Der leere Himmel über Berlin

Jeder Mensch ist ein Abgrund. Und immer wieder setzen Schriftsteller ihr Leben ein, um in diesen eigenen Abgrund hinabzuschauen – bis sie verschlungen werden. Heinrich von Kleist hat sich erschossen, nachdem er sah, „daß mir auf Erden nicht mehr zu helfen war.“ Georg Trakl starb an einer Überdosis Kokain, weil er nicht ertragen konnte, dass jeder Sterbliche unweigerlich „an schaurigen Riffen zerschellt.“

Der große Philosoph Blaise Pascal flüchtete hilflos in den Kirchenschoss: „Denn was ist zum Schluß der Mensch in der Natur? Ein Nichts vor dem Unendlichen, ein All gegenüber dem Nichts, eine Mitte zwischen Nichts und All. Unendlich entfernt von dem Begreifen der äußersten Grenzen, sind ihm das Ende aller Dinge und ihre Gründe undurchdringlich verborgen, unlösbares Geheimnis; er ist gleich unfähig, das Nichts zu fassen, aus dem er gehoben, wie das Unendliche, das ihn verschlingt.“ – Pascal, von Haus aus Mathematiker, suchte, wie ihm Wahn, seinen Trost bei Gott. Angesichts dieser Biographien ist es ein Wunder, dass Hartmut Lange noch lebt. – Warum?

Wer den 72-Jährigen in seiner Westberliner Wohnung besucht, steht vor einem erfreut lachenden Herrn, der als rüstig bezeichnet werden kann. Als Jugendlicher war Lange ein erfolgreicher Leichtathlet. Die DDR entsandte ihn als Hochspringer (1,80 Meter im Straddle) und Sprinter zu Länderkämpfen ins sozialistische Ausland. Mit 16 lief er die 100 Meter in beachtlichen 11,3 Sekunden – auf der Aschenbahn.

Von dieser Sportlichkeit ist sein Bewegungsdrang ebenso geblieben, wie die Angewohnheit, sich jeden Morgen zu wiegen. Lange will nicht fett werden. Als er vor einigen Jahren aus sieben Metern Höhe vom Dach des italienischen Hauses stürzte, in dem er und seine Frau die Hälfte des Jahres verbringen, da wusste er noch, wie man gelenkschonend landet. Seine Ferse zersplitterte damals in unzählbare Teile. „Aber ich habe überlebt“, sagt er.

In seiner Wohnung: Die Bibliotheksleiter ist schnell am selbstgebauten Bücherregal aufgestellt. Lange steht auf der obersten Stufe. Er greift einen Band aus der komplett vorhandenen Marx-Engels-Gesamtausgabe vom Verlag des Politbüros der DDR. „Die habe ich zwei Jahre lang an meine Westberliner Freunde geschickt“, sagt er, „bevor ich abgehauen bin.“

Immer wieder wackelt diese Leiter, weil das Haus von unterirdischen Beben gerüttelt wird. Doch der Schriftsteller hält sich aufrecht. „Ich spüre diese Erschütterungen schon gar nicht mehr“, sagt er. Unter dem Haus fährt die U1 zur Jannowitzbrücke und weil die Deutschen im Gegensatz zu den Engländern oder Franzosen keine anständigen Untergrundbahnen bauen können, leidet ein ganzer Straßenzug aufgrund statischer Mängel. Wer das nicht weiss, der fürchtet sich vielleicht, der kann sich diese Erschütterungen nicht erklären, dem ergeht es dann wie den Helden aus Langes Novellen.

Diese Novellen erzählen immer wieder von einer großen, unerklärlichen Furcht. Sie artikulieren verschiedene Ausformungen der Angst, von der Gottesferne bis zum Ich- Verlust. Geistesgrößen wie Nietzsche, Liszt, Kleist, Schnitzler kommen vor, aber auch gewöhnliche Menschen: Pastoren, Richter, Buchhändler, die sich auf einmal ängstigen und nicht mehr beruhigen können. Sie werden sich selbst unheimlich, die Welt entgleitet ihnen und es kann passieren, dass sie in eine Stechpalme, ein Frauenrelief, in ein undefinierbares Geräusch etwas Magisches, Übernatürliches halluzinieren.

Hartmut Lange kennt diesen unheimlichen Zustand aus eigener Erfahrung. „Die Leser können sich ja an der Kunst erfreuen, sich an ihr erbauen“, sagt er. „Aber die Künstler, die diese Kunst hervorbringen, sind umgetrieben, im ständigen Fegefeuer.“ Sein erstes Fegefeuer? Das war die DDR, aus der Lange, damals schon Theaterautor, Dramaturg und Regisseur 1965 flieht, weil er den Staat für „ethisch abgebrannt“ hält. Er strandet mit seiner ersten Frau und dem einzigen Sohn in West-Berlin. Dort kommt es wenig später zur Scheidung. „Diese Flucht, das hat unsere Beziehung einfach nicht ausgehalten.“

Lange, nun auf sich allein gestellt, hält im eigenen Wohnzimmer Privatseminare. Als Hege- lianer und Marxist fühlt er sich (noch) gefestigt, glaubt an die Seinskräfte des Materialis- mus. Lange glaubt zu jener Zeit, dass seine Welt erkannt werden kann. Zuversichtlich, an Hegels materialistische Geschichtsdeutung gebunden, glaubt Lange, dass alle Menschen von kapitalistischer Ausbeutung befreit werden. Dass der Sozialismus irgendwann auch in der BRD herrschen wird ist für ihn kein Hirngespinst, sondern eine Tatsache.

Er arbeitet als Dramaturg und lernt bei einer Inszenierung von Shakespeares „König Johann“ seine spätere Frau Ulrike kennenlernen. Und er beteiligt sich in den 70er Jahren an einem privaten Drogenexperiment – mit fatalen Folgen. Bei einem Bekannten nimmt er zum ersten und einzigen Mal LSD. Der Abend endet mit einem Horrortrip: „Meine Freunde mussten die Fenster zuhalten. Sonst wäre ich rausgesprungen. Das war nicht lustig. Das war wie eine Bewusstseinsspaltung.“ Lange muss im Rausch feststellen, dass es in ihm etwas gibt, vor dem er sich fürchten muss.

In seinem Essayband Irrtum als Erkenntnis: Meine Realitätserfahrung als Schriftsteller schreibt er 2002 über diesen Rausch: „Wir versuchten unsere Haustür zu erreichen, ich sah einen Mann mit einem Schäferhund, es gelang mir nicht, an dem Hund vorbeizukommen. Ich versuchte es immer und immer wieder, und nun kam ich von der Einbildung nicht los, daß sich diese vergeblichen Versuche bis in alle Ewigkeit fortsetzen würden und daß dies überhaupt nur eine wahnhafte Vorstellung sei, in Wirklichkeit hätten wir das Zimmer, in dem wir das LSD eingenommen hatten, nie verlassen. Dieser Angst konnte ich mit keinen rationalen Gründen beikommen, es war mir aber auch nicht möglich, mich dem Rausch einfach hinzugeben.“

Lange denkt an Martin Heidegger, dass „das Wovor der Angst“ völlig unbestimmt ist. Aus Heideggers Sein und Zeit: „Nichts von dem, was innerhalb der Welt zuhanden und vorhanden ist, fungiert als das, wovor die Angst sich ängstigt. (…) Daß das Bedrohliche nirgends ist, charakterisiert das Wovor der Angst. Diese weiß nicht, was es ist, davor sie sich ängstigt.“ – Hartmut Lange: „Plötzlich konnte ich nicht mehr hören. Ich konnte nicht sehen. Das fing damit an, das ich jeden Tag eine halbe Seite an meiner Novelle Die Selbstverbrennung schrieb, und auf einmal ging ich zum Pult und ich wollte auch weiter schreiben, ich hatte den Füllfeder in der Hand – da kamen von oben zwei schwarze Löcher und die machten einfach meine Augen zu.“ Danach begab er sich in psychiatrische Behandlung.

„Es gibt eben Leute, die können die Vorstellung nicht aushalten, dass sie eine flüchtige Erscheinung sind“, sagt er, „und das Bewusstsein ist bei mir so stark entwickelt und so narzisstisch veranlagt, dass es die eigene Belanglosigkeit niemals akzeptieren kann. Es ist doch absurd, dass sie vor ihrer Geburt nicht waren und dass sie nach ihrer Geburt nicht sein werden, dass, wenn ihre Eltern vier Wochen früher oder vier Wochen später miteinander geschlafen hätten, dass dann ihre Schwester, ihr Bruder, aber nie Sie herausgekommen wären, dass wir nur zufällig auf dieser Welt sind“, dass unser kleines Leben ein- fach nur sinnlos ist. Hier spricht einer, der sich vom Materialismus eines Marx und Hegel abgewendet und sein Denken an Nihilisten wie Schopenhauer, Nietzsche, Kierkegaard und Heidegger geknüpft hat.

Lange sitzt nun auf einer Bank im Deutschen Historischen Museum von Berlin, eben dort, wo sein Novellenzyklus Im Museum spielt, in dem es wieder um Schatten und magische Begebenheiten geht, um Gespenster wie Hitler und Eva Braun, die hier erneut Hochzeit halten, und von einer Museumsmitarbeiterin, die urplötzlich verschwindet.

Hinter der Bank hängt ein Holzkreuz mit dem sterbenden Jesus. „Das ist ja das Schöne an der christlichen Mythologie, dass sie den Transzendenzgedanken vermenschlichen. Gottes Schöpfung entartet und das bezieht sich ja immer auf den Menschen, auf den Sündenfall. Da schickt Gott seinen Sohn, um die entartete Schöpfung zu erlösen und die Schöp- fung hat nichts anderes zu tun, als ihn ans Kreuz zu nageln. Da haben Sie eigentlich den ganzen Wahnsinn der Geschichte. Benn hat ja mal gesagt: Die Geschichtsbücher lesen sich ja wie das Tagebuch eines Wahnsinnigen. Das ist ja ein ewiges Auf und Ab und eine ewige Gewissheit, die sich wieder zerstäubt, mit Gewaltanwendungen aus Gründen, die sich dann wieder im Nebel auflösen…“

Das Holzkreuz mit dem sterbenden Jesus aber erinnert, dass eine Erlösung möglich ist, dass da jemand stellvertretend für alle Gläubigen die fürchterlichsten Qualen erlitten hat. – „Aber ich bin eben Nihilist“, sagt Hartmut Lange, „ich bin religiös. Aber ich bin nicht gläubig.“ Das heisst: Er würde gern etwas Höheres über sich haben, ein wenig Trost, er würde sich gern selbst übersteigen, indem er an einen Gott glaubt, der ihn erschaffen hat, der ihn behütet und nach dem Tod beschützt, einen Gott, der dem eigenen Leben einen Grund verleiht.

„Ich hatte mich ja heftigst um Gott bemüht“, sagt er. „Aber es ist mir nicht gelungen. – Fragt man dagegen einen Italiener, ob er gläubig sei, so versteht er die Frage meistens nicht. dio c’è, das findet man überall, an vielen Häuserwänden, einfach drangeschrieben, dio c’è: Gott gibt es.“ – In Die Selbstverbrennung sagt die Frau des zweifelnden Pastors Koldehoff: „“Selbst wenn du wüßtest, daß Gott nicht existiert, müßtest du wieder an ihn glauben. Denn ohne Glauben an Gott wären wir allerdings nur damit beschäftigt, die Sinnlosig- keit der eigenen Existenz zu überdecken, aber dann säßest du in deiner Sakristei auch nicht viel besser als in der Hölle.“

Auch hier schimmert Blaise Pascal, Stichwortgeber von Die Selbstverbrennung, hinter den Zeilen, als Palimpsest: „„Ihr sagt also, daß wir unfähig sind zu erkennen, ob es einen Gott giebt. Indessen es ist gewiß, daß Gott ist oder daß er nicht ist, es giebt kein Drittes. Aber nach welcher Seite werden wir uns neigen? Die Vernunft, sagt ihr, kann aber nichts entscheiden. Es ist ein unendliches Chaos, das zwischen uns liegt und wir spielen hier ein Spiel in dieser unendlichen Entfernung von einander, wo Kopf oder Wappen fallen wird. Was wollt ihr wetten? Nach der Vernunft könnt ihr weder das eine noch das andre behaupten; nach der Vernunft könnt ihr keins von beiden leugnen. So werfet denn nicht denen Irrthum vor, die eine Wahl getroffen, denn ihr wißt nicht, ob sie Unrecht haben, und ob sie schlecht gewählt. […] [E]s muß gewettet werden, das ist nicht freiwillig, ihr seid einmal im Spiel und nicht wetten, daß Gott ist, heißt wetten, daß er nicht ist. Was wollt ihr also wählen? […] Ihr habt zwei Dinge zu verlieren, die Wahrheit und das Glück und zwei Dinge zu gewinnen, eure Vernunft und euern Willen, eure Erkenntniß und eure Seligkeit, und zwei Dinge hat eure Natur zu fliehen, den Irrthum und das Elend. Wette denn, daß er ist, ohne dich lange zu besinnen, deine Vernunft wird nicht mehr verletzt, wenn du das eine als wenn du das andre wählst, weil nun doch durchaus gewählt werden muß. Hiemit

ist ein Punkt erledigt. Aber eure Seligkeit? Wir wollen Gewinn und Verlust abwägen, setze du aufs Glauben, wenn du gewinnst, gewinnst du alles, wenn du verlierst, verlierst du nichts. Glaube also, wenn du kannst.“ Andere zerbrechen an derartigen Chaos. Doch Lange hatte Glück und sein künstlerisches Talent, das es ihm erlaubte, die Literatur als „Kunstreligion“ nutzbar zu machen. Seine Frau stand ihm in den dunkelsten Stunden bei, auch während jener zwei Jahre, in denen Lange untätig auf dem Sofa lag und sich nicht mehr bewegen konnte. Irgendwann sagte sie jedoch: „Jetzt ist Schluss! Wir packen was an!“

Und Lange, der immer noch nicht schreiben konnte, diktierte seiner Frau mit geschlosse- nen Augen sein Tagebuch eines Melancholikers. Er formulierte sich die Angst vom Leib, mit einer Strategie, die Ontologie gegen Transzendenz austauschte. „Schopenhauer sagt, da wir Bewusstsein haben, können wir unsere eigene Natürlichkeit gedanklich übersteigen. Aber wenn wir diese Natürlichkeit gedanklich übersteigen, haben wir eigentlich nichts gewonnen – außer Gedanken. Weshalb der Mensch dann etwas finden muss, also etwas Transzendentes. Ich habe gemerkt, dass ich durch nichts zu trösten bin, nichts, an das ich mich halten kann. ich befand mich im freien Fall. Entweder geht man dann zugrunde, oder man kommt im freien Fall zur Ruhe.“

Sieben Jahre und etliche Novellen später hat sich der Autor aus eigener Kraft befreit, die Depression besiegt. Er hat Nietzsche gelesen, sich von ihm inspirieren lassen. Jetzt nennt sich Lange einen „positiven Nihilisten“, der mit seinem verzweifelten In-die-Welt-geworfen- Sein kreativ umgehen kann und statt zu beten am Stehpult steht, um mit der Hand Novellen zu schreiben. Sein Bedürfnis nach Transzendenz erfüllt er mit eigener Literatur. „Dann haben sie dieses merkwürdige Erlebnis, dass sie mit ihrer Verzweiflung zufrieden sind“, sagt Lange, „denn wenn sie die nicht haben, dann haben Sie nichts zu schreiben.“ Hartmut Lange leidet – und hält sich aufrecht, mag der Boden unter seinen Füßen auch beständig schwanken. „Die Konsequenz des Nachdenkens im Bildungsprivileg muss immer dazu führen, dass man sagt: eigentlich ist der gute Charakter, die Ethik, das Mitleid, die Barmherzigkeit, die Nächstenliebe, viel wichtiger, als der Verstand.“

Man spürt, dass für einen kurzen Moment eine ungeheuerliche Last von Langes Schultern genommen wird: „Wenn ich zum Beispiel jemanden sehe, der arm dran ist, dann kriege ich Mitleid, aber keine Gedanken.“ Und solange man keine Gedanken, sondern Mitleid hat, bleibt die Angst außen vor.

Foto-Copyright: Henning Maier-Jantzen

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