Popschnupfen

Zwei Musikjournalisten kommen in den labelbestimmenden 1990er Jahren nicht wirklich zusammen: Obwohl sie von einander behaupten, ein Liebespaar zu sein: Ein Arezu Weitholz Debütroman „Wenn die Nacht am stillsten ist“ erzählt der Pop von seiner Vergangenheit. (Das Beitragsbild ist von dieser Seite des Grafikers Jarek Puczel)

Der Anfang erinnert an „The Descendants“ (mit George Clooney) und „Morgen in der Schlacht denk an mich“ (von Javier Marias) Da hat sich der Geliebte mit Schlaftabletten sediert, seine Freundin sitzt wachend an der Bettkante und erzählt dem schlafenden (oder langsam entschlafenden) Freund von ihren Ängste, Sehnsüchten, ihrer inneren Leere. Die Stille des Anderen, die Stille der Nacht ist Erzählanlass für eine junge Frau, die sich, wie man Ende der 90er sagte, „verliert“ in einer oberflächlichen Welt der Markenklamotten, Dido-Hits und Hamburger Partynächte, der Wallpaper-Ästhetik, des Dauerzitats. In der rückblickenden Lebensschilderung dieser Frau erinnert der Roman an eine Hochphase der deutschen Populärkultur, die zunächst Letzte westdeutscher Prägung.

Noch feiert Jörg Immendorf seine Parties im neu gestalteten „Düsseldorfer Medienhafen“ (aber die Leipziger sind längst angesagter). Die elektronische Musik wird in Köln, der Popkomm-Stadt produziert (ebenso die Spex und die beiden VIVA-Programme). Kiepenheuer & Witsch lanciert von Köln aus erfolgreich die Popliteratur. Selbst der theoretische Überbau findet bei Suhrkamp im Frankfurter Verlagshaus statt. Man hört Bands der Hamburger Schule, bislang haben Berlin, Leipzig, Chemnitz, Dresden etc. nicht die Deutungshoheit im Deutschen Pop inne. Arezu Weitholz gehörte dazu: Als Texterin von Herbert Grönemeyer (NRW) und später auch Madsen (Niedersachsen), als Journalistin etlicher (westdeutscher) Magazine. Damals: Als Songs noch Geld, Zeitungen Auflage einbrachten, als der Medienbetrieb in eine Zukunft blickte, nicht nostalgisch zurück in eine verklärte Vergangenheit, wie heutzutage die Werbung (Mad Men), die Filmindustrie (The Artist), die Musikbranche mit ihren Bob Dylan-Sammelboxen und der Wiederbelebung alter Zeitungsheroen (Zettl / Kir Royal).

Als Tänzerin auf mehreren Medienparties muss sich Arezu Weitholz ihre Zeitgenossenschaft nicht erschummeln, wie die gefühlten 10.000 Besucher der ersten Loveparade. Dennoch wirkt „Wenn die Nacht am stillsten ist“ ausgerechnet in den akribischen, nachrecherchierbaren Augenblicken windschief. Woran liegt das? – Ein Erklärungsversuch: Im Herbst 2012 haben Daft Punk ihr subversives Element verloren. Dass dem Pop Melancholie eingeschrieben ist, besingt PeterLicht seit Jahren. Die Verwendung von Archiven und Listen sind nach Moritz Baßlers „Der deutsche Pop-Roman“ kein idiosynkratisches Mitschreiben der Welt mehr. Pop ist nur im innovativen Jetztvollzug mächtig, nicht mehr, nachdem die Wissenschaft ausgerückt ist, um zu beobachten. – Was nimmt man also mit von diesem Buch? Der Roman spielt in den 90er Jahren, in einer Zeit, die Nacht und Schlaf als kollektive Bezugspunkte etablierte. Die Nacht, das war einerseits die Feier in Disco, Club, Lounge. Technoraves erstreckten sich wie selbstverständlich über 48 oder 72 Stunden, man war drei Tage wach. Aber wer jemals im Winter um neun Uhr am Sonntagmorgen auf einer Goaparty gestanden hat, der weiß, dass man nie drei Tage, sondern eher eine lange Nacht hindurch wach gewesen ist, denn im Club bleibt es Tageszeiten unabhängig: Nacht, Nacht, Nacht.

Die Nacht wurde in den 90ern, in den Anfängen des neuen Jahrtausends, außerdem als das Verborgene, Verdrängte inszeniert (beispielsweise in der Verfilmung von Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ durch Stanley Kubrick, 1999). Die Nacht war surreal, das Andere der Gesellschaft (wie in Marc Fischers „Eine Art Idol“ 2001, in der ein Popjournalist und Hagakurefan nach einem Japanaufenthalt in der Zeitverschiebung weiterlebt, Hamburg nur noch nachts durchstreift). Die Nacht war ein Konglomerat aus der Discoeuphorie der 70er und 80er und den raunenden Visionen von Expressionismus, Futurismus, Surrealismus in den 10er und 20er Jahren des selben Jahrhunderts. Im Schlaf wurde endlich wieder eine alternative Realität konstruiert. Die Beispiele reichen von der Liebeskomödie „Während du schliefst“ (mit Sandra Bullock, 1995) über Douglas Couplands „Girlfriend in a Coma“ (1997) bis zum Cyberschlafthriller „Matrix“ (1999). Diese verschiedenen Bezugspunkte verbindet Arezu Weitholz in einer beiläufig poetischen Geschichte, der jede Art von Prophezeiung abhanden gekommen ist, in der man keine Utopien (vergleichbar der „Raving Society“), keine Dystopien (wie in „Fightclub“), keine alternativen Geschichtsschreibungen (wie in „Faserland“) nachweisen kann.

„Wenn die Nacht am stillsten ist“ kommt daher als Pop ohne seine immanenten Voraussetzungen. – Pop ohne Jetzt. Pop ohne Hysterie. Pop ohne Vorschau (auf die „Nuller Jahre“), ohne Trendreporting (the next big thing), ohne Major-Label (wie Suhrkamp, KiWI), ohne Scheinwerfer (statt ausverkaufter Stuckrad-Barre-Hallen gibt es Buchtipps von der Autorin im NDR-Lokalfernsehen). Diese Abwesenheit von Dingen lässt die Anwesenheit des ästhetischen Produkts zu. Immer wieder hört man von der Kulturflut, die man eigentlich stoppen müsse, um in der Rückschau den Überblick (neu) zu gewinnen. Aber so geht das nicht. Wir brauchen das Neue, unbedingt. Denn wenn die Nacht am Stillsten ist, wird zwischen Ruhe und Tod schwer zu unterscheiden sein. Wenige zeigten das bislang so eindringlich wie Arezu Weitholz in ihrem seltsam schönen Debütroman.

Arezu Weitholz: „Wenn die Nacht am stillsten ist“, Kunstmann, 228 Seiten, 17,95 Euro

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