Kapitalismus und Hautkrankheiten

Am Ende des Romans „Kapitalismus und Hautkrankheiten“ dankt Jasmin Ramadan „Girls“-Erfinderin Lena Dunham. Ähnlich verwirrte Typen und Frauen wie in der New Yorker Serie gibt es bei Jasmin Ramadan auch: inklusive Stressakne.

Spleens gedeihen dann gut in Neurosengärten, wenn die eigene Mutter ein Starlet war, mit einem Scheinwerfer beleuchteten Lebensstandard, den man selbst niemals erreichen wird. „Du siehst aus wie diese Schauspielerin, die Tochter des italienischen Regisseurs, der diese Horrorfilme in den Achtzigern gemacht hat…“ (9) So klingen die üblichen Anmachsprüche, die Gelegenheitsmodel Teresa von ihren Ein-Nacht-Verehren bei pseudohippen Parties vor den Latz geknallt bekommt. Es stimmt in der Tat: Ihre Mutter Bärbel kennen Cineasten weiterhin und Teresa hat dieses „Celebrity-Gesicht“, das nach Bühne, Celluloid oder Catwalk ausschaut. Dem Äußeren weniger entsprechend hat Teresa kaum Substantielles vorzuweisen in diesem über wenige Tage erstreckenden Model-Party-Pseudoglamour-Romans.

„Na ja, das war so ein Studentenkurzfilm, sehr ambitioniert, ich hätte das sonst nicht gemacht. Ich habe eine blinde Managerin gespielt, die beim Nordic Walking im Wald eine Begegnung mit dem Teufel hat und dann…“ (19) Ende der Fahnenstange. Ende des Selbstbetrugs. Immer, wenn sich Teresa abgecheckt oder allzu gut durchschaut wähnt spürt sie einen imaginierten Schleim, der langsam Quadratzentimeter für Quadratzentimeter ihre Haut benetzt. Selbstverständlich gibt es diese Schleimbildung nur bei Schnecken und anderem ekeligen Getier, Die Endzwanzigerin aber hat eine psychische Krankheit, neurotisch,  irre, dauerpleite, abgerissen und eigentlich zu schlau für einen Job, der kaum mehr als das schöne Lächeln verlangt.

Bei ihrer Managerin, die selbst an Stressakne (110) leidet, spielt „When I will be famous“ von Bros, wie eine Verhöhnung der schlecht gebuchten Modelmädchen. Und als Teresa auf einer dieser unsäglichen Partys zum DJ geht, ihn fragt: „Hast du von Diplo ‚Must be a Devil‘ oder ‚In for the Kill‘ von La Roux?!’“, da antwortet der: ‚Das kann ich hier nicht spielen! (…) Echt nicht, sorry, das ist zu gut.‘“ (166) In diesem Umfeld ist Teresa zu Mittelmaß verdammt, sie wird limitiert, beschnitten und als sie überlegt, etwas anderes mit ihrem Leben anzufangen, fragt ihre Managerin ernsthaft, ob Teresa plant, einen reichen Mann zu heiraten.

In vielfacher Hinsicht beschränkt ist auch Teresas Bruder Ture, der Videospiele synchronisiert und seinen ehemals „unerhört dicken Körper mittlerweile im Griff“ (30) hat. Nur „wenn er mit einer Frau schlief, überfiel ihn hinterher schlagartig ein zwei, drei Tage anhaltendes Durcheinander, eine Unruhe oder sogar Depression, die sich über ausufernde Wut einen Ausweg suchte.“ (30) Post coitum anima triste est.

Der Typ ist nicht nur melancholisch, nachdem er mit einer Frau im Bett gewesen ist – er entwickelt sich langsam zum astreinen Psychopathen, zum Aussätzigen, hat neben seinen Wahnsinnsaugenblicken im Kopf sogar den Hals mit etlichen Pusteln bedeckt und nachdem sich seine Schwester bei einem Shooting aufs Set übergibt (sie soll einen toten Fisch in der Hand halten, lächeln und einen dämlichen Claim aufsagen), ist klar, dass hier nahezu alle Figuren allergisch auf die Anforderungen des Kapitalismus reagieren. Ein altes Motiv: Kaufen und Fressen führt zu Völlegefühl, zu Ekel, Stresssymptomen und dem Gefühl, alle Kontrolle abgegeben zu haben. Wer sich nach dem Exzess aber übergibt, gewinnt seine Kontrolle (scheinbar) zurück. Es ist das kapitalistische Prinzip par excellence: Alles haben, nichts bereuen (siehe: „Und auch so bitterkalt“ von Lara Schützsack)

1158_01_SU_Ramadan_Kapitalismus.inddWer 2014 im Arbeitsleben steht kann nur dann relaxed sein, wenn er kurz vor der Rente steht oder als Hausmann sein Dasein fristet: Wie Teresas Vater, der sich aus dem Brotberuf verabschiedet hat und – das Cover mit dem Buch auf dem Buch deutet es bereits an – seit Jahren an einem Roman schreibt, der ausgerechnet „Kapitalismus und Hautkrankheiten“ heißen soll. „Niemand hatte sein Werk jemals zu Gesicht bekommen. Aber Unmengen von bedrucktem Papier waren auf seinem Schreibtisch, darunter und drum herum gestapelt. Überall auf dem Boden des geräumigen Dachgeschosses lagen einzelne Blätter verteilt, sogar in dem kleinen Bad.“ (16)

In diesem Chaos unterschiedlichster Lebensträume und eher weniger lässigen -realitäten wünscht man Teresa beinahe die Gelassenheit und Freude über totale Nichtigkeiten, über das Banalste des Banalen wie bei einer ihrer Modelkolleginnen, die irgendwann monologisieren wird: „Auf jeden Fall hat Nikki schon wieder krass zugenommen! Ich glaube, deswegen war die am Samstag auch nicht mit auf der Party … Aha, ähä, ähä, ja, nee, genau, im Gesicht setzt Berenike nicht so an, das ist voll ungerecht. Ey, heute früh war ich fast unter fünfundfünfzig Kilo, das war aber vorm Kacken. Was meinst du, wie viel wiegt Scheiße?! Nee, echt? Meinst du?! Das wäre so cool, dann wäre ich unter fünfundfünfzig. Ey, ich sag mal so, wenn ich endlich wieder Größe vierunddreißig habe, leck ich mir selber die Muschi, so geil wäre das.“ (97) Angesichts dieser dummbratzigen  Modeleuphorie mag es besser sein, eingebildeten Schleim auf der Haut und Pusteln am Hals zu spüren.

Jasmin Ramadan: „Kapitalismus und Hautkrankheiten“, Tropen, 224 Seiten, 18,95 Euro

Beitragsbild: Ali Salehi Yavani

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