Christian Kracht: „Nichts mit Tellkamp gemein“

Mit der gestrigen Lesung im Literaturhaus am Main beschloss der Schriftsteller Christian Kracht seinen Frankfurter Aufenthalt – was bleibt?

„Alles, was sich zu ernst nimmt, ist reif für die Parodie; so auch diese Vorlesungsreihe.“ Jenen Satz, den der Schriftsteller Christian Kracht geäußert hat am vergangenen Samstag an der Goethe-Universität Frankfurt denkt man mit nach dem gestrigen Abschluss dieser aufsehenerregenden Poetikvorlesung. „Emigration“ war ihr Titel, eine Mischung aus „Träumen und Traumata“ der Inhalt dieser Reihe, die bereits am Dienstagabend vor einer Woche begann mit dem, was Krachts Verleger Helge Malchow später als “Coup“ bezeichnen sollte. Der 51-jährige Autor berichtete von sich selbst als Kind und wie er missbraucht wurde in einem kanadischen Internat. Vierzig Jahre sind seitdem vergangen, aber erst jetzt scheint für den Schriftsteller evident, in welcher Weise diese schockhafte Erfahrung maßgeblichen Einfluss hatte auf sein literarisches Werk.

Zahlreiche Medien berichteten, selbst die Bild-Zeitung fragte ein Interview an (das abgelehnt wurde). Noch nie gab es eine ähnliche Aufmerksamkeit für die 1959 gegründete Poetik-Vorlesungsreihe, und so wurden auch die zweite und die dritte Veranstaltung von knapp 1200 Interessierten besucht. Man kam gleichsam in der Erwartung, weitere Geheimnisse zu erfahren, Selbstentäußerungen von einem der rätselhaftesten Literaten unserer deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Was dann geboten wurde war ein Happening im wahren Sinn, denn Ton- oder Videoaufnahmen durften nicht mitgeschnitten werden. Die in Frankfurt vorgetragenen Texte wurden vorab niemandem vorgelegt, auch nicht – wie es üblich wäre – der germanistischen Fakultät. Wer also nicht anwesend war, der kann, bemerkenswert für unsere von Speichermedien bestimmte Zeit, nichts von dem nachhören oder wiederlesen, was Kracht gesagt hat. Unklar bleibt, ob sein Kölner Hausverlag Kiepenheuer & Witsch die Vorlesungen als Buch veröffentlichen wird.

Deshalb reisten sie alle an, das Fernsehen und das Feuilleton, das Schriftsteller-Kollektiv „Rich Kids of Literature“, Suhrkamp-Autor Clemens Setz, eine ganze Riege namhafter Germanisten, die am Freitag und Samstag auf einer wissenschaftlichen Fachtagung diskutierten über Krachts Ästhetik; der Schriftsteller als Star, so kennt man es noch von jenem Genre, das Ende der 1990er Jahre als Popliteratur bezeichnet und unter das Christian Kracht mit seinem Roman „Faserland“ irrtümlicherweise rubriziert wurde.

Einen Verriss dieses Debüts, genauer eine Polemik von Thomas Gsella und Jürgen Roth trug Kracht am Dienstagabend zu Beginn vor, als wollte er eine spezifische Lesart seines Werks desavouieren und in deutlicher Differenz setzen zu seinen eigenen Hinweisen, zu seinen poetologischen Begründungen für das eine oder andere Phänomen, das in seinen Büchern beobachtet werden kann. „Folgt man Kants berühmter Definition des Lachens aus der Kritik der Urteilskraft, nämlich als einem Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts, dann war Christian Krachts Frankfurter Poetikvorlesung vor allem – ein Witz“, schrieb Oliver Maria Schmitt (Titanic) noch am gleichen Abend auf seiner Facebook-Seite.

So mehrdeutig Schnitts Aussage sein mag: sie ist falsch. Kracht ist deshalb ein derart großer Künstler, weil er den Blick auf ihn, der in besagter Polemik als Porschefahrer bezeichnet wird kurzschließt mit nicht weniger als der heiligen Transzendenz. Diese wird nach seiner Aussage zerstört, sobald ein Künstler sein Werk nicht mehr anonym schafft zu Gottes Wohlgefallen, sondern um sich als Subjekt sichtbar zu machen. Wenn Kracht zudem das Begehren über die Befriedigung stellt, das Aushalten einer Spannung zwischen Verheißung und Erfüllung, dann öffnet er einen Möglichkeitsraum, der größer ist, weitläufiger als bei jenen neurechten Rumplern unserer Tage, über die der Schriftsteller am Dienstagabend sagte: „Ich habe mit diesen Tellkamps und ihren Winzerhüten und ihrem Willen nach Abgrenzung nicht das geringste gemein.“

Bleibt der Satz über die Parodie, der auch zutreffend sein soll für die Vorlesungsreihe „Emigration“. Was klingt wie eine Randnotiz des Autors zu Susan Sontags berühmtem Essay „Notes on Camp“ ist vor allem die erneute Bildung jenes Zwischenraums, in dem sich Wirkliches und Wundersames beinahe berühren. Dutzende Texte sind nun über diese Vorlesungsreihe verfasst worden, doch am Ende wird es nicht die Tinte sein, die bleibt, sondern die Leerstelle, die Christian Kracht geschaffen hat. Es wird bleiben diese Präsenz des Nicht-Präsenten, diese deutliche Unterscheidung zwischen National- und Welt-Literatur, zwischen Abgrenzung und Umweltoffenheit oder um abschließend eine schöne Formulierung von Rainald Goetz zu nehmen, es wird bleiben dieser allzu deutliche Unterschied „zwischen Null und Titan.“

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