Rezension: Nazidackel

Mit 16 habe die einen noch Träume und andere richtig Stress: Wie Addi aus Bielefeld in QueDu Luus amüsanten Waschmaschinen-Liebes-Slacker-Roman „Vielleicht will ich alles“.

Jeden Abend gehen Addis Eltern mit abgebrochenen Bierflaschen, Fäusten, Messern aufeinander los.  Bis zur längst überfälligen Scheidung bleibt dem 16-jährigen Schüler allein die Flucht auf Bielefelds verlassene Strassen. Mit Kumpel Jonas und dem „süß-sauer riechenden“ Mathematiker / Gelegenheits-Penner Balduin Pfiff teilt er sich in der Dunkelheit Dönerteller und Lebensblues. Jonas‘ Eltern beziehen Hartz IV. Die verwahlloste Mutter bestellt bei Neckermann Klamotten und Parfüm auf Rechnungen, die nie bezahlt werden. „Vielleicht will ich alles“ mag die Haltung der Erwachsenen sein – nur hat keiner von den so genannten Erziehungsberechtigten Mumm: „Ich hatte schon länger bemerkt, dass sich die Erwachsenen immer schlechter benahmen. Wenn eine klapprige Oma in die Straßenbahn kam, standen immer nur Jugendliche auf.“

Die Alten? Alles Versager. – Als krasser Gegensatz treffe die Zweckfrühreifen tagsüber auf „normale Gymnasiasten, die nicht besoffen waren und keine Schutzgelder einforderten.“ Und weil jede anständige Coming of Age-Story heisse, schmerzende Liebe braucht, treten unter anderem die pummelige kleine „Zigeunerin“ Alicia aufs Trapez und Addis extrem verzogene Ex Natalie (sie lässt ich von Addi für 100 Euro zum Essen einladen und leiht ihm später einen Zehner „mit Zinsen“, damit er diesen ernüchternden Abend überlebt). Die eine saugt den Schüler aus – die andere, Alice, wird Addi irgendwann als Braut angeboten. Kostenpunkt: 15.000 Euro. Cash! Dazu kommt die nymphenhafte Jessica: „Sie trat plötzlich vor und umarmte mich. Ich merkte, wie sie ihren Busen an mich presste. Sie roch nach… irgendwie nach Zitronengras. Meine Mutter machte manchmal Hähnchen mit Zitronengras. Bei Jessica fehlte aber der Hähnchengeruch.“ Das ist wirklich großer Minnesang.

Doppelseitiges Leitmotiv des Buchs sind Gerüche – und wie diese zu entfernen sind. Das fängt bei einem ständig präsenten Waschmaschinen-Chaos an (die Miele von Addis Mutter verschwindet, stattdessen taucht erst eine billigere Bauknecht, später eine schrottreife andere Miele auf). Außerdem dampft und müffelt bzw. duftet und parfümiert sich der Text angemessen ein. Es wird geschnüffelt und die Nase gerümpft, mit Deo, Badewasser und Rosenblättern operiert, Waschklau und Waschverweigerung verübt.

Hartmut, der Neue von Addis Mutter, schockt irgendwann mit seinen Nazi-Zwillingssöhne. Der verlassene Vater wiederum jammert, wehklagt, weint und klammert sich an eine frühere Schulliebe. Zu angemessen vielen Pubertätskalauern kommen originell choreographierte Scheidungsszenen, Hausfrauentränen und ein Dackel mit dem unschönen Namen „Goebbels“. Von schnelldrehenden Dialog und turbulenten inneren Monologen getrieben zeichnet QueDu Luu ein Bielefelder Bild, das quasi ohne Facebook, Mails und SMS auskommt, sich stattdessen eher altmodischer Kommunikationsmittel wie Liebeszettelchen im Unterricht, Cliquentreffen und Versöhnungsbriefen bedient. Verschrobene Welt, inspirierter Sound – toller Roman.

QueDu Luu: „Vielleicht will ich alles“, KiWi, 336 Seiten, 14,95 Euro

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