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Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Ihr Debütroman „Nachts ist es leise in Teheran“ stand in diesem Jahr auf der Shortlist zum International Booker Prize. Nun ist die 1988 in Hermeskeil geborene Shida Bazyar – Tochter iranischer Kurden – mal wieder für den Deutschen Buchpreis nominiert, vollkommen zurecht. Sollte ihr neuer Roman  den Hauptpreis im Oktober gewinnen, würde nach langer Zeit endlich wieder ein Buch ausgezeichnet, das die Massen hinter sich versammeln kann. Für die Schriftstellerin wäre es indes nur eine Ehrung von vielen. Bereits 2017 wurde Shida Bazyar ausgezeichnet mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis. Das passt, ist doch ihr neuer Roman „Die Lücken“ offensichtlich von Johnsons „Die Jahrestage“ inspiriert.

Über eine ihre Figuren, die iranische Kurdin Rania, schreibt Shida Bazyar in ihrem Hunsrück-Roman „Die Lücken“ einen bemerkenswerten Satz, der ihren riesengroßen Text motivisch grundiert: „Sie sah eben alles. Es war eine Form, der Welt ihre Liebe zu zeigen: Sie nahm die Menschen eben wahr.“ Bemerkenswert ist dieser Satz deshalb, weil auch dieses Buch in liebevoller Geste Menschen wahrnehmen, ihnen eine Stimme geben möchte – ohne diese Stimmen moralisch zu bewerten. So kann man konstatieren, dass Bazyar offensichtlich eine Schriftstellerin ist, die – anders als viele ihrer Kolleginnen und Kollegen – weiterhin an den souveränen Leser glaubt.

Wie Regisseur Edgar Reitz in seiner monumentalen, ebenfalls im Hunsrück spielenden „Heimat“-Reihe, zeigt auch dieses Buch, wie das deutsche 20. Jahrhundert eine fiktive Gemeinschaft im Südwesten unseres Landes formt. Das hier etwas zu bedeutungsvoll „Heimesbach“ getaufte, einstige „Gaumusterdorf“, das sehr früh „judenfrei“ war, ist angelehnt an Bazyars rheinland-pfälzischen Geburtsort Hermeskeil im Landkreis Trier-Saarburg. In der deutschen Literatur hat das von ihr gewählte Sujet eine schöne Tradition. Man denkt möglicherweise an Uwe Johnsons „Jahrestage“-Tetralogie, die in der mecklenburgischen Kleinstadt Jerichow (eigentlich Klütz) verortet ist, an Erwin Strittmatters Trilogie „Der Laden“ (in der Lausitz) oder auch an Walter Kempowskis neunbändige „Deutsche Chronik“ (mit Rostock im Mittelpunkt).

Bewusstseinsströme und Reflektionskaskaden

In Bazyars „Die Lücken“ – ein Großtitel wie Jonathan Franzens „Die Korrekturen“ – zeigt die Tochter vertriebener Kurden im Gestus der poetischen Spiegelung sehr viel Empathie gegenüber jenen Juden, die ebenfalls vertrieben, die auch beraubt, die auf offener Straße verstümmelt, die an Orten ermordet wurden, „deren Namen den Heimesbachern später zu prominent vorkommen, als dass sie glauben wollen, dass ihre ehemaligen Nachbarn dorthin gebracht worden sind. Man ermordet sie in Auschwitz, in Lodz, in Hadamar, in Theresienstadt, in Treblinka und in Chełmno.“

Die Juden und ihre Ermordung stehen im Zentrum dieses Romans. Denn kollektive Erinnerung, überhaupt ein Leben mit dieser Schuld, ist über lange Zeit allein aufgrund der titelgebenden „Lücken“ möglich. Diese Lücken stehen einerseits für die nur vorgespiegelten Erinnerungslücken der Täter, andererseits für jene menschlichen Lücken, die der Holocaust gerissen hat, weil Mitbewohner aus der Dorfgemeinschaft vertrieben, weil sie umgebracht wurden. Ebenso lückenhaft – und damit konsequent – ist die achronologische, zwischen Zeiten und Figuren springende Erzählweise dieses als Mosaik angelegten Textes.

„Die Lücken“ werden peu a peu ausgefüllt, das, womit sie ausgefüllt werden sogleich angeschaut, vorgestellt mal in personaler, dann wieder in distanzloser Du-Erzählweise, in Abwanderung eines Erzählgebirges, das durchsetzt ist von Bewusstseinsströmen und Reflektionskaskaden. Dieser größtenteils ohne Dialoge inszenierte (also auch hier das Verschweigen spiegelnde) Roman stellt unter anderem im raumgreifenden Gestus vor:

Eine sadistische Mitläuferin, die in den 1930er Jahren noch ihr kleines, sich aus Versehen eingenässtes Kind auspeitscht, eine unbarmherzige Person, die in den 1950ern NS-relativierende Leserbriefe tippt (einer wird in „Der Spiegel“ abgedruckt), um selbst hoch betagt in den 1990er ihrer sadistischen Körperzucht nachzugehen – als greise Gymnastiklehrerin.

Mit Willem zum Eigenheim

Portraitiert wird auch eine NS-Mitläuferin, die als Fachverkäuferin im jüdischen, später arisierten „Kaufhaus Lichter“ schafft, und sich mehr darum schert, was die Leute denken, als darum, welches Unrecht ihrem Arbeitgeber widerfährt. Auf eine gewisse Weise achtet sie diese jüdische Kaufmannsfamilie. Doch aufgrund ihres beschränkten Horizonts kann sie nicht verstehen, wie das Leben der Anderen ausgestaltet ist: „Erst hier oben fiel ihr wieder ein, dass die Merkwürdigkeiten des Ehepaars Lichter mit ihrem Jüdischsein zu tun haben mussten, denn hier sah sie Dinge, die sie nicht zuordnen konnte, religiöse Bücher, einen Leuchter, diese Dinge mussten wohl was mit ihrem Volk zu tun haben.“

Dazwischen stehen zwei überaus liebevoll gezeichnete, aus dem Iran geflohene Familien mit enormem Anpassungswillen. Eigentlich hätte gereicht, nur sie zu porträtieren, diese charmanten Menschen, die es mit Fleiß, Anstand und gutem Willen bis zum Eigenheim bringen werden, während ihr Sohn als Bürge eingesetzt wird und trotz aller Fährnisse das beste Abitur des Dorfgymnasiums erlangt. Gleichzeitig sind diese beiden Familien in mehrfachem Sinne Fremde, nicht aus kulturellem Mangel, sondern eben weil sie – iranische Metropolenbewohner – kultivierter sind als die einheimischen Dörfler. Grandezza trifft auf ALDI-Schnäppchenjäger, wenn die iranische Mutter Parvaneh ihre Tochter zum Kindergeburtstag begleitet:

„Kerstins Mutter wirkte so solide und stabil wie das Zuhause, an dessen Pforte sie stand. Ihre Füße steckten in Turnschuhen, die Deutschen immer mit ihren Schuhen im Haus, diese Turnschuhe waren eindeutig zu jugendlich für Kerstins Mutter, aber weil sie das Gesicht eines Kindes und die Frisur einer Oma hatte, war doch alles wieder sehr stimmig. Sie war enttäuscht, aufrichtig enttäuscht, dass Parvaneh nicht hereinkommen konnte und der Art, wie sie von Kaffee und Limonade sprach, konnte man sich nur schwer entziehen. Aber Parvaneh hatte zwei kleine Kinder allein in der Wohnung zurückgelassen, um Bahar herzubringen. Bahman war für einige Tage verreist, zu den Treffen seiner Bewegung in Dortmund, oder war es Duisburg? Düsseldorf? Parvaneh war allein mit den Kindern und froh, wenigstens eines kurz woanders beschäftigt zu wissen.“

Erektion beim Führer

Dieser ausufernde, ellenlang neben seinen Figuren gehende Roman ist offensichtlich als großer Wurf angelegt: und tatsächlich beheimatet er gleich mehrere Bücher. „Die Lücken“ ist auf der einen Ebene eine beobachtungsgenaue, mit unserer Gegenwart parallelisierte Analyse des totbringenden, sich erst langsam ankündigenden, dann immer brutaleren Antisemitismus, wie er auch dieser Tage herrscht: „Die Sicherheit des Friedhofs, ab wann war sie fort? Als die Steine zum ersten Mal umgeworfen und beschmiert wurden? Als die Männer es zum zweiten Mal taten? Nach der Nacht, in der sie die Thorarollen auf den Marktplatz trugen und in Brand setzten, anschließend zum Friedhof weiterzogen, wüteten, die Nacht, die sich in Wirklichkeit über viele Nächte – und so weiter, ab dann?“

„Die Lücken“ ist aber auch das Portrait mehrerer Frauen aus verschiedenen Zeiten, die unsentimental mit jener Realität umgehen, in die sie von anderen gestellt wurden. Dazwischen stehen Männer, die mit narzisstischen Kränkungen leben, weil das Bild, das sie von ihrer Zukunft entworfen haben, zusammengebrochen ist („Reinhard wusste nicht, ob noch jemand außer ihm eine Erektion hatte, als der Führer ihnen die Hand schüttelte. Es war ihm nicht peinlich gewesen, er hatte es genossen.“)

Und auch dies ist „Die Lücken“: eine präzise Anti-Nabel-Schau deutscher Befindlichkeiten, mit Kapitelüberschriften wie „Adventssingen im Altenheim“ (1994), „Entrümpelung“ (1994) – inklusive NS-Devotionalien, „Das erste öffentliche NSDAP-Treffen im Gasthaus von der Lahr“ (1927), „Zum ersten Mal auf dem St.-Martins-Umzug“ (1989), „Novemberpogrome“ (1938) „Fernsehabende“ (1992) – letztere mit „Die Ninja-Turtles“, „Der kleine Lord“ und „Die glorreichen Sieben“, im Anschluss irgendwas mit Adolf Hitler und Eva Braun.

„Die Lücken“, kann man sagen, ist ein Buch, ähnlich des Musterabschlusses dieses einen kurdischen Sohns – offensichtlich ein ironisches Selbstporträt der Autorin – der auf die Bühne der Schulaula gebeten wird, um sein Einser-Zeugnis abzuholen, unter so großem Applaus, dass sein eigener Vater verwundert ist. „Warum applaudieren die so“, fragt dieser Vater leise, und wird böse angeschaut: „Er hat das beste Abitur, warum sollen die nicht applaudieren? Hast du sie noch alle? Klatsch lauter! Dein Sohn hat gewonnen!“ Und vielleicht – es wäre endlich mal wieder ein Buch, das auch gelesen wird – hat die Jury ein Einsehen und zeichnet, wenn schon nicht Ingo Schulzes „Das Wasser im August“, dann wenigstens diesen dicken Roman aus – trotz seiner Lücken.

Shida Bazyar: „Die Lücken“, KiWi, 512 Seiten, 25 Euro