Mr. Bingham sammelt Meilen

Sechs Nominierungen bei den Oscars und den Golden Globe Awards: „Up in the Air“,  verfilmt von „Juno“-Regisseur war zunächst der große Gewinner im Kinojahr 2010.

Vielflieger Mr. Bingham gibt keinen Cent aus, wenn der Betrag nicht seinem Bonusmeilenkonto gutgeschrieben wird. „Selbst mein Börsenmakler zahlt die Dividenden in Meilen.“ Denn Mr. Bingham hat ein Ziel. Er wird in wenigen Tagen die Eine-Million-Meilen-Grenze durchbrechen und gewinnt damit ein Abendessen mit dem Vorstandsvorsitzenden von „Great West Airlines“. „Ich kann es kaum noch erwarten. Seit Jahren hat er meine Beinfreiheit immer weiter eingeschränkt, mich mit Ammenmärchen von Sturmfronten zwischen Denver und der Küste genervt und kalte Luft auf mein warmes Essen geblasen.“ Mr. Bingham will sich beschweren. Beruflich jettet der 35-Jährige im Auftrag einer Unternehmensberatung durch Amerika und beschwichtigt gekündigte Angestellte. Scheitern als Chance, das ist seine Devise. Mr. Bingham erledigt die Drecksarbeit für feige Firmenbosse, die sich in ihrem Büros verschanzen, statt ihrer Belegschaft ins Gesicht zu blicken. Abstand findet der Yuppie entweder über den Wolken, von ihm „Airworld“ genannt, oder in fremden Hotelbetten, selbstverständlich mit wechselnden Frauen, die er entweder im Flugzeug, an Bars oder in Casinos aufreisst. Mr. Bingham ist erfolgreich, geschieden, promiskuitiv – und paranoid. Nachdem seine Kreditkarte gesperrt wurde, fühlt sich der Geschäftsmann urplötzlich verfolgt. Und sein sicher geglaubtes Leben rutscht in Chaos ab.

Dieser unterhaltsame und wirklich klug erzählte Roman von Walter Kirn spielt um die Jahrtausendwende, zu jener Zeit also, als der New-Economy-Boom reihenweise Typen wie diesen seltsam glatten Mr. Bingham produzierte; junge, dynamische Menschen, die ihren Job als Befriedigung narzisstischer Bedürfnisse missbrauchten und das Fun-Gefühl der Neunziger auf Biegen und Brechen in die neue Arbeitswelt integrierten. Dann platzte die Blase und vorbei war es mit Lounge-Kultur, Bonusprogrammen und Technikgadgets. In der stark vom Roman abweichenden Verfilmung liegt die Wirtschaft nach dem Zusammenbruch der Immobilien- und Finanzwelt bereits darnieder und Mr. Bingham (George Clooney) ist nicht mehr 31, sondern ein gestandener Unternehmensberater. Er sammelt Meilen nicht mehr, um sich zu beschweren, sondern aus Spaß am Spiel, und er schleppt nicht mehr reihenweise, sondern nur noch eine Frau (Vera Farmiga) ab – in die er sich später auch noch verlieben wird.

Die Business-Satire wird einerseits zur romantischen Komödie, dank der tiefenscharf und sinnlich agierenden Hauptdarsteller Clooney und Farmiga. Andererseits sind die Gefeuerten in Film keine Statisten mehr, sondern echte Arbeitslose, die Regisseur Jason Reitmann frontal in die Kamera sprechen lässt, als klagten sie nicht Mr. Bingham, sondern die ganze Welt da draussen an. Politische Botschaft trifft unglückliche Liebe in Zeiten des Krieges. Deshalb schlingert „Up in the Air“ zwischen Himmel und Erde wie ein überladenes Flugzeug, das an nicht so recht abheben will.

(Filmstart: 4. Februar 2010) JASON REITMAN: UP IN THE AIR, PARAMOUNT PICTURES, 109 MINUTEN zum Buch: WALTER KIRN: UP IN THE AIR, KIWI, 320 SEITEN, 8,95 EURO (Neuauflage des 2003 bereits bei KiWi erschienenen „Mr. Bingham sammelt Meilen“)

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