Ein Bewusstsein für das, was fehlt

Ein Debüt, zwei Veröffentlichungen altgedienter Hasen, das obligatorische Zweitbuch – und ein Gedichtband: Die Nominierungsliste des diesjährigen Preises der Leipziger Buchmesse widersetzt sich allen Erwartungen und bedachtet weder das Prekariat, noch mehr mehr Frauen als Männer. Im Sachbuchbereich sind gleich fünf Herren nominiert, bei den Übersetzungen wenigstens Elisabeth Edl für „Gräser der Nacht“ von Patrick Modiano (hier im Blog) und Miriam Pressler für „Judas“ von Amos Oz. Im Rampenlicht stehende Autoren wurden vernachlässigt – Klaus Modick setzt sich seit Wochen ohne Juryhilfe mit seinem „Konzert ohne Dichter“ durch. Auch schafft es Arno Geiger, der frühere Sieger des Deutschen Buchpreises, wenigstens in die Top-20 der Buchcharts. Hier gibt es einen Überblick über jene drei Bücher, die am Donnerstag vermutlich das Leipziger Rennen unter sich ausmachen werden. Michael Wildenhains „Das Lächeln der Alligatoren“ wurde bereits hier rezensiert – eine Besprechung von Ursula Ackrills „Zeiden, im Januar“ erscheint morgen im LesenMitLinks-Blog. Eröffnet wird mit: Jan Wagner.

Als dessen „Regentonnenvariationen“ Anfang Februar auf der Nominierungsliste platziert war, twitterte Hanser-Chef Jo Lendle: „Eine Gattung wird entdeckt: Im 11. Jahr des Preises der Leipziger Messe nominiert die Jury erstmals einen Lyrikband.“ Die Augenbrauen hoben sich und in der F.A.Z. erschien diese wunderbare, auf Höhe des Textes argumentierende Besprechung von Christian Metz (sie wurde vielmehr um den Hinweis zum Preis ergänzt – die „Regentonnenvariationen“ liefert Hanser seit dem 25. August vergangenen Jahres aus). Was ist dieser F.A.Z.-Rezension hinzuzufügen, wenn Ergriffenheit bleibt nach Versen wie diesen: „giovanni gnocchi spielt bach, während draußen / der sommer ist, die hitze, die stadt. / die göttlichste hummel aber ist hier, / verirrt im kühlen saal, fliegt träge / von note zu note, von blatt zu blatt.“ (aus „giovanni gnocchi am violoncello“).

HB Wagner_978-3-446-24646-1_MR.inddMan könnte nun erneut mit Jo Lendle kommen – und zwar mit seinem Miniaturen-Debüt „Unter Mardern“ (hier im Blog). Einige Gedichte aus den „Regentonnenvariationen“ sind versgebundene Kleinsterzählungen, wie in dem stück „aus der globusmanufaktur“: „einmal verlegte ich mein pausenbrot / in einer südhalbkugel, die noch einzeln / und offen war.“ Oder in „laken“ (ja, alles klein geschrieben): „so faltet man laken: die arme / weit ausgebreitet, daß man sich zu spiegeln / begann über die straffgespannte fläche / hinweg; der wäschefoxtrott dann, bis schritt / um schritt ein rechteck im nächstkleineren / verschwand, bis sich die nasen fast berührten.“ – Das allein lockt niemanden hinterm Ofen hervor. Es sind charmante Beobachtungen, poetische Einfälle, wie sie guten Romanschrifststellern immer mal wieder einfallen. Nun ist Jan Wagner zweifelsohne einer der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker dieser seit Jahren prosperierenden Szene – woran er selbst mit seinen  „Lyrik von jetzt“-Anthologien Verantwortung trägt. Ob Kookbooks, das Verlagshaus J. Frank oder die großen Verlage Suhrkamp und Hanser (der Berlin Verlag leider nicht mehr) – die Lyrik ist hellwach und präsent. Verkauft sie sich auch gut? Es geht. Aber darum geht es nicht.

Es geht um Momente wie in Wagners „versuch über die silberdisteln (für Rainer Kunze)“, wo er schreibt: „es gibt konstellationen / des südlichen und des nördlichen himmels, / und es gibt sie: die silberidisteln.“ Oder, weiteres Beispiel aus „versuch über mücken“, wo die Form ein zierliches Bild einfängt: „als hätten sich alle buchstaben / auf einmal aus der zeitung gelöst / und stünden als schwarm in der luft,“ Das ist gut herausgearbeitet. Das ist so zierlich, dass eigentlich kaum mehr als die Empfehlung bleibt, stets nur ein Gedicht/gedicht pro Tag zu lesen. Rezensenten blättern en bloc. Das verfälscht die Wahrnehmung, das sollte die Wahrnehmung aber nicht verfälschen. Denn hier hat sich einer aufgemacht, die Dimension seiner Gattung in ähnlicher Weise auszuloten wie jener Lehrling, der in Wagners Gedicht „die tassen“ aufbricht, „in einer nussschale“ (das klassische Bild eines „pars pro toto“), und „die aufgabe war einfach: eine tasse / zu töpfern, die dem ehrwürdigen meister / gefiel.“ Die sich daran anschließende Geschichte kann gelesen werden als der Weg eines jeden Künstlers, der Idealen entgegen strebt, von denen er nie sicher sein kann, sie je erlangt zu haben. Dass selbst Goethe nur eine Handvoll brillanter Gedichte geschrieben hat, bemerkte schon Marcel Reich-Ranicki. Wie soll nun geurteilt werden? Was wäre ein Urteil wert, das sich messen müsste mit einem Mückenschwarm, der aufgestiegen ist wie alle Buchstaben einer kompletten Zeitung? Man muss, manchmal, der Poesie ihre Rätsel lassen. (Jan Wagner: „Regentonnenvariationen“, Hanser, 112 Seiten, 15,90 Euro)

Teresa Präauer: „Johnny und Jean“

Nach dem ungleichen Paar Martha und Matthias in Michael Wildenhains „Das Lächeln der Alligatoren“ stellt die Wienerin Teresa Päauer (Beitragsbild oben) in ihrem zweiten Roman die eben alliterierenden Freunde „Johnny und Jean“ vor. Der eine ist Draufgänger und macht schon als Bub Salti vom Dreimeter-Sprungbrett. Der andere traut sich vom Einer bloß den Kopfsprung und verliert beim Untertauchen beinahe seine Badehose. Johnny wird beklatscht, Jean ignoriert. Dieses Prinzip führt sich fort, als beide bildende Kunst studieren, in der zweitgrößten Stadt Österreichs – also nicht in Linz, wo Teresa Präuer geboren wurde, sondern in Graz.

PraaaBevor es zu Verwechslungen kommt: Der hier beheimatete Schauspieler Helmut Berger tritt bei Kommissar Rex auf und im Film „Die Rache der Wanderhure“. Der gleichnamige Star-Mime („Die Verdammten“, „Das Bildnis des Dorian Gray“) wurde in Bad Ischl geboren. Künstlerisch ähnlich weit wie die beiden Schauspieler mit Namen Helmut Berger liegen auch Johnny und Jean auseinander. Schon bei der Mappenpräsentation begeistert Johnny mit seinen großformatigen Werken, während Jean detailgetreu gezeichnete Fische im Passeparetout herzeigt. „Ich stehe vor meinen Bildern, und der Fischschwarm blickt mich aus hundert Augen an, und auch er, wie alle, schüttelt enttäuscht den Kopf: Junge, wach auf!“ Angenommen werden sie beide. Sie freunden sich sogar an und Jean, der eigentlich ganz anders heißt, bekommt vom Star des Jahrgangs diesen französisch klingenden Namen verpasst. Ob sie tatsächlich beide angenommen werden, wird in der Schwebe bleiben. Denn Jean bildet sich diese Freundschaft zu Johnny lediglich ein und zwar auf eine derart rätselhafte Weise, dass man fragen kann, ob der Schönere, Bessere, Beliebtere lediglich die Erfindung des Kleineren, Geduckten, Übersehenen ist, also quasi jene Idealvorstellung verkörpert, die der Kunst wesenhaft zugrunde liegt.

Ebenso wäre denkbar, dass sich der eben nicht an der Kunsthochschule Angenommene in eine kompensierende Traumwelt flüchtet. Johnny reüssiert. Er arbeitet an seinem Œuvre, sammelt wie einst Tony Cragg Sperrmüll und baut eine gigantische Installation. Johnny verführt die schönsten Studentinnen. Johnny stellt seine ersten Sachen in einem Off-Space auf. Johnny wird nach New York eingeladen. Johnny hat eine Einzelausstellung mit monochromen Werken in Wien. Jean aber bildet sich ein, Salvador Dalí und Marcel Duchamp wären zu Besuch, Charlie Chaplin käme auf einen Disput vorbei – und freilich findet auch Jean die Nähe zu schönen Frauen, wird zum Nebenbuhler. In kurzen Sequenzen rauscht dieser imaginierte Film vorbei: poetisch und trotz seines Spiels mit Realität und Fiktionen einleuchtender, schlüssiger, verständiger als beispielsweise die formal gescheiterten Romane von Wildenhain und Ackrill. Ein Kandidat für den Preis der Leipziger Buchmesse? – Da zwei der besten Veröffentlichungen des Frühjahrs ohnehin nicht nominiert sind, also weder „Planet Magnon“ von Leif Randt, noch „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1968“ von Frank WItzel, und es wenigstens betriebsintern sensationell wäre, gewänne endlich ein Gedichtband, also aufgrund vielzahliger und nicht nur durch den Text begründeter Umstände hat „Johnny und Jean“ eine realistische Chance, den Pott nach Österreich zu holen. (Teresa Präauer: „Johnny und Jean“, Wallstein, 208 Seiten, 19,90 Euro)

Norbert Scheuer: „Die Sprache der Vögel“

Vielleicht kann sich auch Norbert Scheuer berechtigte Hoffnungen machen. Der 63-Jährige hat bereits etliche Jurys für sich gewinnen können. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen gehören der Georg-K.-Glaser-Preis, der Martha-Saalfeld-Förderpreis und der 3sat-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2006. Etwas unglücklich ist, dass auch er, wie Michael Wildenhain, einen Helden präsentiert, der sich schuldig fühlt, weil er einen Unfall verursacht hat – in den nicht der Bruder, sondern in diesem Fall der beste Freund verwickelt war. Der Freund, Jan heißt er, siecht seitdem als brabbelnder Pflegefall vor sich hin. Der Held aber, auf den schönen Namen Paul Arimond hörend, landet im Jahr 2003 als Bundeswehrsanitäter in Afghanistan.

Er lebt in einer unwirtliche Gegend, zu der sich Ende des 18. Jahrhunderts bereits Arimonds Urahne Ambrosius von der Eifel aus aufgemacht hat. Dieser Ambrosius glaubte, „alle Vögel un­serer Erde besäßen eine gemeinsame Sprache. Sein Leben lang beschäftigte er sich mit der Entschlüsselung ihrer Gesänge, einer Welt magisch klingender Töne, Zeichen und Bedeutungen. Jede Vogelart und ihr individueller Gesang waren für Ambrosius Buchstaben eines krypti­schen Alphabets.“

9783406677458_largeVögel also. Sie sind auch Leidenschaft des Sanitäters, der sich mit ornithologischen Beobachtungen und Aquarellstudien so lange ablenkt vom Grauen und Camp-Alltag, bis er scheinbar verschwindet hinter seiner Obzession. „Die Sprache der Vögel“ verbindet die ausnahmsweise zahme Natur mit kriegerischer Zivilisation. Den Dingo-Geländewagen, den Luchs-Späh- und den Fuchs-Transportpanzern gegenübergestellt sind hier Wildbienen und Schildkröten, Schmetterlinge, Geckos und, wie könnte es bei dem Titel auch anders sein: Vögel, sehr, sehr viele Vögel.

Es sind Moabsperlingen, Rötelschwalben, Mauersegler, Bülbüls, Ziegenmelker, Rothalstaucher, Kiebitze, Wüstenfalken, Himalaja-Königshühner, Graubrustmei­sen, Paradiesfliegenschnäpper, Halsbandsittiche, indische Wasserfasa­ne, Nektarvögel, Jungfernkraniche, Kolkraben, Fluss-Seeschwalben und etliche mehr. 137 Vogelarten will der Held während seiner Afghanistanmission gesichtet haben, was selbst im artenreichen Afghanistan eine Sensation wäre. Tatsächlich sind diese Vögel eben dort weder heimisch noch auf ihrem Vogelzug vor Ort zu beobachten. Das verrät Scheuer im Anhang.

Seine Idee, den martialischen Flugeräten, den Drohnen, Kampfhubschraubern und Raketen diese friedliche Vogelwelt entgegenzustellen, zeugt von hoher poetischer Kraft, auch deshalb, weil Scheuer immer wieder das Hinabsinken in den Tod mit dem promethischen Willen zum (Höhen-)Flug zusammensieht: ob beim raffiniert angelegten Selbstmord des Vaters oder auch bei der Beschreibung einer früheren Vogelbeobachtung als Kind. Der Krieg ist präsent in diesem Buch – aber bedeutsamer ist, was der Held dem entgegenzustellen weiß: seine Vogelzeichnungen und Tagebuchnotizen, die Lektüre von Goethes „Dichtung und Wahrheit“, von Werken der amerikanischen Transzendentalisten Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau, außerdem Aufzeichnungen von Ambrosius, dem Urahnen, der einst durch ein gastfreundliches, auf faszinierende Weise friedliches Afghanistan gezogen ist, der erst wieder daheim beim Zug Napoleons gen Russland erlebte, welch großer Vernichtungswillen dem Menschen inne wohnt.

Müsste so viel Poesie nicht ganz bestimmt den Preis der Leipziger Buchmesse gewinnen? Kommt nicht gerade in Romanen wie diesen die humanistische Leistung von guter Literatur zum Vorschein? Oder muss man ehrlich sein und diesen Text als genau das bezeichnen, was er unter Schlußstrich doch nur ist: nämlich ein schön geschriebenes Scheitern am großen Entwurf, ein typisch zu nennendes Versagen, einem der prägendsten Momente der Gegenwart, nämlich dieser fatalen Stationierung deutscher Soldaten in Aufghanistan, jene Narration zu schenken, die nachwievor in der deutschen Literatur fehlt? Ist es überhaupt vorhanden – ein Bewusstsein für das, was fehlt?

(Norbert Scheuer: „Die Sprache der Vögel“, C.H. Beck, 238 Seiten mit 24 Abbildungen, 19,95 Euro)

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