Ein großer, ein wirklich großer Affe bricht aus, obwohl er gerade eben noch als talentierter Maler reüssierte. Ein Triceratops erwacht zum leben – doch nicht im Jurassic Park, sondern im Kinderzimmer. „Stock und Stein“ stecken in einer „Tasche voller Herbst“. Wir besuchen noch einmal das Land, in dem die Eiscreme wächst und dürfen auch mal traurig sein – in den schönsten Bilderbüchern des zurückliegenden Oktobers.
Spätestens seit den Rilke-Festspielen der vergangenen zwei Jahre könne wir „Der Panther“ im Schlaf nachsprechen: „Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe / so müd geworden, dass er nichts mehr hält. / Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt.“ Die Hamburgerin Vera Gereke tauscht das Tier und stellt einen großen Affen vor (die englische Übersetzung wird unter dem noch schöner klingenden Titel „A great Gorilla“ angeboten) – der anfangs durch den Dschungel streift, offensichtlich allein, also anders als die Herde um Silberrücken Pablo, die der einhundertjährige David Attenborough in seiner 2026 erschienen „Gorilla Story“ vorstellt. Das Pech des Affen von Vera Gerecke: die Menschen haben einen leeren Käfig im Zoo stehen. Aufgrund dieser für sie schmerzhaften Leere (dem mit Gedanken niemals füllbaren Möglichkeitsraum) entführen sie den Gorilla, um ihn hinter Gittern auszustellen.

Dort aber wird sein Blick eben nicht müde – wie es dem Panther von Rilke widerfahren ist. Der Affe Vera Gerekes betätigt sich künstlerisch, angeregt von entertainmentsüchtigen Menschen, die ihm eine Staffelei bereitstellen. Wie Schimpanse Congo, dessen Werke einst mit denen Pablo Picassos und Joan Mirós ausgestellt wurden, wird auch dieser große Bilderbuchaffe, der die getauchten Doppelseiten beinahe in Gänze ausfüllt: zum Galerien-Superstar. Von seinem Erfolg motiviert plant er deshalb ein noch größeres Kunststück… das selbst kleine Kinder mit dem bedauernswerten Schicksal dieses Tieres versöhnen sollte. Vera Gereke: „Ein großer Affe“, Nord-Süd, 48 Seiten,18 Euro, ab 4 Jahre

„Eine Tasche voller Herbst“ verspricht dieses Mitmach-Bilderbuch, das zur Heizperiode 26/27 „Superstock“ und Handschmeichler „Kieselstein“ in seinen Mittelpunkt kullert. Försterstochter Anne-Kathrin Behl bringt diesen Möglichkeitsversuch über die Herbstjacke: „Andererseits ist dies das Zuhause von Stock und Stein. Hier leben sie schon seit vielen, vielen, vielen Tagen. So ein Leben in einer Jackentasche kann ganz schön gemütlich sein.“ Beim regennassen Waldspaziergang treffen Stock & Stein auf wandlungsfähige Kastanien, die ihre Gestalt in Einhörner, Igel, Wollknödli oder Hasen (mit Ahorn-Nasenzwickern) verwandeln, auf Tannenzapfen mit Dackelohren, eine Hagebuttenfamilie und eine schöne weiße Decke (das obligatorische Tempo-Taschentuch). Ein Buch mit Bastelanleitung via QR-Code, das den wehmütigen Abschied vom fröhlichen Schwimmbadsommer ein wenig leichter macht. Anne-Kathrin Behl: „Stock & Stein“, Baumhaus, 32 Seiten, 15 Euro, ab 4 Jahre

Bevor das Eis als Zapfen an den winterlichen Zinnen hängt, lohnt sich der wehmütige Blick ins „Land, wo die Eiscreme wächst“ mit diesem 1979 im Original erschienenen Bilderbuch des britischen Schriftstellers Anthony Burgess (weltbekannt durch seinen „Clockwork-Orange“-Roman). Aus einer Zeit, in der Eiscreme in schmucken Dielen zu Bergen aufgetürmt war, kommt dieses „Leckbuch“ einer Zeppelinexpedition mehrerer Abenteurer, die sich ins Gebirge aufmachen. Dort ragt der Mont Banan neben dem Lutschiama, Heidelberg und dem Pistaz Palü auf, die Bauwerke sind aus Eiswaffeln gebaut und ein zivilisiertes Zottelmonster haust dort mit seinem Löffelchen: „Muss ein Italiener sein.“ Die Freunde entkommen einer Sahnelawine, weichen Vanille-Eisbergen aus, überfressen sich an den süßen Speisen und kehren mit unbändigem Hunger nach herzhaften Gerichten (und ein wenig warmem Apfelkuchen) zurück, um diese Story all jenen zu erzählen, die in diesem Sommer zu viel Eis gegessen haben. Dieses Buch – mit Illustrationen des Florentiners Fulvio Testa – schmeckt wie eine Wundertüte mit bunten Streuseln und Schlagobers. Ein Trip ins ganz besondere Schlaraffenland. Fulvio Testa (Illustration), Anthony Burgess (Text): „Das Land wo die Eiscreme wächst“, aus dem Englischen von Ludger Tolksdorf, Elsinor, 32 Seiten, 18,90 Euro, ab 4 Jahre

Vor einiger Zeit trendeten „Who would win“-Szenarien der Art: „Würdest du eher gegen ein Erdmännchen in der Größe eines Elefanten kämpfen, oder stattdessen gegen 100 Elefanten in der Größe eines Erdmännchens?“ Es ist faszinierend, dass in unserer Gegenwart sowohl „Friedensdemonstrationen“ als auch „Ultimate Fighting“-Events und Bundeswehr-Serien existieren (das ist wohl diese „Spaltung“, über die seit geraumer Zeit debattiert wird). Die 1994 in Freilassing geborene Illustratorin Luise Mirdita stellt nun in ihrem fast ohne Worte auskommenden Bilderbuch: „Einhorn gegen Nilpferd“. Sie zeigt einen Nachmittag zweier Mädchen. Die beiden Freundinnen kritzeln mit Bunt- und Filzstift Fabelwesen aufs Buntpapier: einen Vogel mit Zähnen, einen zusammengestauchten Triceratops, eine Katze mit kreisrunder Fratze und einen Kaktus mit bunten Stacheln. Schnell tauchen die Mädchen in ihre fabelhaften Zeichnungen ein. Sie erleben doppelseitige Abenteuerszenen, in denen Phantasiewesen einander bedrohen und die Mädchen als Heldinnen agieren, die auf Einhörnern gegen ihre tierischen Antagonisten reiten. Luise Mirdita hat Kinderzeichnungen gesammelt und diese unterschiedlichen Darstellungen für eine lustig-dadaistische Reise kompiliert als schöne Einladung an ihre Leserinnen und Leser, auf dass sie selbst zu Stift und Papier greifen, ihre eigenen Abenteuer zeichnen. Eine Einübung ins Phantastische. Große Kunst. Luise Mirdita: „Einhorn gegen Nilpferd“, Kunstanstifter, 40 Seiten, 22 Euro, ab 4 Jahre

Kurz vor Allerheiligen (1.11.), Allerseelen (2.11.), Volkstrauertag (15.11.) und Totensonntag (22.11.) erscheint dieses tröstliche Bilderbuch über ein kleines Mädchen, das im Abseits trauert: „Dies ist das letzte Foto von mir und meiner Mama und die letzte Blume, die wir gemeinsam eingepflanzt haben. Dann starb Mama – und an ihre Stelle trat das große Fehlen.“ Die 1993 in der iranischen Hauptstadt Teheran geborene Illustratorin Maryam Tahmasbi verwandelt dieses „Fehlen“ in einen geisterähnlichen Körper – ähnlich wie Winston Churchill seiner Depression die Gestalt eines „schwarzen Hundes“ gegeben hat. Tahmasbi zeigt das Mädchen, das stets mit gesenktem Kopf durch den Alltag schlurft, mit diesem riesengroßen Fehlen beim Frühstück: Es sitzt zwischen der Trauernden und ihrem offensichtlich sprachlosen Vater. Es sitzt neben ihr in der Turnhalle, während die anderen Kinder spielen. „Das große Fehlen begleitete mich von der Schule nach Hause. Und zu Hause blieb es ganz nah an meiner Seite. Und auch, als Papa und ich auf den Jahrmarkt gingen.“ In stillen Bildern begleitet diese Geschichte zwei Menschen durch ihre Trauer und führt sie Stück für Stück aus der Niedergeschlagenheit. Denn das Buch lässt uns keineswegs mit unserem Schmerz allein, sondern zeigt ein Licht (bzw. eine neue Pflanze) am Ende des Tunnels. Azam Mahdavi (Text), Maryam Tahmasbi (Illustration): „Das große Fehlen“, aus dem Persischen von Mehrdad Zaeri, Fischer Sauerländer, 48 Seiten, 16 Euro, ab 4 Jahre




