Die Ärztin, Künstlerin und nun auch Schriftstellerin Leh-Wei Liao gelingt mit ihrem Debütroman „Glaszeit“ ein bleibendes Portrait unserer Gegenwart, das noch einmal Jean Baudrillards Theorien über den „unmöglichen Tausch“ poetisiert.
„Bei Google News wurde das Han Kuang Manöver als größte Militärübung in der Geschichte Taiwans bezeichnet. Ganze zehn Tage dauerte die Simulation einer chinesischen Invasion an. Wir befanden uns immer noch mittendrin.“ Krieg droht – nicht nur in Europa, sondern ebenso in Asien. China will Taiwan (auch als „Republik China“ bezeichnet) zurückerobern. Das hochentwickelte Industrieland steht vor einer ähnlichen Gefahr wie die ehemaligen Gebiete der Sowjetunion, für die Wladimir Putin mörderische Begehrlichkeiten hegt. Der russische Überfall auf die Ukraine liegt inzwischen viereinhalb Jahre zurück; der Krieg dauert bereits jetzt länger als der Erste Weltkrieg.
In dieser fragilen und vor allem für junge, wehrpflichtige Menschen beunruhigenden Zeit driftet Assistenzärztin Novana wie kopflos durch das pulsierende Taipeh. Die Stadt wirkt wie eine Spiegelung der Berliner Zwanziger Jahre – nur hundert Jahre später und 9.000 Kilometer weit entfernt. Novana arbeitet viel, lenkt sich in der übrigen Zeit mit Dating-Apps ab. Sie schreibt mal mit einem Ingenieur aus Frankreich, dann mit einem Softwareentwickler aus Massachusetts. Sie probiert verschiedene Identitäten aus: „Ich war Lola, Billie oder Mailing. Touristin. Lokale Kunststudentin. Keines von beiden.“
Sie sucht, wie so viele Zeitgenossen, ein Gegenstück. Doch so wie die Militärübung lediglich eine Simulation ist, bieten Tinder & Co. allenfalls Abbilder des Begehrten. Man muss unweigerlich an „Matrix“ denken, an dieses cineastische Simulakrum – wodurch der Name von Leh-Wei Liaos Heldin fast wie geborgt wirkt von „Neo“ aus dem Blockbuster der Wachowski-Geschwister. Taipeh in unserer Gegenwart, in der Sicht dieses Romans, ist eben auch ein Baudrillardsches Simulakrum.
Kurz vorm Karōshi
Vor vier Monaten ist Novana aus dem Rheinland in die Hauptstadt Taiwans gezogen. Ihre traumatische Kindheit hat sie nur räumlich hinter sich gelassen. Die Jugendjahre ohne ihre Mutter sind nicht einmal verdrängt, sondern werden rückblickend im Roman erzählt, ebenso wie das folgende Aufwachsen der Teenagerin bei einer befreundeten Familie. Novanas Mutter war, wie die Autorin Leh-Wei Liao selbst, bildende Künstlerin und ist plötzlich verschwunden („Regretting Motherhood“ bildet ein Leitmotiv dieses Buches, das Nicht-Verstehen der Wirklichkeit ein anderes, poetisiert durch Fach- und Fremdsprachen, die uns selbst in einen Zustand der Orientierungslosigkeit bringen).
Allein lebt die junge Ärztin nun im 32. Stockwerk eines anonymen Hochhauses und sieht ihre stylish eingerichtete Wohnung nur selten. Bis zur Erschöpfung und unterbrochen von Panikattacken, die deutlich ihre Überforderung anzeigen, arbeitet sie unter kaum aushaltbarem Hochdruck auf einer Säuglingsintensivstation: „Ich trug mich für alle Nachtdienste ein, die ich bekommen konnte. Es lag ein Trost in diesen Kliniknächten. Meine Schlaflosigkeit wurde zur Notwendigkeit. Ich lief zwischen der NICU, PICU, den drei Normalstationen und der Notaufnahme hin und her, ordnete Notfalllabore und Antibiotika an, organisierte Verlegungen auf Intensiv zur Überwachung und OPs. Nachts vergingen die Stunden anders. Jedes Mal, wenn ich auf die Uhr sah, war es später als gedacht.“ Novana sieht zerbrechliche kleine Wesen sterben, die wie Sinnbilder der bedrohten asiatischen Demokratie aufscheinen.
Eine leere Gegenwart
Die Stimmung dieses ungewöhnlich starken, sehr klug gebauten Expat-Debüts erinnert an Nicolas Winding Refns „Drive“-Kinofilm oder auch an David Finchers „Fight Club“-Verfilmung: Härte trifft auf blitzende Oberflächen, während die Sinnangebote einer beschleunigten Moderne leer wirken. Intimität endet immer wieder im Verschwinden, die wie geisterhaft wirkende Heldin ist selbst ein Geist (Ghosting als Phänomen unserer Zeit grundiert auch den – ebenfalls für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominierten – Roman ‚Anti Müller“ von Yade Yasemin Önder.). Und wie bei Önder, so wirken auch Leh-Wei Liaos Figuren wie vom Nihilismus infiziert. Es kommt selten vor, dass einer deutschsprachigen Schriftstellerin die Beobachtung unserer Gegenwart ohne moralische Wertung gelingt. Die Welt, in der wir leben, mag 2026 wie in Zeitlupe zerspringen und schon bald in tausend Scherben vor uns liegen – doch „Glaszeit“, dieses beeindruckende Debüt Leh-Wei Liaos wird, zumindest für längere Zeit: bleiben.
Leh-Wei Liao: „Glaszeit“, Luchterhand Literaturverlag, 292 Seiten, 24 Euro.




