Rezension: Spy Game

Fightclub, Urban Legends, Tai Chi und “Die Welle” kommen in Tina Uebels unheimlichen Spionagethriller zusammen. “Die Wahrheit über Frankie” erzählt von einer Hamburger Studentenclique, die jahrelang einem Guru verfallen ist, der sie für ein bizarres Spionage- und Terrorspiel angeworben hat. Jetzt sitzen sie in der Falle.

”Wenn Sie soweit sind, sagen Sie es einfach. Dann fangen wir an. Okay?” Als Emma diese Worte zum im Verhörraum sagt, liegt der größte Wahnsinn hinter ihr: Das alles haben Christoph, Judith und Emma durchlitten, bevor sie gefasst wurden, vom Bundesnachrichtendienst oder der CIA von Offiziellen, die sie in einen Raum gesperrt haben, um hier “Die Wahrheit über Frankie” zu erfahren. Aber ist das,was 310 Seiten lang in Verhörschnipseln präsentiert wird, die Wahrheit an sich? Ist das alles nur ein Teil davon – oder gar von vorne bis hinten erlogen? Drei Studenten treffen in Hamburg einen smarten, gut gekleideten Barmann, der sich als “Frankie” vorstellt und mit Visionen über Parallelwelten ein spannenderes Leben suggeriert. Er fasziniert mit dem alten Gedankenexperiment von „Schrödingers Katze“: In einer geschlossenen, schwarzen Box befinden sich ein instabiler Atomkern und eine Katze. Der Atomkern wird nach einer gewissen Zeit wahrscheinlich zerfallen und dann ein giftiges Gas freisetzen, das die Katze tötet. Der Zeitpunkt dieses Zerfalls steht nicht fest, kann nur in Wahrscheinlichkeiten angegeben werden.

Am Anfang ist er wahrscheinlich nicht zerfallen – die Katze lebt. Am Ende ist er wahrscheinlich zerfallen – die Katze ist tot. Irgendwo dazwischen ist der Atomkern ebenso wahrscheinlich intakt wie zerfallen, was bedeutet, dass die Katze zu 50 Prozent wahrscheinlich tot und zu 50 Prozent wahrscheinlich nicht tot ist. Beide Möglichkeiten existieren nebeneinander. Frankie erzählt also von diesem faszinierenden Gedankenspiel und Christoph lässt sich anfixen. Es gibt eine Wahrheit hinter der normalen Realität – und Frankie präsentiert den Schlüssel, ein bisschen wie im Kinofilm Matrix, als Morpheus seinem Neo die Wahrheitspille anbietet. Allerdings gibt es diese Wahrheit weder für die Helden des Romans, noch für die Leser, die miterleben, wie drei Naivlinge sich von Frankie als Geheimagenten anwerben lassen – ein Job, mit dem man bekanntlich hinter die Kulisse blicken kann.

In den folgenden Jahren unterwerfen sich Christoph, Judith und Emma bedingungslos ihrem Anführer, lassen sich trainieren, auf Observationen schicken, sie werden zwischenzeitlich an getrennten Orten verwahrt, mal müssen sie fliehen, dann wieder hungern, frieren oder Geld für Operationen ranschaffen. Diese Übungen haben ein Ziel: “Erst wenn man alles und sich selbst besiegt hat, ist man frei.” Und wer in diesem Sinne frei ist, kann für höhere Ziele eingesetzt werden, für Selbstmordattentate zum Beispiel, weil irgendwann selbst der Tod seiner Freiheit nichts anhaben kann, er kann die Wahrheit sehen usw. Die Drei unterwerfen sich Frankie: Materiell, ideell, sexuell.

“Er hat mich missbraucht. In jeglicher Hinsicht”, wird Judith irgendwann feststellen. Da sitzt sie bereits im Verhörraum, wie ihre früheren Freunde. Aber ist es tatsächlich ein Verhör? Oder nur ein Test? Kann sie jeder Verrat ins Leichenhaus bringen? Wer fragt? Wurden sie aus den Fängen eines Irren gerettet, oder beginnt das Spiel gerade eben erst? “Die Wahrheit über Frankie” zu erzählen, kann einen umbringen – oder retten. Beide Möglichkeiten existieren zur gleichen Zeit. Spannend bis zur letzten Seite – und darüber hinaus. Das Unheimlichste daran: Alles basiert auf einer wahren Geschichte.

Tina Uebel: “Die Wahrheit über Frankie”, C.H. Beck, 310 Seiten, 19,90 Euro

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