VIER x Prag

Mit VIER x (sprich „Vier mal“) wird eine neue LesenMitLinks-Rubrik eröffnet. Regelmäßig werden thematisch vier Kurztexte zusammengestellt und mit dem Blogarchiv verknüpft, um etwas Neues ergänzt, Beziehungen gesucht. Den Anfang macht die tschechische Hauptstadt Prag, nach einem sommerlichen Besuch Anfang Juli diesen Jahres. 

9783938375105EINS Wie selbstverständlich heißt hier die Entenkeule „Berthold Brecht“, die Profiteroles „Adalbert Stifter“ und nebenan ist das Restaurant “Rainer Maria Rilke“. In vielen Cafés stehen Bücherregale und wer sich abzocken lassen will geht zum Kafka-Haus, wo  eine fürchterlich geführte „Buchhandlung“ untergebracht ist: fotografieren verboten, aber „good book to buy“. Prag ist Kafka. Prag ist aber auch Ludvíg Kundera, Absolvent der Karls-Universität und Cousin von Tschechiens Bestsellerautor Milan Kundera. Tipp: „el do Ra Da(da)“, eine Sammlung aus Bildern, Gedichten und Erzählungen. Seine Geschichten aus den 1940er Jahren lesen sich wie Kommentare aus Neue-Mitte-Cafés: „Monologe, zwischen denen hier und da ein Lächeln raschelt.“ Dieselbe Eitelkeit wie heute. Tatsächlich ist es das apokalyptische Kriegsberlin, in dem der junge Tscheche zur Zwangsarbeit gezwungen wurde, das Berlin der Bomben, des Hungers, der Seuchen. Nach 1945 startete Kundera in seinem Heimatland durch, bevor die Kommunisten 25 Jahre später ein Publikationsverbot gegen den subversiven Autor verhängten. Deshalb hören wir erst jetzt von ihm und diesem kraftvollen Buch:poetisch, wirr, dada, rauschhaft wie ein starker Sonnenstich. (Ludvíg Kundera: el do Ra Da(da), Arco, 416 Seiten, 32 Euro, übersetzt von Eduard Schreiber). 

0ZWEI  “Hübsches Techno … 1000 Beats pro Minute. Dein Herz ist dein DJ. Ist wie bei der Loveparade. Nur ohne Gesang.” Der Prager Straßenbahnfahrer Petr besingt auf diese Weise die 17-jährige Vanda, Gothic-Punksängerin der Band “Kill the Barbie“, Kokserin, Scheidungskind mit einem Vater, der ihre beste Schulfreundin dated. Vanda verbringt Vormittage allein rauchend auf dem Klo, dreht nur im Scheinwerferlicht auf: “Fuck off Bush! Fuck off USA! Kill the Barbie! Fucking cocksucker!” Hipster-Autor Jaroslav Rudiš portraitiert in kurzen Episoden fünf einsame Helden der tschechischen Hauptstadt, Gefallene, Trauerndem unglücklich Verliebte, halb Wahnsinnige, die sich immer wieder begegnen, unwissentlich verbunden sind durch ein melancholisch gestimmtes Band. Dazu gehört ein erfolgreicher Anwalt, bei dem es plötzlich um mehr geht als um “Marie. Ihr Hintern. Null Reaktion. Ihre Pussy, ihre fucking Pussy. Nichts regt sich. Weiter. Nur nicht aufhören. Ludmila. Ihre Riesentitten.” Sein Bruder kämpft im Irak und ist vermutlich gefallen. (Jaroslav Rudiš:”Die Stille in Prag”, übersetzt von Eva Profoussová, Luchterhand, 242 Seiten, 16,99 Euro) Hier weiterlesen

419kz8Kp3AL._SY300_DREI Eine bemerkenswerte Widerstandsgeschichte: Ludwig Winders „Die Pflicht“ zeichnet mit präzisem Stift ein vorbildhaftes Einzelschicksal in der besetzten ČSR Ende der Dreißiger, Anfang der Vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Der Tariffachmann Rada, Rädchen im Getriebe des Tschechischen Eisenbahnministeriums, ist ein nützlicher Untertan. Sein Wille: Schutz der Familie. Die ermöglichende Pflicht: dienliche Arbeit. Mit dem Einmarsch der Nazis zerfallen diese Zusammenhänge jedoch. Nachdem sein Sohn deportiert wird, schließt sich Rada dem heimlichen Widerstand an. Seine Pflicht, die Befreiung des Tyrannen, widerspricht plötzlich dem anfänglichen Willen. Klug gebaut, mitreißend, zum Ende hin geradezu atemraubend erzählt Winder hier Erschütterndes. Der Autor, nach Kafkas Tod dem engeren Prager Kreis um Max Brod angehörend, ist selbst 1939 über Polen nach England geflohen, wo „Die Pflicht“ 1943 entstand. Die Erstauflage war binnen vier Wochen ausverkauft. Genaue, historische Hintergrund liefert das abschließende Nachwort von Herausgeber Christoph Haacker, der mit diesem Band einen großen Autor wiederentdeckt hat. (Ludwig Winder: „Die Pflicht“, 200 Seiten, Arco, 20 Euro)

HulovaVIER “Cirkus Les Mémoires” heißt der schwärmerische New-York-Roman von Petra Hulová im tschechischen Original. Die 1979 in Prag geborene Autorin erzählt von Tereza und Ramid, zwei Gestrandeten im wilden Osten Amerikas, zwischen Bronx, Manhattan, Chinatown. Tereza, glutäugig und backfischjung, ist mit Fotos und einer Menge Hoffnung aus Tschechien angereist. “Irgendwer wird hier ein Buch mit ihren Fotos verlegen und sie kehrt wieder zurück”, glaubt sie anfangs, “bis dahin wird sie von Tür zu Tür wandern, wie man es in Filmen sieht. Wer etwas kann, wird früher oder später von jemandem wahrgenommen.“ Dieser Jemand ist in Terezas Fall der wesentlich ältere Orientale Ramid, ein Perser, der 20 Jahre vor ihr aus dem Nahen Osten nach New York gekommen ist, zusammen mit dem hungerleidenden “Cirkus Les Mémoires”. Ramid trifft Tereza zufällig auf einer Parkbank in Manhattan und hält die junge Frau für die von seiner Mutter vorhergesehene große Liebe. Die beiden finden zusammen und “Manches wird geschehen”, wie der ungefähr und ungefährlich klingende Titel ins Deutsche übertragen wurde. (Petra Húlová: “Manches wird geschehen”, übersetzt von  Michael Stavaric, Luchterhand, 352 Seiten, 9 Euro) Hier weiterlesen.

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