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Wenn die Postmoderne dreimal klingelt

Elias Hirschls „Schleifen“-Roman steht ein dreiviertel Jahr nach seiner Veröffentlichung Ende Januar auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis – wird er am heutigen Dienstagvormittag, wenn die Shortlist bekanntgegeben werden, immer noch im Rennen sein?

Man kennt vielleicht den religiösen Anikonismus, der die Darstellung Gottes untersagt (manchmal sogar das Aussprechen seines Namens). Oder man hat davon gehört, dass Sprachen unter Linguzid-Angriffen leiden können, wie derzeit das Ukrainische, das sich wie die Menschen und die Infrastruktur in der Ukraine gegen russische Vernichtungsphantasien behaupten muss. Deutlich abgeschwächter ist jener politisch-korrekte Spracheinfluss von linker wie rechter Seite, der das eine oder andere Wort aus dem Alltagsumgang suspendiert. Aber dass Sprache an sich abgeschafft werden sollte, haben selbst die wokesten Gesinnungswächter bislang nicht gefordert. Ließe sich in unserer Gegenwart der Künstlichen Intelligenz und „Large Language Models“ das bisherige Konzept von Sprache an sich überhaupt noch abschaffen? Fußt nicht unser gesamtes Leben auf Sprache? Bei Elias Hirschl fordern Terroristen aber genau das:

„Ich erinnere hier nur kurz an die nonverbalistischen Brandanschläge auf Pons und Langenscheidt (Winter 1994), die Entführung von Duden-Chefredakteur Egisto Nähmlich (Frühling 1995), die Überfälle auf Süddeutsche, Falter und NZZ, die Einbrüche in diverse norddeutsche Häuser (Herbst 1995), bei denen man feststellte, dass durch die jeweils entwendeten Gegenstände eine geheime und äußerst beleidigende Botschaft chiffriert worden war, sowie an die vielen Erpresserschreiben ohne Inhalt und die Lösegeldforderungen ohne Tonspur.“

Linguistische Krankheiten

Hirschls überdeterminierter „Schleifen“-Roman spekuliert über einen radikalen Post-Linguismus – und ist nicht nur aufgrund dieses Konzepts ein Überraschungsgast auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis: eigentlich viel zu sperrig. Dieses sich entgrenzende Sprach- und Literaturexperiment steht vis-a-vis von Valeria Gordeevs ebenfalls ausufernder, kaum weniger über Sprache nachdenkender „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“-Phantasie. Im Mittelpunkt – wenn man überhaupt von einem Mittelpunkt dieses eher als schleifenförmiges Möbiusband konzipierten Romans sprechen kann – im also nur angenommenen Mittelpunkt wirkt Hauptfigur Franziska mit dem bereits sinnbildlichen Nachnamen Denk. Sie ist die fiktive Tochter eines gleichsam von Hirschl erfundenen Mitglieds des Wiener Kreises um den Philosophen und Ausnahmelogiker Kurt Gödel.

Augenscheinlich von Wiener-Kreis-Assoziationsmitglied Ludwig Wittgenstein infiziert entwickelt Franziska in jungen Jahren eine linguistische Krankheit, die Sprache und Welt pathologisch miteinander verwebt. Hört Franziska den Namen einer Krankheit, entwickelt sie deren Symptome, was ihre Mutter Margarethe nur besorgen kann. Cholera, Lepra, später auch eine Psychose wird Franziska ausbrüten: „Es war nie tödlich. Es gab ja keine echten Viren oder Bakterien, die Schaden in den Zellen anrichteten. Die Immunantwort war ohnehin schädlich genug. Die Narben von den Pestbeulen würden nicht so schnell verschwinden. Franziskas Kinderarzt war sprachlos gewesen, als Margarethe versucht hatte, ihm das Problem zu erklären. Sie verstand es ja auch. Meine Tochter bekommt jede Krankheit, von der sie hört! Das ist nicht gerade eine normale Symptombeschreibung.“

Warten auf Wodot

Bereits der slowenische Philosoph Slavoj Žižek hat in seiner Lacan-Schrift „Liebe Dein Symptom wie Dich selbst!“ empfohlen. Ihm folgend adelt Elias Hirschls Franziska-Denkfigur auch ihre Krankheit zum Lebensprinzip. Sie versucht sich gemeinsam mit ihrem Partner und Intellectual Buddy Otto Mandl, einem genialen Mathematiker, an der Entwicklung neuer Sprachkonzepte mit einem ambitionierten Ziel: der „Errichtung des postverbalen Staates Wodot.“ – Dieser wird später tatsächlich als ein sektenähnlicher Ort vorgestellt, an dem nicht einfach ein Schweigegelübde vorherrscht wie in manchen religiösen Orden, sondern absolute Kontingenz:

„Die Menschen in Wodot wirken seltsam entrückt. Es scheint keinen Personen- oder Identitätsbegriff zu geben. Ich habe schon oft ein und dieselbe Person getroffen, und jedes Mal hat sie sich mir mit einem anderen Namen vorgestellt. Namen werden anscheinend von der Wodoter Regierung verborgt. Man holt sich morgens einen ab und gibt ihn abends zurück. Auch die Berufe wechseln andauernd. Ich habe einen Menschen bereits als Verkäuferin im Duty-Free-Shop, als Security-Mitarbeiterin und als Stewardess gesehen, alles innerhalb einer Woche.“

Eigenplagiatsvorwürfe

Hirschls Roman referiert auf über 400 hyperkomplexen Seiten den Lebens- und Forschungsweg dieses Ausnahmepaars (das sich jahrelang komplett leere Briefe schreibt – und dessen Output den ähnlicher Ausnahmepaare wie Simone de Beauvoir & Jean-Paul Sartre, Martin Heidegger & Hannah Arendt oder Virginia & Leonard Woolf in den Schatten stellt). Elias Hirschl nutzt diese ausufernde, von keinem Plot im eigentlichen Sinn getragene Biografie-Fiktion, um seinen Romancontainer anzufüllen mit: Binnennovellen und Urban Legends, mit sowohl kafkaesken, als auch Kafka direkt diskutierenden Kapiteln. Der Prager Autor wird bei Hirschl tatsächlich verleumdet: „Wie sich herausstellte, war Kafka wegen Plagiatsvorwürfen verhaftet worden. Sein neues Romanmanuskript mit dem Titel Der Prozess sei nahezu in Gänze abgeschrieben worden, sagte man ihm.“ – Sein eigener Verleger will nachgewiesen haben, dass Kafka jedes einzelne Wort seines unvollendeten Romans bereits in vorherigen Geschichten verwendet hat.

Um diesen paranoiden Wahnsinn noch einmal zu illustrieren: Hirschls „Schleifen“ verbindet alles mit allem. Er kombiniert philosophische Konzepte erfundener Denker (wie den schottischen Mystiker Thomas MacGuffin) mit Visionen über neuartige Medikamente, die nach einmaliger Einnahme Schmerzen für immer eliminieren, mit zigfach übereinander getippten, also palimpsestierten und dadurch unleserlich gewordenen Textbausteinen. Irgendwann heißen alle Figuren Jim Blum. Fußnotendiskurse grundieren abstruse Kommunikationsparabeln. Der Zsolnay-Verlag (in dem „Schleifen“ erscheint) veröffentlicht später das komplett leere, über 30.000 Seiten umfassende Denk-/Mandl-Briefwerk: „Ich kann die Lektüre nur empfehlen, Elfriede Jelinek steuerte sogar ein sehr lesenswertes leeres Nachwort bei.“ – Und Franziska Denk hinterlässt nach ihrem Tod selbstredend einen gewaltigen letzten Text, der mit dem selbstreferentiellen Titel „Schleifen“ überschrieben ist:

„Der Roman ist etwa 20 000 Seiten lang, aufgeteilt auf neunzehn Bände und verläuft sich gegen Ende in einer unendlichen Schleife, in der Franziska immer und immer wieder beschreibt, wie sie in ihrem Büro sitzend ebenjenes Buch schreibt, das man gerade liest.“

Perec- und Borges-Jüngern empfohlen

Hirschls postmodernes „Schleifen“ wandert berühmtere Vorbilder ab. Man begegnet nicht nur Wittgenstein und Gödel, sondern ebenso Spuren und Spiegelungen von Mark Danielewski („Only Revolutions“), Jorge Luis Borges („El idioma analítico de John Wilkins“), Umberto Eco („Il pendolo di Foucault“),  Paul Auster („City of Glass“), Dietmar Dath („Die Abschaffung der Arten“) oder auch von George Perecs „La Disparation“, diesem 1969 erschienen – wie „Only Revolutions“ quasi unübersetzbaren – Roman ohne E. Oder anders ausgedrückt: Wer von all diesen Schriftstellern bislang nichts gelesen hat, wird sich bass erstaunt durch Hirschls Sammelsurium wühlen – und lernt die Postmoderne ungefähr so kennen wie jemand, der zum ersten Mal Brit Pop hört, dann aber nicht die Big Five um Blur und Oasis, sondern eher apokryphe Vertreter wie The Fratellis oder Hard-Fi.

Den Perec- und Borges-Jüngern seien hingegen maximal fünf Seiten pro Tag empfohlen. Auf diese Weise ist der „Schleifen“- und Schachtelroman als Suchbild genießbar. So wie man sich am Stück nur ein, zwei TikToks des Kuriosa sammelnden Schriftstellers und The Onions-Gründer Jason Pargin („If This Book Exists, You’re in the Wrong Universe“, „John Dies at the End“) anschauen sollte. Oder um das berühmte Fleischextrakt-Bonmot Kurt Tucholskys über James Joyce‘ „Ulysses“ aufzugreifen: Elias Hirschls „Schleifen“ ist mit einem Brühwürfel vergleichbar – an sich ungenießbar. Er hätte durchaus einige Süppchen davon kochen können, und weniger ambitionierte Autoren hätten allein aus den Ideen dieses Romans soetwas wie ein Gesamtwerk zusammengeschrieben.

Elias Hirschl: „Schleifen“, Zsolnay, 416 Seiten, 26 Euro