Verriss: Zeiden im Januar, nutzlos vertan

An diesem Donnerstag wird der „Preis der Leipziger Buchmesse“ verliehen. In der Kategorie Belletristik sind vier Romane und ein Gedichtband vertreten. LesenMitLinks stellte bereits in einer Einzelrezension Michael Wildenhains „Das Lächeln der Alligatoren“ (hier) und im Überblick die Bücher von Jan Wagner, Teresa Präauer und Norbert Scheuer (hier) vor. Heute folgt das Debüt von Ursula Ackrill, 1974 in Siebenbürgern geboren, inzwischen als (promovierte) Bibliothekarin angestellt in Nottingham und eben dort auch verheiratet mit einem Briten, den sie zum Schluß des Buchs auf Seite 253 mit den Worten grüßt: „Dank an Rob Akrill für seine Unterstützung und das Vertrauen auf das Gelingen meiner Prosa, die ich in einer ihm unbekannten Sprache schreibe.“ – Nur: Ist dieses Vertrauen gerechtfertigt? Fangen wir von vorne an…

Was für ein gewaltiger Einstieg: Ursula Ackrill erzählt auf den ersten Seiten ihres Debütromans „Zeiden, im Januar“ von eine Bauerstochter, die sich zwischen zwei Freiern entscheiden muss. „Einer war reicher, der andere ärmer, aber sie gefielen ihr beide gut. Der Ärmere vielleicht ein bisschen besser. Nein, der Ärmere entschieden besser. Ihre Eltern wollten davon freilich nichts wissen. Sie empfingen den Freimann des reichen Hofführers, einigten sich mit Handschlag und Brautvertrinken und stellten ihre Tochter vor vollendete Tatsachen. Ihre Ehe fiel ruhig aus und schien haltbar zu sein.“ Doch dann geschieht ein Unglück. Während der Gatte eines Abends ausgegangen ist verschluckt sich die Bäuerin an einer Speckschwarte und erstickt. Die junge Frau wird unter großer Anteilnahme bestattet.

Zwei des Weges ziehende Studenten bekommen mit, dass der Gatte seiner Braut aus Anstand nicht die Goldzähne gezogen, dass an ihrem Leichnam also etwas zu verdienen ist. „Im Mondlicht fanden sie ihr Grab im Leichengarten, buddelten sich zum Sarg durch und hoben sie heraus. Einer stieß ihr ein Knie in den Rücken, damit der Kopf zurückfallen konnte, der andere sollte ihren Kiefer aufstemmen. Auf einmal fährt die Leiche zusammen, hustet kräftig und spuckt etwas Widerwärtiges aus ihrem Rachen.“ Sie lebt, wurde lebendig begraben – und taumelt nun komplett verwirrt zu ihrem reichen Gatten.

Der aber schickt sie weg. Selbst die eigene Mutter wird die längst bestattete Frau nicht hereinlassen, sondern sie bitten, zu den Engeln zurückkehren. Es kommt, wie es Fabeln verlangen: Die auferstande Frau schleppt sich mit letzten Kräften zum Haus des armen Freiers, der ihr Suppe aufwärmt und eine Decke um sie wickelt. „Das Haus tat dann das Seine. Es gab ihnen Zuflucht, Schutz, Gewissheit gegen die Schrecken der Nacht. Es sollte ihr Zuhause bleiben, bis ans Ende ihres Lebens.“

Schnitt. – Die Erzählerin Leontine hebt einen Finger hoch. „Wir halten.“ Schon ist man mittendrin in einem Eisenbahnwaggon, der junge Rekruten im Jahr 1941 von Siebenbürgen nach Wien transportiert, wo sie für eine SS-Division ausgebildet werden sollen. Es ist die Schilderung einer Flucht in den Schoß des Deutschen Reiches, obwohl bereits zwei Jahre zuvor bei einem Kaffeekränzchen im real existierenden Zeiden (rumänisch: Codlea) dieser Satz gefallen ist. „‚Heim ins Reich‘ heißt nicht Zuflucht nehmen am Busen der Heimat, sollte es mal brenzlig außerhalb des Reichs werden. Es heißt, das Reich kommt vielleicht zu euch, bleibt nur schön sitzen.“

Dass alles anders kam und schon wenig später die Vertriebenen nicht wohl gelitten waren in den beiden zerstörten Deutschlands, in der BRD und in der DDR, das zeigt die Geschichte, deren fatal sich entwickelnden Anfänge Ursula Ackrill hier entfaltet. Zum Glück führt ihr Debüt ein Personenverzeichnis, das am Ende die Stationen der Hauptpersonen nachzeichnet. Anders wäre dieses vor- und zurückspringende, dieses mal tagebuchartig, mal protokollarisch, dann wieder dialogisch komponierte Buch kaum zu verstehen. Ebenso wie Michael Wildenhain allzu voraussetzungsreich von Studentenunruhen, der RAF und dem Heißen Herbst erzählt, entwirft die Siebenbürgin Ackrill ihr Panorama im esoterischen Duktus der Mitwisserschaft.

Was ihr vorschwebt, nämlich ein multikulturelles Kaleidoskop Zeidens vom 19. bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts, wird deutlich bei einer faszinierenden Beschreibung von Bukarester Konditoreiwaren: „In Zeiden waren Cremeschnitten die Höhe der erdenklichen Raffinesse, ein Überrest des ungarischen Einflusses, der nach 1867 die Wiener Torten und Strudel vom Tisch gefegt hatte, Kuchen war in den Landküchen zweierlei: mit Obst oder Topfen, immer rechteckig. Als der kleine Ioan erstmals in ein Choux à la crème biss, glaubte er, nie frischere Luft eingeatmet zu haben, als den Alpensauerstoff, der direkt aus der Sahne strömte.“

Der Roman hat die Anlage, ähnliche Begeisterung im Leser auszulösen. Ursula Ackrill beschreibt das Nebeneinander jüdischer, rumänischer, sächsischer Kulturen. Sie zeichnet nach, wie das Deutsche einst in Siebenbürgen prosperierte mit seinen „Kathedralen, Schulen, Banke, Fabriken.“ Sie erzählt, wie alle Deutschen im Ort, abgesehen von der standhaften Patrizierin Leonie, plötzlich die Hoffnung entwickeln, allein regieren zu dürften – wie sie anfangs noch zweifeln, ob es sinnvoll sei, Juden zu schikanieren. Wenig später werden die Apotheker vor Ort über die Bestellung von Euthanasie-Medikamenten beratschlagen. Sie erzählt vom Hochmut der Jugend, die sich nicht mehr bitten lässt, sondern schon in den 20ern anfängt zu fordern: einen Tanzplatz, einen Eislaufplatz, ein Radio fürs neu geschaffene Jugendheim. „Als Hallenturnen Anfang der 30er Jahre passé war, verlangten die Halbwüchsigen einen Sportplatz für Leichtathletik, Fußball und Tennis.“

Es ist interessant, Argumentationen wie diesen nachzuspüren: „Wir aber sind nicht in Deutschland. Wären wir in Deutschland, könnten wir in Sachen Antisemitismus ohne Vorlage alles mitmachen, wir wären eins mit der breiten Masse, Arier gegen Nicht-Arier. Hier in Siebenbürgen ist es nicht so einfach: Sind Rumänen Arier? Sind Ungarn Arier? Die haben nämlich versucht, uns fertigzumachen, und aus der Geschichte und der Landschaft auszuradieren. Nicht die Juden und Zigeuner, die haben uns nichts getan, die hatten auch nie das Sagen über uns.“ Aber leider glaubt man nie, frische Luft einzuatmen. Es stellt sich kein Genuss ein wie beim Biss in Alpensahne. „Zeiden, im Januar“ kommt nie wieder an die erzählerische Meisterschaft der ersten vier Seiten heran, ist mehr Geschichtsreferat denn Roman, verzettelt sich stets, kapituliert am ambitionierten Formenspiel, verhebt sich nicht en detail, aber doch im großen Ganzen. Es ist bedauerlich. Nein, es ist nicht nur bedauerlich: Es ist quasi unlesbar. Aber es beweist noch im Scheitern die intellektuelle Größe Ackrills – und der Einstieg, der ist eine Hoffnung auf weitere Bücher. Die Aufnahme des Romans auf die Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse wird ein Rätsel bleiben.

Ursula Ackrill: „Zeiden, im Januar“, Wagenbach, 256 Seiten, 19,90 Euro

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