Was gibt’s zum ersten Date?

Ob vegan oder in Worten: Foodstylist Stevan Paul kann mit Essen umgehen. in seinem hungrigen Erzählband „Schlaraffenland“ spritzt das Fett und schwitzt der Koch.

Was stellt man eigentlich vorm ersten Date auf den Herd? „Auf keinen Fall etwas, das du noch nie gekocht hast“, sagt Stevan Paul im Interview, „schließlich brauchst du deine Souveränität fürs Liebeswerben. Schnelle Gerichte sind optimal, damit der besondere Gast nicht lange warten muss. Innereien und seltene Quallen sind auch unangebracht. Frage vorab nach kulinarischen Abneigungen und Unverträglichkeiten. Das positioniert dich direkt als umsichtigen und fürsorglichen Menschen. Und koche ein leichtes Menü! Dem Sprichwort ‚voller Bauch studiert nicht gern‘ folgt auch die Libido.“

Stevan Paul, sorgt also nicht nur dafür, dass das Essen, sondern auch, dass der Koch gut ausschaut. Das ist verständlich. Schließlich hat der Hamburger vor längerer Zeit genau diesen Beruf gelernt, bevor er anfing, kulinarische Texte zu schreiben, Kochbücher (unter anderem für Tim Mälzer) vorzubereiten, Koch-Apps auf den Mark zu bringen und Gerichte so zu stylen, dass man gleich ins Bild beissen mag. Deshalb sollte auch keiner verzweifeln, wenn das eigens Zubereitete nicht wie bei Jamie Oliver aussieht.

Rühren, schmücken, schnibbeln, schreiben, das ist Stevan Pauls Profession. Vor drei Jahren hat er seinen ersten Kurzgeschichtenband veröffentlicht („Monsieur, der Hummer und ich„). Jetzt folgt „Schlaraffenland“, mit neuen Indiskretionen aus der Küche, und ausgewählten Rezepten leichter (Milchreis) als auch schwieriger Art (geschmorte Ochsenbacken mit Safranrisotto). Dazu ist diese Buch, gestaltet im leicht überbreiten Format, als Hardcover im Feinleinen hergestellt, auch ein optischer Leckerbissen. Buntes Vorsatzpapier, 3-farbig im Innenteil, auf „Alster Werkdruck“-Papier. Das volle Programm.

cover_36_190Nun nerven kulinarische Kriminalromane in ihrer ausgestellten Betulichkeit ungefähr genauso wie Weintrinker, die permanent über „eine Note von Waldbeere“ referieren. Viele Kochbücher scheinen in ihrer Lieblosigkeit direkt für den Ramschtisch produziert. Wer sein Essen auf Facebook postet, macht sich verdächtig. Das Interessanteste an einigen Günter Grass-Texten ist das mitgelieferte Rezepts. Kochen und Verlage: Es ist kein schönes Kapitel. Ganz anders bei Stevan Paul.

Er berichtet sehr klar und liebevoll von: Trüffeljunkies, Wodkabesäufnissen, und von einem Foodblogger, der im Internet ein Veganerdasein vorspiegelt, tatsächlich aber zum Billigfleisch im Supermarkt greift. Ein Restaurantkritiker überfrisst sich. Außerdem wird ein Spitzenkoch bei seiner Bewerbung gefoltert – zumindest ist die Art und Weise, wie er von seinem neuen schwäbischen Chef während des kostenlosen Probearbeitens vorgeführt, ungewöhnlich brutal.

Was die Gäste schockiert, ist in diesem Job Alltag. „Probearbeiten gehört oft dazu“, sagt Stevan Paul, „dabei werden nicht nur handwerkliche Fähigkeiten, sondern auch die Persönlichkeit des Bewerbers und seine Belastbarkeit getestet. Kochen in der Restaurantküche ist eine Gemeinschaftsleistung die nicht allzu viel Ego zulässt. Das ist Teamwork, da muss die Chemie in der Küchenmannschaft stimmen. In einigen Restaurants entscheidet sogar das gesamte Küchenteam bei Neueinstellungen mit. Auch ich habe in meiner aktiven Zeit immer wieder vorgekocht.“ Nach diesem oft sehr anrührend geschriebenen Band hat man sogar Verständnis für die Aufopferungsbereitschaft geknechteter Kantinenköchinnen.

Stevan Paul erzählt abwechslungsreich und niemals banal über einen Arbeitsbereich, der wie kaum ein anderer mythisch belegt ist. Mit den Scheinwerferstars aus dem Fernsehen hat das Kochen aber selten etwas zu tun. Es geht nicht immer so sinnlich zu wie in Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, wo die Erinnerung an saftige Madelaines und Lindenblütentee den Helden fabulieren lässt. Auch stellt sich eher selten die heimelige Geselligkeit aus Werner Köhlers Restaurantroman „Cookys“ ein. Die Schickeria von Helmut Dietls „Rossini“ ist den Figuren aus Stevan Pauls Geschichten eher fremd.

Also bleibt man verwundert zurück, weil wenige Autoren hierzulande das poetische Küchenpotential ausreizen (man denkt nur an „Franzbrötchen mit Taube“ aus Thomas Manns „Buddenbrooks“). „Was die literarische Beschäftigung mit Kochen, Essen und Genuss betrifft, ist die deutschsprachige Literatur tatsächlich noch nicht ganz auf der Höhe des Kochbooms in Deutschland“, sagt Stevan Paul, „dabei ist dieses Thema prächtig geeignet, allerlei zwischenmenschliche Wirrungen aufzuzeigen – nicht vieles ist so persönlich und privat und erzählt so viel über einen Menschen, wie seine Art sich zu ernähren, seine Genussfähigkeit.“ Also, ran an die Töpfe. Stevan Paul hat schonmal den Fond angesetzt.

Stevan Paul: „Schlaraffenland“, Mairisch, 194 Seiten, 18,90 Euro

Fotocredit: Stefan Malzkorn

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