Kassettendeck

Die Kassette wird 50 Jahre alt – und Sony beendet in diesem Jahr die Produktion von Taperecordern. Im Netz kursiert seit längerer Zeit ein Foto mit Kassette und Bleistift, darunter der Satz: „The kids will never see the connection between these two objects“.

Nun startet die Sendung „Süpermercado“ vom Funkhaus Europa eine kleine Kassettenreihe und fragt auch mich (wg. „Kassettendeck: Soundtrack einer Generation„: Warum war die Kassette mehr als ein Kopiermedium? – Denn mit dem Tape konnten Musikliebhaber lange vor YouTube ihre eine Sendestation mit eigenem Programm vorstellen. Die Kassette emanzipierte. Das galt vor allem hinter dem so genannten „Eisernen Vorhang“, wo Musiker fernab reglementierter Staatslabel Musik unter die Fans bringen konnte. Beim Klassenfeind wiederum, im amerikanischen HipHop, sind viele Künstler zuerst mit ihren Mixtapes bekannt geworden: Wie Notorious B.I.G. oder Mary G. Blige.

Westbam erinnert sich, dass Mitte der 80er Jahre im Club schwunghaft mit Kassetten gehandelt wurde: „DJ Lupo aus dem P1 hat immer drei, vier Kassetten am Abend verkauft. Ich weiß auch, dass über meinen Vorgänger im Metropol gesagt wurde: Ein Kassette von dem Chris aus dem Metropol kostet 200 Mark!“ – Tatsächlich soll es etliche Zuhälter vom Ku-Damm gegeben haben, die sich das leisten konnten.

Da war in der Hochphase der Kassette. 43,5 Millionen Tapes gingen allein 1980 über den westdeutschen Ladentisch. Da waren die Leerkassetten nichtmal mit eingerechnet. Die Kassette war klein, leicht, preiswert, sie war genormt. Das spielt bei jedem weltweit erfolgreichen Produkt die eine wichtige Rolle. McDonald’s liefert in jedem Land die gleiche Qualität. Die Coca Cola schmeckt überall gleich – rechnet man mal die beabsichtigten regionalen Varianten raus. Die Kassette passte in jedem Land in jedes Kassettengerät. Eine Erfolgsgeschichte, die nicht selbstverständlich ist. Denn 1965 versuchten Grundig, Blaupunkt und Telefunken mit DC-International ein alternatives, vergrößertes Kassettenformat auf den Markt zu bringen. Sie scheiterten ebenso wie Saba mit dem für den PKW-Bereich gedachten Sabamobil-System.

Anfang der 80er Jahre das Verhältnis zwischen verkauften Vinyl und verkauften Kassetten 6:4 – darunter waren auch viele Leerkassetten. Wie heute im Internetzeitalter reagierten die Majorlabel mit der Kriminalisierung von Nutzern. Die Musikindustrie startete damals ihre Kampagne: „Hometaping is Killing Music“, deren Slogan inzwischen vom Indiebereich okkupiert wurde. Dabei wurde die Kopie von Vinyl oder CD auf Kassette mit Qualitätseinbußen bezahlt – anders als heute bei der Eins-zu-Eins-Kopie einer MP3. Und schaut man sich die Gewinne der Musikindustrie in den 80ern an ist eher unwahrscheinlich, dass die Kassette ein Verlustbringer war. Viel interessanter ist da die Einführung von 8-Spur-Aufnahmegeräten, die kurz darauf Studioqualität erreichten, sodass Musikstudios weniger wichtig wurden.

2013 ist die Kassette vor allem als Designobjekt erhalten. Moleskine hat eine Sonderauflage seines legendären Notizbuchs im Programm – in Kassettenoptik. Es gibt Smartphonehüllen mit Kassettenaufdruck und Portemonaies im Kassettenlook. In der Clubszene ist das Tape wie selbstverständlich Namensgeber etlicher Indieparties. Es taucht auf den Flyern von HipHopreihen auf. Einer der Shootingstars unserer Zeit, der Rapper Cro, ist wiederum 2011/2012 mit seinem kostenlosen „Mixtape“ bekannt geworden, dessen Verbreitung über das Netz stattgefunden hat.

Das Netz besteht aus Nullen und Einsen, ist etwas sehr Kühles, sehr Rechnerisches. Deshalb muss es mit Emotionen künstlich aufgeladen werden. Die Musikindustrie hat in den 80ern zwar behauptet, dass Leerkassetten die Musik zerstören würden. Doch heutzutage ist das inzwischen tote Musikfernsehen neu auferstanden, mit dem Internet-Musiksender tape.tv aus Berlin, wo sich Nutzer „Musikvideo-Mixtapes“ zusammenstellen können. Dazu gibt es Tapes in der Kunst, wie bei Gregor Hildebrandt. Der Berliner arbeitet seit zehn Jahren mit bespielten Kassettenbändern – und stellt seine Bilder weltweit aus. Seine Werken können durchaus mal 100.000 Dollar kosten. Dafür hätte man früher eine Menge Kassettenmusik bekommen können.

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