Linkradar: Jahresrückblick 2015 (2)

Gestern ging es hier im ersten Teil des Jahresrückblicks um Clemens Setz, Suhrkamp,  Debatten, Metrolit, um die vier wichtigsten Preisträger und um das Institut für Zeitgenossenschaft. Nun geht es weiter, mit dem wichtigsten Thema des Jahres, meinen liebsten Büchern des Jahres, mit einem immer wieder schön zu lesenden Text aus dem Guardian, ohne das „Literarische Quartett“, dafür mit Günter Grass, Nora Gomringer und einem höchst unwahrscheinlichen Bestseller. 

wahlplakat-csu-vertriebene_plakat_LEMO-8-035Als ich Anfang des Jahres für den Bayrischen Rundfunk eine Nazidemo in Dortmund besuchte, standen die Pegida bereits unter Beobachtung und viele Journalisten wägten ernsthaft ab, ob man sich mit den „Sorgen“ der Wutbürger auseinandersetzen müsse. 817 Angriffe auf Flüchtlinge später dürfte das gewiss niemand mehr behaupten. Nachdem dann auch noch Botho Strauß Wirres im Spiegel schrieb dachte ich, es sei an der Zeit, ein längeres Feature zu machen über „Weltliteratur statt krachdeutscher Parolen.“ Ein kleiner Beitrag, der aber zu wütenden Reaktionen führte (man zieh mich in einer Mail, dem Islamismus das Wort zu reden.) Die Buchszene war 2015 hellwach, unter anderem mit der großartigen Aktion #BloggerfuerFlüchtlinge. Rechts im Bild: das Wahlplakat der CSU zur bayerischen Landtagswahl am 1. Dezember 1946.

vonneendlichkait102_v-podcastEs war klar, dass der Tod von Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass zu Bestürzung (auch an der Algarve), zu F.A.Z.-Marathon-Nachrufen und auch zum Satiresturm führen wird. Die Titanic bringt das Testament –  unterschrieben mit dem Datum des 29. April 1945, 4:00 Uhr, also zur gleichen Zeit wie das Testament des kapitulierten „Führers“ Adolf Hitler. Im Sommer erschien postum das letzte Werk des großen Grass’ – „Vonne Endlickkait“, natürlich im Hausverlag Steidl. Die F.A.Z. urteilt: „Immer wieder schließlich wird auch der Leser, der über verrutschte Metaphorik und Polemik den Kopf geschüttelt hat, plötzlich durch schöne, klare Verse gefangen genommen. ‚Nur Er, der Tod ist immer da, / ihm ist die eine Silbe vorbehalten, / die jederzeit auf Abruf wartet, / uns trifft inmitten langer Sätze, / auch Schläfers Traum verknappt.‘“

51KBJB-prHL._SX304_BO1,204,203,200_Bücher des Jahres, die mich begeistert haben: Maarten ’t Hart schreibt die große Familiengeschichte „Magdalena“, über Frank Witzel habe ich gestern geschrieben, eine Überraschung war „adibas“ von Zaza Burchuladze, gewohnt großartig „Technik. Kapital. Medium“ von Philosoph Peter Trawny (dazu passend: Franco ‚Bifo‘ Berardi mit „Der Aufstand“), ebenso „Der Blick aus dem Fenster“ von Hartmut Lange und wenn man schon beim Tod ist: „Die letzte Freiheit“ von Georg Diez ist eine brillante Meditation über den Freitod (das obige Beitragsbild ist während der Premierenlesung in Berlin entstanden).

M41Autoren-Beau Philipp Tingler begeisterte mit „Schöne Seelen“, die nicht weniger attraktive Mira Gonzalez (Bild) mit ihrem Band „Ich werde niemals schön genug sein, um mit dir schön sein zu können“. Der oft genialische Helmut Krausser ist zurück mit „Alles ist gut“, Bov Bjerg begeistert alle mit „Auerhaus“. Theatermacherin Kathrin Röggla erklärte, warum wir „Die falsche Frage“ stellen. Dimitrij Wall polarisierte mit „Gott will und tot sehen“. Teresa Präauer schreibt über „Johnny und Jean“. Wer sich für die kommenden Parties fit machen will: Sehr empfehlenswert ist „Smalltalk“ von Alexander von Schönburg.

1443992381Hitzeschlacht: 2015 war ein besonders starkes Bachmann-Jahr. Beim Wettlesen in Klagenfurt konnte sich Nora Gomringer durchsetzen. ich erinnere mich an schweißtreibende Stunden in meiner Küche. Feuchte Bettlaken hingen vorm Fenster. Der Veranstaltung vorausgegangen ist zuerst mein A-Z Bachmannpreis, dann gab es noch den Gastbeitrag von Heimo Strempfl und dann die Tageszusammenfassungen. Kurz darauf war ich zu Gast in Kärnten – die dort entstandene Erzählung ist vor wenigen Wochen bei den Hamburger „Literatur Quickies“ erschienen. Anfang Dezember habe ich im Musil-Haus gelesen.

sl_145Kanaren, Sonne: Doch das waren nicht die einzigen Streiche. Es erschienen außerdem „Lanzarote“ bei Sukultur (mit einem Cover von Maurycy), der Text „Programm ist Programm“ über meine Zeit als Leistungssportler im Mairisch-Band „Die Philosophie des Laufens“ und der „Taxi, Wuppertal“-Text in einer schönen Hanser-Box-Anthologie. Im Bayrischen Rundfunk gab es neben dem „Weltliteratur“-Feature einstündige Sendungen von mir über das deutsche Gegenwartstheater, den Bodybuilding-Kapitalismus, unmittelbar nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo ein Feature über den Zusammenhang von Kunst und Terrorismus und noch ein Fachthema: „Isch geh Germanistikseminar – über Geisteswissenschaften im Jahr 2015“. Sachen erschienen u.a. in Rolling Stone, der Freitag, Deutschlandradio Kultur, Deutschlandfunk und WDR 5.

kai-eric-fitzner-foto.256x256Wieder wach: Autor Kai-Eric Fitzner stand mit seinem Buch „Willkommen im Meer“ auf Platz 1 der Amazon-Bestsellerliste. Dabei ist das selbst publizierte Werk seit 2006 erhältlich. „Der Online-Buchhändler teilte gegenüber NDR.de mit, dass das Unternehmen auf seinen kompletten Erlösanteil verzichten wird. Somit gehen pro verkauftem Buch nach Abzug von Steuern und Druckkosten mehr als sieben Euro an Fitzners Familie. (…) Der 45-jährige  liegt seit einem Schlaganfall in der vergangenen Woche im Koma. Um seine Frau und die drei Kinder finanziell zu unterstützen, wurde in sozialen Netzwerken dazu aufgerufen, sein (…) Buch zu kaufen.“

Pausenvideo

Chabos wissen, wer der Babo ist: Germanistikprofessor Sven Hanuschek von der LMU in München ist es jedenfalls nicht. Fürs VICE hat er die Lyrics von Haftbefehl analysiert und vor versammelter Crwod lächerlich gemacht. Die Seite „Texttheorie und Gestaltung“ schreibt eben hier: „Man stelle sich vor, jemand sagt über die Dramatik des jungen Goethe: ‚Es gibt da einen starken umgangssprachlichen Anteil. Ich denke, das liegt an den Vorbildern von Goethe. Soweit ich weiß, hat er so englische Leute gelesen, die auch Dramen geschrieben haben, und das wird natürlich aufgegriffen.‘ Doch Hanuschek analysiert weiter und schreibt über K.I.Z., Schwesta Ewa, Money Boy.

Konsuminventur

18bffb56-eba4-4dd2-a9ce-3f1c13b2fd29-881x1020Weißwein und Ottomane: Der gute Riesling und das elegante Sitzmöbel sind laut dieses schönen Guardian-Artikels klassische Konsumgüter, die uns als Erwachsene glücklich machen. Das passt zum Trawny-Buch und klingt gleichzeitig ein wenig nach den ersten Minuten von Fightclub: „Now I am an adult-aged person. I live in an apartment, and I have a lot of the things I used to daydream about having: a full-sized broom and dustpan; forks; shelves of mysterious spices with dubious purposes. (The purpose of most of my spices is to make it look like I use a lot of spices. Really, I only use cayenne pepper, regular pepper, and the cheap hot curry powder in a cellophane bag from the Middle Eastern market.)“

(noch 6500)

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