Die Bücher des Jahres 2012

Wenn ein Debüt in mehr als 30 Sprachen übersetzt wird, lässt jeder Schriftsteller die Champagnerkorken knallen. Ordentlich geknallt haben dürfte es deshalb bei der 26-jährigen Amerikanerin Téa Obreht. Ihr Roman „Die Tigerfrau“ elektrisiert gerade die halbe Welt. Warum?

„Die Tigerfrau“ ist magische Literatur, weil auf 410 Seiten eine phantastische Geschichte über den Balkan, über das ehemalige Jugoslawien erzählt wird – und zwar über eine Zeitspanne von 80 Jahren. Das ist ein komplettes Leben, das Leben eines Chirurgen, der im 2. Weltkrieg groß wird, und als alter Mann den Bürgerkrieg in Jugoslawien überlebt. Der also in einer Zeit lebt, in der der Balkan ein Pulverfass ist. Und: Der Ort merkwürdiger Begegnungen. So trifft der Held dieses Buchs sehr früh einen echten Vampir. Und ab da ist sein Leben vollkommen aus der Spur geraten. Was Autorin Téa Obreht so grandios erzählt, dass „Die Tigerfrau“ schnell Kurs Richtung Weltbestseller aufnimmt. Der Chirurg öffnet sich nach dieser Begegnung den irrealen Phänomenen, den Märchen, Fabeln, Mythen. Das ist Thema des kompletten Romans: was bedeuten Geschichten und Märchen für uns, für unser Leben? Dieser Roman ist eine Märchensammlung. Mit Vampiren, mit Tierkarawanen, die nachts durch Städte streifen. Mit einer Taubstummen, die sich in einen Tiger verliebt. „Die Tigerfrau“ der 26-jährigen Téa Obreht hat Exotik (Balkan), Magie und wirkt wie am Lagerfeuer erzählt. (Téa Obreht: „Die Tigerfrau“, übersetzt von Bettina Abarbanell, Rowohlt, 410 Seiten, 19,95 Euro)

Eine Übersetzerin gab auf, zwei neue mussten übernehmen; das neue Buch von Mark Z. Danielewski ist eine Reizüberflutung mit zirka zwanzig neuen Wörter pro Seite. Es geht um zwei 16-Jährige, die niemals altern und „Forever Young“ von 1863 bis 2063 durch die USA reisen. Sie besuchen Grunge-Konzerte, tanzen zum Swing, haben unfassbar viel Sex und rotieren glutäugig durch ihr junges Leben. Wegen dieses „Rotierens“ heisst das Buch auch „Only Revolutions“. Denn nicht nur die Helden rotieren, sind in Revolution, im ständigen Umlauf. Auch das Buch rotiert wie eine Schallplatte. Die Geschichten der beiden Reisenden fangen sowohl von vorn als auch von hinten an. Die Hälfte des Textes steht also immer auf dem Kopf. Auf jeder Dopelseite gibt es exakt 360 Wörter (das ist die Kreiszahl), jedes „o“ ist farbig markiert und an den Randspalten gibt es Notizen zu den jeweiligen Jahren. Daher verwundert es nicht, dass einem bei diesem Mammutwerk manchmal schwindelig wird – „Only Revolutions“ lesen ist, als setzte man sich eine Disconacht lang auf einen übergroßen Plattenteller. Der Trip ist groß. Schwindelig wird einem aber auch. (Mark Z. Danielewski: „Only Revolutions“, übersetzt von Gerhard Falkner und Nora Matocza, Tropen, 365 Seiten, 24,95 Euro)

Mohammed Hanif aus Pakistan war früher Bomberpilot. Das Zerstörerische ist also teil seines Lebens und deshalb verwundert der Plot seines Romans kaum. Denn er geht schonungslos mit der christlichen Krankenschwester Alice um, die in einem Krankenhaus so lange durch die Mangel ihrer muslimischen Mitarbeiter genommen wird, bis sie als Märtyrerin zum Himmel aufsteigt: Die junge Frau ist hartgesotten. Sie war gerade noch in einer Besserungsanstalt inhaftiert. Sie trägt stets eine Rasierklinge in ihrer Kitteltasche, um zudringlichen Verwandten beim erzwungenen Oralverkehr Einhalt zu gebieten. Sie hat eine große Klappe und gotteslästerliche Gedanken. „Den Hintern in die Höhe zu recken, hat sie noch nie für einen geeigneten Beweis der Frömmigkeit gehalten.“ Mit Einstellungen wie diesen kommt eine Christin in Pakistan eigentlich nicht weit. Streckenweise ahnt man, dass Alice nicht über ihr Leben mit dem „Gentleman-Cop“ und Proll-Bodybuilder Teddy hinauskommt. Bis sie eines Tages ein Marienwunder geschieht und die kleine Krankenschwester von Mutter Maria im Himmel zu sich gerufen wird. „Alice Bhattis Himmlefahrt“ ist eine fernöstliche Mischung aus Bollywood-Komik, „Grey’s Anatomy“ und Polizeiaction. (Mohammed Hanif: „Alice Bhattis Himmelfahrt“, übersetzt von Ursula Gräfe, A1 Verlag, 272 Seiten, 19,90 Euro)

Die Zombies sind unter uns: glaubt man den Ausführungen von Markus Metz und Georg Seeßlen über „Posthumane, Zombies, Botox-Monster und andere Über- und Unterlebensformen in Life Science & Pulp Fiction“. In teilweise sehr ambitionierter Wissenschaftssprache schreiben die Autoren über Wachkoma-Patienten, Botox-Promis, Leistungssportler mit Beinprothesen, die menschliche Beine funktional in den Schatten stellen. Wird Superman Realität? Werden die Menschen schon bald von höher entwickelter, künstlicher Intelligenz überflügelt? Stammzellen-Forschung, Roboter, die wie Menschen aussehen, Computerprogramme, die bereits „Android“ heissen, Mutanten, Super-Alte, die von Maschinen am Leben erhalten werden – das sind längst keine Themen randständiger Science-Fiction-Romane. Unser Gedächtnis wandert ins Internet ab – diese Vision hatte die Raelianer-Sekte, ein Upload der Gehirndaten, sodass man unsterblich wird. Unsere Moderne ist freaky. Wie gehen wir mit ihr um? Faszinierendes Buch. (Markus Metz, Georg Seeßlen: „Wir Untote“, Matthes & Seitz, 322 Seiten, 26,90 Euro)

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