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Ein echter Ochsenkopf

Zärtliche Leidenschaft für totes Fleisch: Manik Sarkars literarisch gewitzte Metzgernovelle „Ochsenkopf“ erinnert in seinem grotesken Grusel an Patrick Süskinds „Parfum“, biegt aber dann in einer Feier des Handwerks ab.

Vegetarier müssen jetzt tapfer sein: In Schweine-, Rinder- und Schafsblut watet die fleischlastige Novelle des hierzulande noch unbekannten Manik Sarkar. Seinen fein filetierten, ohne Sättigungsbeilagen servierten Text hat er konsequenterweise „allen sturen Ochsenköpfen gewidmet“. Der verbohrte, ochsenköpfige Fleischersohn ist ein Exempel seines Geschlechts. Rensing junior, in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts geboren, kommt aus einem Dorf der nördlichen Niederlande. Menschen mag dieser Griesgram nicht, doch umso emphatischer begegnet er der Profession seines Vaters. Rensing senior hat kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, in „de gouden jaren“ der niederländischen Wiederaufbauzeit, eine Metzgerei mit hauseigener Schlachtung hochgezogen – und seinen Sohn am blutig-bodenständigen Berufsalltag teilhaben lassen. Der Junge verbringt seine Kleinkind-Zeit in einem Hochstuhl zwischen Laden und Schlachtraum, wo er mal den Vater bei seinen Tiertötungen beobachtet, dann wieder die Mutter, wie sie ihre Kunden im Verkaufsraum bedient – mit Folgen für den ersten Kindergeburtstag des Metzgersprosses wenige Jahre später:

„Er wollte keine Geschenke. Spielsachen fand er kindisch, er, der bereits mit Stahl, Knochensägen, rasierklingenscharfen Messern hantierte, für den der Tod mehr war als eine Fiktion, bei der man die Augen zukniff, und nach zwei Minuten war der Spuk vorbei. Wenn er denn schon unbedingt feiern musste, dann wenigstens in der Metzgerei, wo man gegen Rinderhälften boxen, auf dem Sackkarren reiten, Schweineblasen aufpusten und wie Tarzan an den Fleischerhaken durch den Raum schwingen konnte.“

Scharfe Messer, scharfer Blick

Als Abschiedsgeschenk wird Rensing junior seinen Gästen keine Süßigkeiten mitgeben, sondern die Linse eines Rinderauges. Augenfällig, dass er fortan von seinen Mitschülern gemieden wird. Dabei war er stets fasziniert von diesem Stück Schlachtabfall, das man kneten, auf diese Weise scharfstellen kann, um die Rinderlinse wie eine Lupe zu verwenden. Das Augenstück wird Sinnbild seines Lebenswegs. Rensing junior entwickelt eine kuriose „Déformation professionnelle“, einen sehr engen Blick, der nur im blutigen Metzgerhandwerk Sinnhaftes erkennen kann.

Dass dieser Ochsenkopf nach seiner Berufsausbildung dennoch in den Stand der Ehe schlittert, ist eher den gesellschaftlichen Üblichkeiten der frühen 1970er Jahre als seinem Charme geschuldet. Bei der ersten amourösen Verabredung mit der rührenden Fleischereifachverkäuferin Jacomine agiert der Metzgergeselle, als stünde er auf dem Viehmarkt, als müsste er seine Frau nach den gleichen Maßstäben auswählen wie seine Rinder.

„Sie spürte, wie seine Hände ihre Brüste kneteten, auf Festigkeit prüften, Alter und Gesundheitszustand einschätzten, und hörte, wie er ein billigendes Brummen von sich gab. Von Verliebtheit war weder da noch später die Rede.“

Kleiner-Laden-Roman

Schon bald wird die bemitleidenswerte Jacomine neidisch beobachten, wie ihr Gatte Rinderhälften filetiert – auf eine zärtliche Weise, die er im ehelichen Miteinander vollkommen vermissen lässt. Manik Sarkar serviert uns das Porträt eines Besessenen, der sich totem Tierfleisch auf ähnlich obsessive Weise nähert wie dereinst Parfümeur Jean-Baptiste Grenouille den Düften in Patrick Süskinds Weltbestseller aus dem Jahr 1985. Die Parallelen sind offensichtlich, doch keinesfalls plagiatorisch. Während Süskind in seinem Roman „Das Parfüm“ eine düster-mörderische Psychopathologie seziert, biegt Sarkars „Ochsenkopf“-Novelle ins beliebte Workplace-Genre ab. Seine Geschichte ist eine Hinneigung zum kleinbürgerlichen Geschäft.

Sie stellt, ähnlich wie Joanne Harris in ihrem prominent verfilmten „Chocolat“-Roman, die Hingabe an das traditionelle Handwerk gegen eine lieblose Massenfertigung. Und wie die Heldinnen der „Kleine Laden“-Romane besitzt auch Sarkars Figur eine rührende Berufsehre, ein qualitätsgetriebenes Ethos, das ihn peu à peu zu ruinieren droht. Er will das beste Fleisch. Die Marge ist diesem Mann gleichgültig. Ebenso seine Mitmenschen, immerhin mögliche Kunden. Kein Wunder, dass seine Gattin irgendwann die Faxen dicke hat.

„Nenn mir einen einzigen Charakterzug von mir. Eine Sache, die mich vom Rest der Menschheit unterscheidet. Es gibt Männer, die nicht wissen, welche Augenfarbe ihre Frau hat, die nicht merken, wenn sie beim Friseur war, aber du bist tausendmal schlimmer. Du weißt nicht mal, dass ich jemand bin.“

Mindestens Madeira-Zunge

Dank der behutsamen Übersetzung von Ruth Löbner, die selbst Dialekte kreativ einfasst, erscheint Rensing junior als sympathischster Unsympath dieses Bücherherbstes. Das liegt auch am feinen, stellenweise geradezu grotesken Humor dieser Novelle. Da hat sich ein Mensch in seine blutige Leidenschaft verstrickt, den Blick ausschließlich auf seine Profession gerichtet, ohne den Reichtum seiner Umwelt zu sehen. Man folgt diesem neurodiversen Charakter mit verwunderten Augen. Anja Gmeinwieser hat 2026 in ihrem Trucker-Roman „Wir Königinnen“ die Welt transeuropäischer Viehtransporte literarisiert, als leicht verfilmbares Greenpeace-Advertorial, das jeden zweiten Leser in einen Vegetarier verwandeln dürfte.

Manik Sarkars karge Sprache entfaltet sich dem entgegengesetzt nahezu flüsternd in einem falben Licht, das an die entsättigte Kälte friesländischer Novembertage erinnert. Didaktisch ist hier: gar nichts. Literarisch: alles. Andere verwursten einen Ochsenkopf zu derber Sülze mit Saure-Gurken-Spick. Manik Sarkar aber hat sich für ein Haute-cuisine-Menü entschieden, mit geschmorten Bäckchen, Madeira-Zunge und kräftiger Knochenbrühe. Bon appétit!

Manik Sarkar: „Ochsenkopf“, aus dem Niederländischen von Ruth Löbner, Paul Zsolnay Verlag, Wien, 180 Seiten, 23 Euro