Weiterhin gestritten wird über die angemessene Darstellung von DDR-Wirklichkeit in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Wer über die vielen dunklen Seiten dieser zweiten deutschen Diktatur schreibt, erlebt heftige Widerstände, und das hat auch zu tun mit der kommenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, in der das Bündnis Sarah Wagenknecht skandiert: „Der Osten bleibt anders“ (das katholische Rheinland, möchte man antworten, allerdings auch).
Hätte es so kommen können wie in Thomas Brussigs satirischem Wenderoman „Helden wie wir“? Dort fällt die Berliner Mauer durch das riesengroße Genital des Stasi-Mitarbeiters Klaus Uhltzscht. Brussigs Schlusskapitel „Der geheilte Pimmel“ ist ein Höhepunkt der frühen Wendeliteratur. Selten war DDR-Nonsens ähnlich unterhaltsam – allenfalls in der dreißig Jahre später erschienenen Kifferkomödie „Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste“ von Jakob Hein. Der Roman spekuliert launig über jenen von der BRD gewährten Milliardenkredit, der dem siechenden Sozialismus 1983 einige Extra-Jahre ermöglicht hatte.
Während die realen Hintergründe des spektakulären Deals zwischen CSU-Chef Franz Josef Strauß und DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski im Dunkeln liegen, zieht Jakob Heins Grischa einen staatlichen Haschischhandel in Grenznähe auf, um West-Berlin so lange mit Rauschgift zu überschwemmen, bis die BRD von sich aus den antifaschistischen Schutzwall bewacht – so wie sie seit der Haschischlegalisierung die Grenze zu den Niederlanden kontrollieren. Der Plan geht in großen Teilen auf. Erst nachdem besagter Milliardenkredit geflossen ist, stellt die DDR ihren Guerilla-Klassenkampf ein.
Wären nur mehr Storys über „den Osten“ so schmissig wie Brussigs und Heins Spekulationen. Doch es kursieren unüberschaubar viele Geschichten über die 41 Jahre währende Republik, und viele sind unangenehm heroisch. „Hunderttausende in Leipzig und anderen großen, aber auch kleineren Städten – das klingt eindrucksvoll. Doch belegt es ebenso, dass damals über 15 Millionen, das heißt die überwältigende Mehrheit, hinter den Gardinen abgewartet hatte, ‚was nun wird’“, erinnert der ostdeutsche Schriftsteller Marko Martin in seinem 2025 erschienenen Essay „Freiheitsaufgaben“ an die Montagsdemonstrationen 1989/90.
Das Ende einer Feigheit
„Die DDR reduziert sich doch nicht auf Gefängnisse, auf Gefängniszellen, auch nicht auf Protokolle, die aus diesen Einrichtungen kommen. DDR ist doch viel mehr – und man kann doch nicht DDR und ihre Bevölkerung verwechseln mit der Staatssicherheit. Ganz und gar nicht – wie wir hier tunlichst vermeiden sollten, Staat und Gesellschaft zu verwechseln.“
In diesen vorsichtigen Worten spricht DDR-Schriftsteller Jürgen Fuchs im Deutschlandfunk-Interview Mitte November 1978. Zum Zeitpunkt dieses in „Kultur heute“ gesendeten Gesprächs lebt der DDR-Bürger im Westen. Knapp drei Monate zuvor war er aus dem Stasi-Knast entlassen worden und musste sein Land verlassen.
„Wir haben es bereits vermeldet: Die DDR-Lyrikerin Sarah Kirsch ist gestern aus der DDR ausgereist und in West-Berlin eingetroffen. Wer Sarah Kirsch nun ist, dürfte hinlänglich bekannt sein. Anders aber verhält es sich mit bei den fünf oppositionellen DDR-Bürgern, die am Wochenende aus DDR-Haft entlassen und nach West-Berlin abgeschoben worden sind. Soweit bekannt, handelt es sich um den Ost-Berliner Germanistik-Professor Hellmuth Nitsche, den Arzt Dr. Karl-Heinz Nitschke aus Riesa, sowie um den Schriftsteller Jürgen Fuchs, den Liedermacher Gerulf Pannach und den Musiker Christian Kunert, die zum Freundeskreis des unter Hausarrest gestellten Regimekritikers Robert Havemann gehören.“
Nochmal der Deutschlandfunk, nun am 29. August 1978 über jene Nachricht, die seinerzeit für Aufregung gesorgt hat, ein dreiviertel Jahr nach Ausbürgerung des DDR-Liedermachers Wolf Biermann. Da hätte man bei Jürgen Fuchs viel mehr Wut erwarten können. Doch dieser Schriftsteller von faktengesättigten Gedichten, Romanen, Dokumentationen, dieser so genaue Beobachter der DDR-Verhältnisse, erscheint selbst nach der Gefängniszeit abwägend, differenziert – klug.
Einen kritischen Geist brechen
Fuchs hatte zwar gegen die politischen Willkür-Verhältnisse seiner Heimat opponiert, war aber dennoch Sozialist – und ein selbstdenkender Mensch geblieben, obwohl ihn die DDR-Obrigkeit bekämpft hatte. Mitte der Siebziger musste er seinen Rauswurf aus der Einheitspartei SED hinnehmen, wegen angeblicher „trotzkistischer Tendenzen“. Kurz vor Abschluss seines Studiums der Sozialpsychologie wurde er zwangsexmatrikuliert. Später folgte die Verhaftung des Mittzwanzigers, der ins Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen verschleppt wurde, wo er sich strengen Verhören unterziehen musste. Ihm wurde das Schreiben verboten. Stift und Papier erhielt der junge Schriftsteller nicht – als ginge es den Mächtigen allein darum: einen kritischen Geist zu brechen.
„Es ist zu Beispiel ganz eindeutig, dass die DDR ein erstklassiges psychisches Folterland war und ne Menge Psychologen tätig waren, gerade auch in der Haftsituation mit Vor- und Nachbesprechungen, Supervision, mit Einsatz von Psychopharmaka, mit all dem, um Menschen seelisch und geistig zu quälen – und zwar vorsätzlich, wissenschaftlich.“ (Daran erinnert in diesem Sommer auch Autorin und Therapeutin Helga Kurzchalia in ihren großartigen Erinnerungen „Weltzeituhr“, die aus den psychiatrischen DDR-Abteilungen der 1970er Jahren erzählen).
In der Stasi-Haft, in der Jürgen Fuchs keinen Stift und kein Papier hatte, lernte er sein nächstes Buch auswendig, formulierte im Kopf, was er später der Welt über seine Gefängniszeit mitteilen wollte. Er fuhr mit der rechten Hand an der Zellenwand entlang und stellte sich vor, er würde tatsächlich schreiben. Nach seiner Haftentlassung notierte Fuchs das Erinnerte wie im Rausch. Seine „Vernehmungsprotokolle“, wenig später im Rowohlt-Verlag erschienen, sind erschütternde Dokumente psychischer Staatsfolter.
„Viele, die damals mitgemacht, die versucht haben dieses auch kompromittierende Geflecht zu ignorieren. Die haben natürlich heute Schwierigkeiten, sich an die damalige Gemengelage zu erinnern. Das ist menschlich nachvollziehbar, sollte aber kein Grund sein, dass die Literatur da ebenfalls diese blinden Flecke hinnimmt. Literatur ist gerade dann relevant, wenn sie sich die blinden Flecke anschaut und die Komplexitäten zu beschreiben wagt“, sagt der Schriftsteller Marko Martin, 1970 in Sachsen geboren, aufgewachsen in der DDR, den die Obrigkeit damals auch nicht auf die Uni lassen wollte – „aus politischen Gründen“.
Ein halbes Jahr vorm Mauerfall siedelte der junge Kriegsdienstverweigerer zusammen mit seinen Eltern in den Westen über. Inzwischen, dreieinhalb Jahrzehnte später, ist Marko Martin einer der renommiertesten Intellektuellen unseres Landes. Er veröffentlicht Erzählungen, Essays und literarische Tagebücher, die mal auf Kuba, in Israel, in Hongkong, im Iran spielen – oder sich mit seiner eigenen DDR-Sozialisation beschäftigen.
Ein gestörtes Erinnern
Ebenfalls wie Jürgen Fuchs ist auch Marko Martin ein Schriftsteller, der sich einmischt. Bei einer Rede im Schloss Bellevue 2024 griff er die langjährige Russlandpolitik von Frank-Walter Steinmeier an. Im Dlf rezensierte er Christoph Heins „Das Narrenschiff“, ebenso die „Weltzeituhr“ („Helga Kurzchalia zu lesen, bedeutet das zu entdecken, was sich an Konkretem weder in den hochgelobten Büchern einer Christa Wolf noch einer Jenny Erpenbeck auch nur ansatzweise findet.“) Zudem ist Marko Martin ein Kenner jener neuen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, die sich mit den Schattenseiten der DDR beschäftigt; wie Matthias Jügler aus Halle an der Saale, Lukas Rietzschel aus Görlitz oder Charlotte Gneuß aus Ludwigsburg, die auf je unterschiedliche Weise literarische Erinnerungsarbeit leisten.
„Was das gesamtgesellschaftliche Gedächtnis an die DDR angeht, glaube ich, dass das ziemlich gestört ist. Also, dass die kommunikative Erinnerung, die Erinnerung, die uns von Eltern, Freunden, Nachbarn weitergegeben wird, oft stark von dem abweicht, was sich im Schulunterricht, in Jahrestagen und Feiertagen, in Museen und Gedenkstätten manifestiert. Und ich glaube, dass die Literatur eigentlich die Chance hat, diese Lücke, diese klaffende Lücke zwischen kulturellem und kommunikativem Erinnern zu schließen, weil Literatur das, was dem Einzelnen geschieht, für alle erfahrbar macht. Und wenn wir all diese Geschichten lesen, die in und aus der DDR heraus erzählt worden sind, dann können wir vielleicht irgendwann die DDR in der Komplexität auch verstehen, in der sie erlebt wurde.“
Was Charlotte Gneuß, Autorin des 2023 erschienenen Debütromans „Gittersee“ hier über Komplexität und die DDR sagt, erinnert auf berückende Weise an die Worte von Jürgen Fuchs: „DDR ist doch viel mehr – und man kann doch nicht DDR und ihre Bevölkerung verwechseln mit der Staatssicherheit“ – oder auch an Lukas Rietzschel, der im MDR gesagt hat: „Lange Zeit war es gar nicht möglich für meine Eltern oder Großeltern, DDR zu sagen, ohne sofort Unrechtsstaat oder Stasi hinterherzuschieben. Immer sofort musste man sich rechtfertigen. Und jetzt auf einmal ist auch die andere Perspektive möglich, auch vielleicht das Gute zu erzählen oder die geglückte Umbruchserfahrung und nicht immer nur der Untergang und das Schlimme. Und all das fließt gerade ein in diese Erzählung, was diese DDR-Zeit eigentlich gewesen ist. Und das ist so vielstimmig.“
Das Schicksalsjahr 1976
Charlotte Gneuß’ Debütroman „Gittersee“ aus dem Jahr 2023 ist eine Auseinandersetzung mit eben dieser Komplexität. Die ästhetisch gelungene, ihrem eigenen Ton vertrauende Geschichte ist angesiedelt in gleichnamigen Stadtteil Dresden-Gittersee. Dort leben Paul und Karin, genannt „Komma“, zwei Teenager, deren Liebe im schicksalhaften Krisen-Jahr 1976 an den einengenden Gegebenheiten der DDR zerbricht.
„Zunächst habe ich mich ganz bewusst für das Jahr 1976 entschieden – einfach, weil das ja von vielen Historikerinnen als Kommastelle, als Wendepunkt der DDR-Geschichte bezeichnet wird. Weil in diesem Jahr in Folge der Ausbürgerung von Wolf Biermann viele Menschen der DDR den Glauben an einen demokratischen Sozialismus aufgaben, und entweder das Exil oder den Widerstand wählten, dazu hatte ich die Möglichkeit, auch ganz viel mit meinen Eltern über das Jahr 1976 zu sprechen, weil die eben in diesem Jahr in einem Dresdner Vorort gelebt haben und zu dieser Zeit ähnlich alt waren wie meine Protagonistin.“
Gleich zu Beginn des „Gittersee“-Romans flieht Paul über die hier nur „Tschechei“ genannte Tschechoslowakei in den Westen und lässt seine Freundin in der DDR zurück, die sofort die Kälte des Systems kennenlernt – mit Verhören, wie sie Jürgen Fuchs bereits in den 1970er Jahren beschrieben hat. „Gittersee“ ist das empathische Porträt einer sechszehnjährigen, im ersten Liebeskummer steckenden jungen Frau – die so lange von der Stasi bedrängt wird, bis sie sich als Inoffizielle Mitarbeiterin anwerben lässt.
Kleopatra spielt Billard
Interessant ist das Erzählverfahren, das Gneuß hier anwendet, um eine historisch-allgemeine Wahrheit in eine literarisch-persönliche zu verwandeln. Sie erlaubt sich Freiheiten, um eine lang zurückliegende Geschichte auch jenen näherzubringen, die nach dem Fall der Berliner Mauer geboren sind: „Ich wollte sie nicht ständig daran erinnern, dass das, was sie gerade lesen, in weiter Vergangenheit spielt. Und das ist übrigens gar kein neues Verfahren. Also denken wir an die entzückenden Stücke von Shakespeare in denen Kirchenglocken läuten, und in denen mechanische Schlaguhren schlagen und Kanonen erwähnt werden.“
In William Shakespeares „Julius Caesar“ disputieren die Verschwörer Brutus und Cassius – und beziehen sich tatsächlich auf mechanische Uhren, die erst 400 Jahre später erfunden wurden. In einem anderen Stück spielt Kleopatra Billard – in der römischen Antike! Selbst in der Bibel gibt es Anachronismen wie jene Kamele, die angeblich dem alttestamentarischen Abraham gehörten, obwohl ihre Domestizierung erst viel später im Heiligen Land stattfinden sollte – eine Erkenntnis israelischer Archäozoologen aus dem Jahr 2013. Größere Klagen gab es bislang nicht, weder gegen Shakespeare, noch gegen die Autoren der Bibel. Doch um die Darstellung der DDR-Zeit wird erbittert gestritten.
„Ich glaube, es gibt zwei Gründe. Zum einen ist die Sorge der Älteren und mittlerweile auch der noch nicht ganz so Alten, dass ihr ihre Herkunftsregion nicht angemessen beschrieben wird. Da ist natürlich eine Hybris auch am Werk, die nicht nur eine Sorge ist, nämlich der Glaube, dass das, was sich im Osten abgespielt hat und weiter abspielt, so einmalig in der Weltgeschichte ist, dass nur die Berufenen darüber schreiben können. Und der zweite Grund ist die Sorge, dass angesichts des noch so viel nicht Aufgearbeiteten das Plappern einsetzen könnte, eine Banalisierung, eine Vulgarisierung des Themas der zweiten deutschen Diktatur.“
Das sagt DDR-Zeitzeuge und Schriftsteller Marko Martin, der in seinem 2025 erschienenen Essay „Freiheitsaufgaben“ an die kuriosen Selbstzuschreibungen damaliger DDR-Bürger erinnert, an eine Erinnerung, die sich unterscheidet von den Erzählungen eines Jürgen Fuchs, dessen Schicksal kaum Raum einnimmt in der ostdeutschen Erinnerung. Seine Kritik an einer Erinnerung mit sehr vielen blinden Flecken, ist für Marko Martin, „keine Schelte aus zeitlicher oder geographischer Ferne, sondern ein nachgetragener Faktencheck. Ihn anzunehmen, könnte auch Ammenmärchen geraderücken wie das vom ’89er Revolutionsvolk’, das danach vom Westen bitter enttäuscht worden sei und allein deshalb drei Jahrzehnte lang an den Wahlurnen die Nachfolger der einstigen Staatspartei SED am Leben gehalten und jetzt sogar die rechtsextreme AfD zur stärksten Partei im Osten gemacht hat.“
Damals wie heute: Wir sind das Volk!
Diese Aussage Marko Martins tönt in einen enormen Hallraum. 2026 finden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern statt. Mancherorts wird bang auf die möglichen Ergebnisse geschaut und die DDR, der Blick zurück in die Geschichte, ist in ostdeutschen Bundesländern Wahlkampfthema. Von einer Resignifikation der DDR schreibt Historiker Volker Weiß in seiner lesenswerten, vor einem Jahr erschienenen Studie „Das Deutsche Demokratische Reich“, wo nachgezeichnet wird, wie AfD und BSW die DDR als Sehnsuchtsort inszenieren um an ihre Wählerinnen und Wähler zu kommen. Volker Weiß erzählt, dass bereits 2019 im Brandenburgischen Wahlkampf auf AfD-Plakaten zu lesen war: „Damals wie heute: Wir sind das Volk!“ – trotz Stasi-Unterlagen, trotz zahlreicher Protokolle, wissenschaftlicher Forschungsprojekte und den vielen anderen Veröffentlichungen, die teils vor, teils nach der Wendezeit geschrieben wurden: „Wenn man die Bücher liest oder wiederliest von Autoren wie Jürgen Fuchs, Reiner Kunze, Utz Rachowski, entdeckt man, dass es sehr wohl möglich ist, einen Alltag zu beschreiben, ohne ins Politisieren zu geraten und gleichzeitig die übermächtigen Mechanismen einer Diktatur gerade in Bezug auf den Alltag mit hineinzunehmen.“
Insbesondere die Literatur über den Osten und die DDR im Besonderen steht dieser Tage im Fokus, auch weil sich die Neue Rechte literaturaffin zeigt. Sie hat YouTube-Formate wie „Aufgeblättert. Zugeschlagen – Mit Rechten lesen“ etabliert und 2025 erstmalig (und erfolgreich) die rechte Buchmesse „Seitenwechsel“ in Halle/Saale veranstaltet. Die Tagesschau berichtet, wie Literatur von Rechten als Türöffner genutzt wird, „um Zugang zum gesellschaftlichen Diskurs zu bekommen.“
Romane stehen dezidiert im politischen Raum. Damit einher geht augenscheinlich eine Verantwortung der Autoren, die das rein Ästhetische übersteigt. Weit entfernt von der „Grischa“-Groteske ist „Das Narrenschiff“ von Jakob Heins noch bekannterem Vater, dem schon in der DDR erfolgreich publizierenden Christoph Hein. In historisch-dokumentarischem Gestus berichtet sein Buch von der ostdeutschen Funktionselite zwischen Nachkriegszeit und Mauerfall, einer im Sozialismus eigentlich nicht vorgesehenen Upper Class. Denn nur so lässt sich Historie anschaulich tradieren. Wichtiger als die Geschichte waren Hein die in dieser Geschichte handelnden Personen. „Das Narrenschiff“ war im Frühjahr 2025 ein veritabler Überraschungserfolg, ein großer Wurf des mittlerweile 81-jährigen Schriftstellers, der den DDR-Mythen eine andere literarische Wahrheit entgegenstellte.
Dem „Narrenschiff“ ist ausdrücklich weltweite Verbreitung zu wünschen, als ein Gegengewicht zu Jenny Erpenbecks „Kairos“-Bestseller. Ausgezeichnet mit dem International Booker Prize 2024 sucht dieser großen DDR-Roman unserer Tage ebenfalls nach einer literarischen Wahrheit. Sie unterscheidet sich jedoch diametral von jener Christoph Heins. Erpenbeck, deren Eltern DDR-Günstlinge waren, erzählt die fatale Liebesgeschichte zwischen der neunzehnjährigen Katharina und dem Mittfünfziger und Stasi-IM Hans: „Papa, ich hab mich verliebt. In wen denn? Er ist zehn Jahre älter. Auch gut. Nein, zehn Jahre älter als du.“ Hans sagt Sätze wie: „Für die Mitgliedschaft in der NATO hat Adenauer den Osten verkauft.“ Obwohl Figurenrede, passt dieser Satz zu zeitgenössischen Russlandversteher-Aussagen, wie sie vor allem im ostdeutschen Wahlkampf zu hören sind – und er bleibt im Roman ohne Gegenargument stehen.
In der „taz“ schreibt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk über Erpenbeck: „Im Kontext der Ostdeutschlanddebatte bedient sie damit jene nostalgischen und antifreiheitlichen Gefühle, jene blödsinnige Ostdeutschtümelei, die historisch haltlos, politisch irrelevant sind, aber im Grunde einer Sehnsucht nach einem Gestern Platz geben, das auch durch die damit verbundenen Gefühle weder besser noch humaner wird: Mauer bleibt Mauer.“
Aufbruch im Umbruch
Der F.A.Z.-Theaterchef und Schriftsteller Simon Strauß bezeichnet sich wiederum selbst als „emo-ostdeutsch“ – ein Begriff, der entstanden ist am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung. In seinem Reportagebuch „In der Nähe“ (2025) porträtiert er die ostdeutsche Kleinstadt Prenzlau, hat dafür mit einem AfD-Vertreter und einem syrischen Flüchtling gesprochen, mit einer Kita-Leiterin mit Unternehmsvorständen, auch mit der dreißigjährigen Wissenschaftsvermittlerin Pauline, die aus Berlin in ihre uckermärkische Heimat zurückgekehrt ist. Pauline schwärmt von den Vorzügen Prenzlaus, sodass Strauß in ihren Augen sofort „die Lust auf Aufbruch“ spürt, „die Lust auf Prenzlau. Die Lust auf einen neuen Osten.“
Diese Lust auf Ausbruch ist, so scheint es, etwas genuin Ostdeutsches. Sie prägte das Selbstbild der DDR, die sich „Auferstanden aus Ruinen“ sah, wie in der Nationalhymne beschrieben, die mit Bert Brecht und Komponist Paul Dessau motivierend sang: „Fort mit den Trümmern… / Besser als gerührt sein ist: sich rühren“ oder im „Aufbaulied der FDJ“ tönte: „Bau auf, bau auf! / Freie Deutsche Jugend, bau auf! / Für eine bessere Zukunft bau auf!“ Es ist eine Aufbruchslust, die auch Strauß’ ganzes Denken und Schreiben seit seinem Debüt „Sieben Nächte“ ausstrahlt. Darin möchte ein Mann vor seinem dreißigsten Geburtstag unbedingt die Irritation der Sieben Todsünden erfahren: Hochmut, Geiz und Wollust, Jähzorn, Völlerei, Neid und die Faulheit, sucht darin nach einer neuen Form von Gemeinschaft.
Dieser Wille zum Aufbruch findet sich ebenso in „Die jüngsten Tage“, dem 2019 erschienenen ersten Roman von Strauß’ Lektor Tom Müller, der 2019 von der Wochenzeitung DIE ZEIT zu einem der „100 wichtigsten jungen Ostdeutschen“ erklärt wurde. Auch in Müllers Roman reist ein junger Mann mit der Bahn in die ostdeutsche Heimat, auch er steht an der Schwelle eines neuen Lebensabschnitts: „Es ging in der Tat um diesen Schwebezustand“, sagt er im Interview, „als in Ost-Berlin Geborener, der dann, als er gerade sieben ist, den Mauerfall erlebt, der dann sechs Jahre später in West-Berlin zur Schule geht, danach in Italien, der auf Weltreise geht – für den ist der Schwebzustand irgendwann zu meiner Normalität geworden.“
Aufbruch, ein Schwebzustand, dieses „Hineingehaltensein ins Nichts“ ist auch zentral für die ostdeutsche Regisseurin und Schriftstellerin Laura Laabs. Ihr ebenfalls von Tom Müller betreuter Debütroman „Adlergestell“ transportiert die Sehnsucht nach Veränderung und zeichnet die DDR-Geschichte dabei weich, noch deutlicher macht das ihr 2025 beim Max Ophüls Preis ausgezeichneter Spielfilm „Rote Sterne überm Feld“, in dem in einer Szene eine ostdeutsche Dorfgemeinschaft mit wehenden Fahnen über den Acker schreitet, als gelte es mindestens den Sozialistischen Realismus wiederzubeleben.
Die Elbe bei Dresden
Dass in dieser Gemengelage aus Erinnerungen und Verletzungen, aus verklärenden Selbstbeschreibungen, Ausflüchten und Nostalgie die Gemüter überhitzen, ist erklärbar mit menschlich-allzumenschlichen Empfindsamkeiten. In diesem Kontext ist die Debatte um Gneuß’ „Gittersee“ zu sehen. Entlang ihres Romans wird bis heute diskutiert, ob man Plastiktüte sagen kann, oder ob nicht „Plastebeutel“ dem damaligen DDR-Sprachgebrauch näherkommt – ebenso, ob man Mitte der 1970er Jahre in der verdreckten Elbe baden konnte. So eine Szene kommt im „Gittersee“-Roman vor, vielleicht auch deshalb, weil Liedermacher Wolf Biermann 1975 in einem seiner kunstvollen Lieder sang:
„In jenem Mai, da schwammen wir schön mit der Strömung zur anderen Seit
Dann laufen ein Stück und schwimmen zurück, uns war ja der Fluss nicht zu breit
Das Wasser war nicht viel zu tief für uns, ach, und uns war der Dreck scheißegal
Wir ließen uns treiben und trieben das Spiel noch einmal und noch einmal“
Auch Wolf Biermann erzählt in „Die Elbe bei Dresden“ vom Liebesspiel während unheimlicher Zeiten, in denen die DDR-Realität unveränderlich scheint: „Jetzt redet der dumme Fluss mir ein / Es bleibt alles, wie es ist“. Allerdings werden hier Codes verwendet, die in den 2020er Jahren nicht mehr so leicht zu dechiffrieren sind. Aufgrund dieser Übersetzungsschwierigkeit braucht es unbedingt Romane wie „Gittersee“, um das, was vor einem halben Jahrhundert geschah, auch jüngeren Leserinnen und Lesern nahezubringen.
Nun ist diese Debatte um „Gittersee“ kein Einzelfall. Doch wurde nur diese Debatte skandalisiert, zum Beispiel gemacht für eine Majorisierung männlicher, arrivierter Schriftsteller gegenüber einer wesentlich jüngeren, am Anfang ihrer Karriere stehenden Kollegin. Dass der ebenfalls arrivierte und männliche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk ganz ähnliche Einwände hatte zu Lukas Rietzschels‘ Ost-Panorama „Sanditz“ ging vollkommen unter. In der taz beklagte auch er mangelnde Faktentreue: „So wird das Phänomen privat abgeschriebener Texte behandelt – verbotene Texte wurden abgetippt und weitergegeben. Hier aber gibt es in den 1980er Jahren Romanhelden, die auf diese Weise nicht nur Schriften von Biermann, Fuchs oder Havemann, sondern sogar Bücher von Kafka oder John Steinbeck abschreiben. Wozu? Warum? Das war doch verlegt worden, war einfach zu bekommen. Die Besetzung der Stasi-Kreisdienststelle wird als ein Massenaufstand inszeniert – schön wäre es gewesen. Ich könnte viele weitere Beispiele anführen, die nicht einmal künstlerisch überzeichnet überzeugen. Der Roman hätte diesen Quatsch nicht nötig gehabt.“
Neue Leben und Simple Storys
Für die „Gedächtnis-“ und „Vernehmungsprotokolle“ des DDR-Zeitgenossen Jürgen Fuchs braucht es historischen Kontext, während sich Lukas Rietzschels „Sanditz“ oder Charlotte Gneuß’ „Gittersee“ unmittelbar vermitteln – gerade im zweiteren Fall auf eine Weise, die selbst bedeutenden ostdeutschen Schriftstellern der ersten Nachwendegeneration Respekt abnötigt: „Mich hat einiges an dem Buch beeindruckt. Das ist sehr anschaulich erzählt, die Hauptfigur hat eine Stimme und Kontur, die Dialoge sitzen, viele Beschreibungen und Beobachtungen – wobei sich manches von meinen Erfahrungen unterscheidet. Aber das gibt es auch innerhalb der eigenen Generation. Ein sehr gutes Debüt.“
Das sagt Ingo Schulze, Schriftsteller von vielfach ausgezeichneten Nachwendgeschichten wie „Adam und Evelyn“, „Neue Leben. Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa“ oder „Simple Storys“, die alle im Rennen um den wichtigsten deutschen Nachwenderoman stehen – ein Rennen, das der spätere Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass gern schon 1995 mit „Ein weites Feld“ gewonnen hätte – oder im gleichen Jahr Thomas Brussig mit „Helden wie wir“.
1999, vier Jahre später, erscheinen sowohl Brussigs Film „Sonnenallee“ wie auch der kurze Roman „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“. Der täppische Anti-Held Micha Kuppisch sucht Miriam zu beeindrucken, indem er Tagebücher fingiert: „Das erste Tagebuch war am schwersten, denn Micha mußte es mit links schreiben, damit die Schrift noch ungeübt aussieht. Die Wirkung seiner Tagebücher auf Miriam würde umso größer sein, je länger er Tagebuch führt, kalkulierte Micha.“
Im Licht der seit dem Mauerfall literarischen Schilderungen der DDR liest sich das abschließende „Sonnenallee“-Kapitel wie eine Vorausschau auf die bis heute beobachtbare Legendenbildung, bei der noch 37 Jahre nach dem Mauerfall niemand hinter den Gardinen abgewartet haben will, „was nun wird“. Die Zahl der Teilnehmer bei den Montagsdemos wächst jährlich – eine Art des nachträglichen Dissidententums, das Brussigs „Sonnenallee“-Roman antizipiert, wenn Micha am Ende seiner Angebeteten aus dieser Biografie-Fiktion vorliest und sich ebenfalls etwas Widerständiges andichtet: „Heute war ein wichtiger Tag, denn wir haben heute das ß gelernt. Jetzt lohnt es sich, mit dem Tagebuch anzufangen, weil ich jetzt endlich ein ganz wichtiges Wort schreiben kann, das ich bis jetzt immer nur denken konnte: SCHEIßE!’“
Gegenwehr bei Negativgeschichten
Diese ganze „Scheiße“ anzusprechen, verschaffte dem jungen DDR-Teenager in Roman und Film ein gerüttelt Maß Distinktion. Wer aber heute – als Nachgeborener – das Image der DDR angreift, wer als Schriftsteller von Unterdrückung, Überwachung, gar von Kindesentführungen berichtet, wird angefeindet. Davon weiß Matthias Jügler ein Lied zu singen, das weniger schön klingt als Wolf Biermanns „Die Elbe bei Dresden“. Er berichtet: „Die Erfolgsgeschichten, die guten Geschichten aus der DDR, die interessieren mich nicht so. Und inzwischen, weiß ich: Erzähle ich diese Negativgeschichten aus der DDR, dann entsteht eine Art Ruck oder Gegenwehr.
In seinem zweiten Roman „Die Verlassenen“ erzählt Matthias Jügler von einem Stasi-Komplott, das angelegt war, einen jungen Mann zu zerstören – also ungefähr das, was bereits der dissidentische Schriftsteller Jürgen Fuchs Ende der 1970er Jahre im Deutschlandfunk über den Machtapparat der DDR berichtete. Im späteren Roman „Die Maifliegenzeit“ literarisiert Jügler wiederum die staatliche Entführung eines Neugeborenen, also ein weiteres Unrecht – was zu heftiger Gegenwehr alter DDR-Kader führte. Er berichtet über einen Verriss, „und dann habe ich nachgeschaut: Wer hat denn diesen Verriss geschrieben? Und sehe: Aha, das war ein ehemaliger Stasi-IM. Und jemand, dessen Eltern eine staatstragende Rolle in der DDR hatten, verfasst einen bitterbösen Kommentar, der dann im Radio gesendet wird. Und das war schon heftig.“
Matthias Jügler ist überzeugt, dass sich jene Menschen, die es gut hatten in der DDR, nun durch eine Geschichte wie „Maifliegenzeit“ angegriffen fühlen, „als würde dieser Roman ihr Leben in der DDR oder das Leben der Eltern entwerten. Aber dem ist natürlich nicht so. Es gibt Menschen, glaube ich, die tun alles dafür, das keine negativen DDR-Geschichten mehr ausgepackt werden. Und das erzeugt natürlich Druck für uns jungen Autorinnen und Autoren.“
Wie es weitergeht
Dass diese Autorinnen und Autoren dem Druck standhalten und weiterschreiben, ist unbedingt nötig, um ein lebendiges, vielschichtiges Erinnern fortzuführen, ein Erinnern an die DDR, die sich nicht reduzieren lässt auf Gefängnisse, auch nicht auf Protokolle, die aus diesen Einrichtungen kommen – auch wenn es in Brussigs „Sonnenallee“ heißt: „Glückliche Menschen haben ein schlechtes Gedächtnis und reiche Erinnerungen.“
Diese neuen Autorinnen und Autoren haben kein Gedächtnis, sondern arbeiten mit dem, was historisch überliefert ist – und trotz aller Widerstände schreiben sie weiter. Matthias Jügler hat seinen neuen Roman im Frühjahr 2026 beendet. Seine Geschichte führt in die Wirren des Zweiten Weltkriegs und erzählt von der norwegischen Besatzung. Es geht also ausnahmsweise nicht um die DDR. Charlotte Gneuß wiederum beschäftigt sich derzeit viel mit biblischen Stoffen: „ich frage mich, was diese historischen Figuren mit unserer Gegenwart zu tun haben. Und ich finde dann auch oft mehr Gemeinsamkeiten als – ja – als gedacht.“
Christoph Hein schreibt jeden Tag: „Die Kinder sind aus dem Haus, ich habe einfach jeden Tag Zeit – und da fällt mir nichts besseres ein, als mich an den Schreibtisch zu setzen. Ich komme aus einem Pfarrhaushalt, das ist ein bisschen preußische Pflichterfüllung.“ Schulzes neuer Roman „Das Wasser im August“ steht gerade auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis – und Marko Martin wurde zuletzt sowohl mit dem Ovid- als auch mit dem Reiner-Kunze-Preis ausgezeichnet. Ihm gefällt, dass so viele jüngere Autorinnen und Autoren nicht auf das DDR-Märchen hereinfallen, die böse Politik habe sich nur „da oben“ abgespielt, während „unten“, im Alltag, alles normal verlaufen sei.
„Stattdessen sondieren sie auch die Perversitäten im Alltagsleben, das Sich-anpassen-Müssen, das Sich-anpassen-Wollen, diese ganze Gemengelage, die auch Jürgen Fuchs beschrieben hat und das anzusprechen bedeutet kein Bashing, sondern es bedeutet, die Rolle der Literatur als Sondierer von Gesellschaftsschichten ernstzunehmen. Und dass das geschieht, gegen vielerlei Widerstände, macht mir Mut.“
Der vorliegende Text ist eine aktualisierte Fassung und eine Zusammenführung eines Essays (hier), den ich für die Frankfurter Hefte geschrieben habe – und meinem Dlf-Feature „Gittersee und die Folgen. Das schwierige Schreiben über die DDR“ (hier)




