Der Spätsommer wird golden mit einem aufgeräumten Dschungel, Babybüchern für die Allerjüngsten, mit einem der letzten Leykam-Bilderbücher, ganz viel Brot aus aller Welt – und einem Buch für kommende Spione, das als Geheimdienst-Werbung fast genauso gut funktioniert, wie der „Wir suchen Terroristen“-Slogan des BND.
Bei einem der einschlägigen Onlineversandhäuser hat dieses schöne Buch eine vollkommen ungerechtfertigte 1-Sterne-Bewertung erhalten, mit der Begründung, hier stünde „fast nichts drin, was man nicht ohnehin weiß. Große Buchstaben, viele schwache Bilder, man wird auch geduzt, alles wie eben bei einem Kinderbuch.“ Vom Bundesnachrichtendienst war diese Person vermutlich nicht, ansonsten hätte sie wenigstens herausgefunden, dass „Spionage. Von Geheimcodes bis zur vergifteten Zahnpasta“ explizit für Kinder konzipiert wurde. Investigativjournalist Lars Bové – der unter anderem mit Correctiv die CumEx-Files ausgegraben hat – und Graphic-Novel-Illustrator Yannick Pelegrin tauchen, und das ist auch für Erwachsene unterhaltsam, in die lange Geschichte der Spionage ein. Sie schauen vom alten Rom – mit der Ermordung Cäsars – bis zum Whistleblower Edward Snowden, der 2013 das erschreckende Ausmaß US-amerikanischer Überwachung geleakt hat, und erinnern dabei an zahlreiche Kuriositäten; wie den immer noch wirkenden Geheimdienst der katholischen Kirche. „1965 erhielt der Dienst seinen heutigen Namen, ‚Kongregation für die Glaubenslehre‘. Er existiert jedoch schon seit dem 13. Jahrhundert, als Ketzer noch auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Man könnte also sagen, dass der Papst über den ältesten Nachrichtendienst der Welt verfügt, der immer noch existiert.“

Im informativem – seit den „Was ist was“-Büchern der frühen 1960er Jahre etabliertem – Stil berichten Bové und Pelegrin vom erfundenen James Bond auf der einen, von echten Agentinnen und Agenten auf der anderen Seite; wie Mata Hari oder die einbeinige Virginia, die im Zweiten Weltkrieg für den britischen Geheimdienst gearbeitet hat. Gelungene Spionageaktionen wie die Entführung Adolf Eichmanns erhalten ebenso Platz wie die vielen misslungenen Operationen: von der blutigen Landung in der Schweinebucht bis zum katastrophalen Anschlag des französischen Geheimdienstes auf ein Greenpeace-Schiff, mit dem die Umwelt-NGO 1985 gegen Atomwaffentest protestieren wollte. Damals wurde ein niederländischer Fotograf getötet – dabei wollten die Spione lediglich das Schiff selbst versenken, die berühmte „Rainbow Warrior“. – „Die neuseeländische Polizei fand schnell heraus, wer hinter der Explosion steckte. Sie konnte die französischen Geheimagenten festnehmen, als sie ihren gemieteten Van zum Flughafen zurückbrachten. (…) Die Agenten hatten den Fehler gemacht, von ihrem Hotel aus die Nummer des französischen Geheimdienstes anzurufen. Sie wurden wegen Mordes angeklagt. (…) Der französische Verteidigungsminister musste zurücktreten, und Frankreich musste sich entschuldigen und Greenpeace mehr als acht Millionen Dollar bezahlen.“

Dieses kluge Sachbuch stellt im raschen Wechsel die schnellsten Spionageflugzeuge neben Selbstbauanleitungen für Periskope, Fingerabdrucksets oder Geheimbriefe, und schaut immer wieder auf verblüffende Operationen, die selbst Hollywood inspiriert haben: wie die 2005 von Steven Spielberg verfilmte Sühneaktion des Mossads gegen die palästinensischen Attentäter der Olympischen Spiele in München 1972. Spekulationen über die US-amerikanischen Untersuchungen in Area 54 stehen neben Absonderlichem wie dem „Bayrischen Taubenkorps“, das vom US-Spionagedienst OSS und später von seinem Nachfolger – der CIA – unterhalten wurde, unter anderem, um russische Atomanlagen auszuspionieren. Mit mäßigem Erfolg. „Einige Tauben flogen mit den teuren Kameras davon und kehrten nie zurück.“ – Kaum etwas mögen wir Menschen so sehr wie: das Geheimnis. Und dieses Spionagebuch quillt beinahe über ob seiner zahlreichen Geheimnisse. Dieses uneingeschränkt empfehlenswerte Buch ist überreich bebildert mit begleitenden, jede Seite lebendig gestaltenden Illustrationen. Es ist lehrreich und altersgerecht – seinen Leserinnen und Lesern einiges zutrauend, niemals dümmlich, stets herausfordernd. Denn am Ende soll jeder selbst entscheiden, ob er den Weg in die Geheimdienstwelt weiter beschreiten möchte, sich langsam hochbildend, beispielsweise zum Bundesnachrichtendienst – um dort endlich herauszufinden, wer Jahre zuvor diese vermaledeite 1-Sterne-Wertung im Internet verbrochen hat. Lars Bové (Text), Yannick Pelegrin (Illustration): „Spionage. Von Geheimcodes bis zur vergifteten Zahnpasta“, aus dem Niederländischen von Edmund Jacoby, Jacoby & Stuart, Berlin, 152 Seiten, 20 Euro, ab 12 Jahren

Leykam, der älteste Verlag Österreichs (1585 in Graz gegründet) wird aus finanziellen Gründen sein Publikumsprogramm einstellen und sich stattdessen auf lukrativere Wissenschaftsbände spezialisieren. Es geht ganz allgemein bergab mit der Literatur. 2010 erschienen deutschlandweit 84.341 Erstauflagen, 2025 waren es nur noch 52.644. Auch die Leserschaft sinkt: von rund 36,9 Millionen Menschen, die im Jahr 2012 wenigstens ein Buch gekauft haben, sind zehn Millionen zu anderen Medien abgewandert. In der Altersgruppe 10 bis 15 Jahren hat die Branche allein von 2024 auf 2025 über 30 Prozent der Käuferinnen und Käufer verloren. Das vermeldetet der Börsenverein des deutschen Buchhandels. Mit einem Gesamtumsatz von 9,62 Milliarden Euro im Jahr 2025 zieht der Buchmarkt mit der Gamesbranche gleich – und wird von ihr möglicherweise schon bald überholt haben. Ein trauriger Blick in eines der letzten Leykam-Bilderbücher: Die blinde australische Schriftstellerin Olivia Muscat stellt ihrer Führhündin vor. „My name is Jemima“, ins Deutsche übertragen als Hündin „Wuff, ich bin Pommes“, die viel mit ihren Artgenossinnen teilt: „Natürlich liebe ich es, gekrault, gestreichelt und gekuschelt zu werden. Genauso wie meine Abenteuer draußen! Ich bin sehr gut im Jagen und Bringen von Bällen und Stöcken. Oh, ein Vogel!“ Jemima/Pommes erzählt in einfachen Bildern, wie sie Blindenhündin geworden ist, weshalb sie mit ihrem Führhund-Geschirr Orte betreten darf, „an die Hunde normalerweise nicht dürfen“, dass sie Zebrastreifen erkennen und Bushaltestellen identifizieren kann, und dass sie zwar gern gestreichelt wird, wenn sie ein „braves Mädchen“ ist, sie dann aber von ihrer lebenswichtigen Arbeit abgehalten wird: „Ich bin sehr süß und Menschen wollen mir immer Hallo sagen. Ich mag Menschen auch und möchte Hallo sagen. Aber Moment! Wenn Du mit mir sprichst, während ich meinen wichtigen Job ausübe, kann das Olivia in Gefahr bringen …“ Inklusive QR-Code für eine kostenlose Hörversion. Olivia Muscat (Text), Allison Colpoys (Illustration): „Wuff, ich bin Pommes“, aus dem Englischen von Nadine Rokstein, Leykam, 32 Seiten, 20 Euro, ab 3 Jahre

Dieses Buch hat kein Bäckergeselle aus dem deutschen Brotland geschrieben, sondern Gourmand World Cookbook Award-Gewinnerin Maria Bakhareva. „Brot in aller Welt“ ist Ende 2025 im russischen Kinderbuchverlag Samokat erschienen. Es stellt einige der weltweit über 6.000 Sorten, vor, viele mit Rezepten: für Sauerteigbrot, Pancakes, türkische Pita, japanisches Shokupan, US-amerikanische Bagel, somalisches Lahoh. Die Geschichte beginnt vor 14.400 Jahren mit Fladenbroten, die auf glühenden Kohlen oder einem erhitzten flachen Stein in der Region des „Fruchtbaren Halbmonds“ im Nahen Osten gebacken wurden. Sie führt weiter in eine mindestens 170 Jahre alte Bäckerei Istanbuls, wo weiterhin 4000 Brote täglich verkauft werden, vor allem Simit (Sesamkringel). Weitere – mit Wimmelbildern illustrierte – Orte sind die älteste aktive Bäckerei Europas im spanischen Forcall (gebacken wird seit 1246), die „Boudin at the Wharf Bakery“ in San Fransisco, deren Sauerteigansatz seit 1849 verwendet wird, auch die antarktische „McMurdo Station Bakery“, deren Feldlager nur einmal jährlich aufgefüllt werden, darunter mit über 14.500 Kilogramm Mehl. Dass in Asien nicht nur Reis gegessen wird, zeigte Dichter Shu Xi im 3. Jahrhundert nach Christus mit seiner „Ode ans gedämpfte Brot“. Was fehlt? Bernd das Brot natürlich. Was fehlt nicht? Die abschließenden Hinweise auf die besten Brot-Bücher, das Europäische Brotmuseum Ebergötzen und das Ulmer „Museum Brot und Kunst“. Maria Bakhareva (Text), Anna Desnitskaya (Illustration): „Brot in aller Welt“, aus dem Russischen von Thomas Weiler, Gerstenberg, 80 Seiten 26 Euro, ab 10 Jahre

Alte Bahnhöfe werden inzwischen immer häufiger umgebaut als Event- oder Gastro-Locations – wie der beim bekannten Ringlokschuppen in Mülheim, heute Mittelpunkt der Ruhrtriennale. In Münsters altem Güterbahnhof wiederum arbeitet seit über 20 Jahren Günther Jakobs als freier Illustrator und Autor. Auf den Fotos seines „Ateliers Hafenstraße“ sieht alles ordentlich aus (wer nachschauen möchte: am 6. November 2026 ist wieder TATÜ – Tag der offenen Atelier-Tür). Dort entstand auch dieses Bilderbuch, in dem es zunächst weniger ordentlich zugeht. Der Dschungel ist nach einem großen Unwetter durcheinandergeraten: Tapir, Affe und Jaguar, Gürteltier, Kolibri und Anakonda, Tukan, Fledermaus und Wasserschwein, Ara, Spinne und Wasserschwein begutachten die Schäden: „Wie sieht es hier denn aus?“ Gemeinsam räumen die Tiere auf, richten ihre Schlafplätze her. Kleinerer Unrat wird von Anakonda geschluckt, Ameisenbär und Gürteltier saugen den Waldboden, bis ein großer Krach zwischen dem unordentlichen Tapir und dem ordnungsliebenden Affen ausbricht, in dessen Folge alles wieder durcheinandergerät, und die Tiere wie in einer Kinderladen-Parabel erkennen, dass – jedenfalls für sie – allein das Chaos glücklich macht. Ein aufrührerisches kleines Buch, mit dem bereits Dreijährige die eine oder andere Aufräum-Diskussion mit ihren Eltern gewinnen dürften. Günther Jakobs: „Räumt mal schnell den Dschungel auf“, Beltz & Gelberg, 30 Seiten, 15 Euro, ab 3 Jahre

Vor einem Jahr wurden die Projektergebnisse der Bildungsforscherinnen Manja Attig und Sabine Weinert vom Leibniz-Institut für Bildungsverläufe vorgestellt. Anhand von mehrjährigen Videobeobachtungen, Elternbefragungen und direkten Untersuchungen der sieben Monate bis zwei Jahre jungen Probanden konnten sie in ihrer Studie „Socioeconomic differences in looking behavior in habituation tasks in the first two years of life“ profunde Aussagen über divergierende Entwicklungsstände von Babys und Kleinkindern machen. Zweijährige mit finanziell schlechter gestellten Eltern aus niedriger Bildungsschicht kannten aus einer Liste von 260 Wörtern nur 97, gleichaltrige Kinder aus ökonomisch und akademisch bessergestellten Haushalten stattdessen 158. Ein Rückstand, der vom Schulsystem kaum aufgefangen wird. Wen wundern die schlechten Buchkäuferzahlen bei den zehn- bis 15-jährigen Kids? Neben motorischer und musischer Praktik bietet das Lesen eine Chance zur aktiven Teilhabe, am besten mit den Büchern für die Allerkleinsten, die bei Coppenrath oder Carlsen erscheinen: Kontrastbücher mit Schieberastern, manipulierbaren Mustern und nachfühlbaren Strukturelementen, oder „Babys Kontrast-Zauber-Badebuch“, das im Wasser sogar Farbe annehmen kann (schöner Hinweis auf dem Buchrücken: „Bitte lassen Sie Ihr Kind nicht unbeaufsichtigt mit dem Badebuch im Wasser spielen.“) – zum Einschlafen „Babys kuschelweiches Kontrastbuch“ (mit Spiegel und Stoffklappen) von Ingela Arrhenius: alle freigegeben von 0-6 Monaten, zum „Ankommen und Staunen“. In Finnland erhalten Eltern zur Geburt ihres Kindes traditionell eine „äitiyspakkaus“ (Babybox), die neben Kleidung, Schlafsäcken und Pflegeprodukten traditionell auch das erste Bilderbuch enthält. Man muss keinesfalls argumentieren, hier sei das Geld besser als in der Mütterrente angelegt: darüber nachzudenken sollte dennoch möglich sein.




