.“ Kollege Horst Evers, der als Deutscher Kleinkunstpreisträger bereits höchste Weihen erfahren hat, wundert sich angesichts solcher Sätze zurecht: „Bielefeld? Warum kommen so viele gute Schreiber aus Bielefeld? Jetzt auch noch der Mischa. Is schon gut, der Mischa.“

Mischa-Sarim Vérollet: „Das Leben ist keine Waldorfschule“, mit Illustrationen von Flix, Carlsen, 160 S., 12,90 Euro

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