Zeig’ Dein Begehren an der Uni nicht!

„Dem Begehren des Schreibens, sich anders in der Welt zu verorten, ist dieses Buch gewidmet. Es handelt von der Wahrheit, die entsteht, wenn ein Subjekt die Verantwortung für sein Denken, seine Erfahrungen, seine Auseinandersetzungen übernimmt, wenn es von diesen neugeschrieben oder überschrieben wird.“ Der akzelerationistische Philosoph Armen Avanessian (hier gibt es mehr zum Thema) veröffentlicht gerade seinen neuen Merve-Band „Überschrift – Ethik des Wissens, Poetik der Existenz“, in dem er sich mit der zeitgenössischen Geisteswissenschaft und ihren deprimierten Protagonisten auseinandersetzt, mit wissenschaftlicher Moral und dem kategorischen Imperativ wissenschaftlichen Arbeitens, „Du sollst nicht anders schreiben, als du in den Bücher liest, die du bewunderst!“ Es geht um die Frage, was die Humbold’sche Umstellung von der Disputatio zur schriftlich fixierten Dissertation an Bürokratisierung mit sich gebracht hat, um das Verhältnis zwischen Vorlesungsverzeichnissen und der dadurch möglichen staatlichen Überwachung von Lehrinhalten. Teil 1/2 des morgen fortzuführenden Interviews:

Armen, Du schreibst direkt am Anfang von „Überschrift“, dass Du eine neue Gegenwart erfinden willst. Was bedeutet das? Es geht nicht um ein Erfinden. sondern eher um die konkrete Analyse des Status Quo. Dazu bedarf es eines Blicks in die Vergangenheit, genauer: einer Genealogie, die mit Foucault und Nietzsche gedacht, immer auch etwas von Science Fiction, immer auch etwas Karnevaleskes hat. Und es bedarf einer Imagination einer anderen Zukunft, aus der man ebenfalls anders auf die Gegenwart blickt. Es geht also nicht um das Erfinden, sondern eher darum, etwas herzustellen, eine andere Produktion zu erfinden, also statt zu kritisieren eine Alternative vorzuleben.

Wie bist Du vorgegangen? Um etwas über die Gegenwart des akademischen Systems zu sagen braucht es mich nicht, oder hätte es dieses Buchs nicht gebraucht. Da würde es genügen, mit einem Mikro durch irgendein geisteswissenschaftliches Institut in Deutschland zu gehen. Mein Ausgangspunkt ist eher: warum beschweren sich nur alle, reden privat oder in der Mensa darüber, aber kaum jemand schreibt über die Misere bzw. versucht sie systematisch zu verstehen.

Möglicherweise aus Angst? Es gibt viel zu wenig philosophisches oder politiktheoretisches Nachdenken über die Ausbeutungsverhältnisse, über die Prekarisierung in den Arbeitsverhältnissen, über die Niedergeschlagenheit, die fehlende Resonanz. Mein Ausgangspunkt ist also gewesen: was für ein Politikverständnis und welche denkerische Haltung steckt dahinter, dass soviele Linke politisch schwadronieren, aber ihr eigene Arbeitssituation nicht systematisch durchdenken wollen? Diesen Karrierismus finde ich elend, und einen Verrat.

Der Fokus liegt in diesem Buch also auf der ethischen Dimension poetischer Wissensproduktion, nicht auf dem Nachweis, dass eine entsprechende poetische Produktion auch zu objektiv ertragreicheren Ergebnissen führt (…) und nicht auf der Suche nach allgemeingültigen universitätspolitischen Vorschlägen (obwohl: wie gerne würde ich so einige mir bekannte ›innovative‹ geisteswissenschaftliche Besitzstandswahrer einmal auf einen längeren Ausflug in auf Zukunft gerichtete In-Humanities schicken).Überschrift“, Seite 25.

Worauf genau spielt der Titel „Überschrift“ an? Direkt an das Schreiben und Überschreiben. Aber es ist nicht nur ein Buch über das Schreiben, sondern auch über die Transformation des Gelesenen und eines selber, wenn man – sorry für das Pathos – wahre Wissenschaft betreibt. Was da mit einem passiert. Genau deswegen haben doch die meisten mal zu studieren begonnen, oder? Ich selber und das Gelesene müssen überschrieben werden.

Es geht also darum, anders mit Wissen umzugehen? Dieses Überschreiben ist für mich eine ethische Dimension des Wissens. Deswegen gibt es auch diesen Untertitel „Ethik des Wissens – Poetik der Existenz“.  Das Buch ist auch eine Poetik der Existenz mit dem Blick auf ein anderes Schreiben und Leben. Denn was bedeutet es im Gegensatz dazu, jahrelang an Qualifikationsschriften zu sitzen, also an Masterarbeiten, Dissertationen, Habilitationen und dazwischen Sammelbandbeiträge rauspressen? Das führt allzuoft in eine ethische Sackgasse und ins intellektuelle Scheitern. Dementsprechend desillusioniert und zermürbt sind die meisten meiner Kollegen.

In welcher Weise lässt, mit Lacan gesprochen, der Diskurs an der Universität dem Hass freien Lauf? An der Uni darfst du dein Begehren nicht zeigen. Du darfst nichts Wildes machen, keinen Spass haben. Du sollst nicht in deinem eigenen Namen sprechen, sondern immer brav ‚man wird sehen‘ oder ‚es gilt nun zu zeigen‘ oder ‚wir werden noch sehen‘ schreiben. Warum ist das so? Ich denke es ist die herrschende Ideologie, dass es in der Universität um ein objektives Wissen geht. Da kann ein ausgeprägtes „Ich“ nur im Weg stehen, also einem Ich, dem es um seine Wahrheit geht; also um mehr als das Verdauen und Hervorbringen von noch mehr Sekundärliteratur).

Besonders im Kontext zeitgenössischer Kunstkritik ist die Frage nach der Verstricktheit jedes kritischen Diskurses in einen Konsens mit der Macht virulent und beliebter Anlass für das Ringen um Distinktionsmerkmale (meine Kritik ist die kritischste, deine ist eigentlich ganz unkritisch). “Überschrift“, Seite 5.

Aber zählt an den Unis nicht nach Habermas der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“? Angeblich soll es eine herrschaftsfreien Diskurs geben, den man darum auch nicht thematisieren braucht. Deswegen ist es heute zumindest in den progressiveren Instituten – von den konservativen möcht ich erst gar nicht reden – auch kein Problem, sich mit verschiedenen Machtmechanismen zu beschäftigen. Die Bedingung ist nur: sie müssen draußen, ganz weit draussen sein. Hauptsache die für die eigene Karriere verantwortlichen Vorgesetzten werden nicht konkret attackiert.

Da gerade der 25. Jahrestag zum Mauerfall war, und es in Deinem Buch auch angesprochen wird: Gibt es eine speziell westdeutsche Interpretation von universitär relevantem Wissen? Nicht unbedingt eine westdeutsche Interpretation. Aber es gibt diverse Tabus: wie mit Außenseitern umgegangen wird und jede Abweichung als Charakterdeformation oder ‚schwieriges Verhalten’ diffamiert wird, während ständig die Toleranz gepredigt wird. Oder mit welcher Angst ein kritisches Denken aufrechterhalten wird, als ob jeder kleine riskante oder spekulative Gedankenschritt in den Abgrund führen würde. Man muss sich nur anschauen, wie seit Jahrzehnten von der Frankfurter Schule aus mit dem französischen Denkern umgesprungen wurde. Dabei war die Frankfurter Schule auch mal wild und spekulativ unterwegs vor langer Zeit.

Alle reden vom Ausverkauf der Universität, von der Ökonomisierung von Forschung und Lehre? War diese Ökonomisierung tatsächlich zu Beginn bereits (bei Humboldt) angelegt? Sicher findet diese Ökonomisierung oder Kapitalisierung statt. Das ist bedenklich. Das Problem ist nur, dass die üblichen nostalgischen Reaktionen offensichtlich keinen Ausweg finden und in einem Modus tatenloser kritischer (Selbst-)Reflexion bleiben. Deswegen habe ich etwas versucht, was ich eine ‚Genealogie der wissenschaftlichen Moral‘ nenne; also die Beschreibung des Ursprungs der modernen Forschungsuniversität, ihres – durchaus erfolgreichen – Pochens auf Originalität und Kreativität, und vor allem die enorme Innovativität, die sie hervorgebracht hat.

Mit Humboldt kommt das Originelle an die Unis? Das war zuvor an der Sorbonne oder den englischen Colleges nicht das Hauptaugenmerk. Auch die Wiener Jesuiten wollten eher gute Staatsdiener ausbilden. Insofern ist die Ökonomisierung mit ihrem Pochen auf Effizienz durchaus positiv. Aber ich wollte, natürlich basierend auf historische und gegenwärtige Untersuchungen, zeigen, dass damit notwendigerweise eine Bürokratisierung verbunden ist, im Interesse der preussischen Policeyminister oder der Gründer der Berliner Universität. Sich nostalgisch auf Humboldt besinnen ist also höchstwahrscheinlich nicht viel mehr als eine Form jenes, diesmal universitätspolitischen Folklorismus, der die Linke in den letzten Jahrzehnten so machtlos und tatenlos hat werden lassen.

Ist die Kunst der bessere Ort, um all das zu verwirklichen, was uns die ideale Universität verspricht? Nein. Aber es gibt da zumindest eine viel grössere Neugierde, sich auf Unbekanntes einzulassen; wenn auch oft auf oberflächliche Weise. Das ist ja normal und auch ok, dass Künstler nicht so gründlich philosophische Texte lesen wie Akademiker. Wenn man die Gegenwart – aber auch die Vergangenheit – nicht verklärt, dann sieht man: Philosophie hat keineswegs nur an den Universitäten stattgefunden. Und die ideale Universität gibt es nicht. Ich versuche eher, die falschen und verheerenden Versprechen zu dekonstruieren, mit denen viele an die Universität kommen und dort ausharren. Zahlreiche der neuen philosophischen Denker finden zum Glück ein großes Publikum außerhalb der eigentlich dafür vorgesehenen Institutionen.

Die von Bourdieu beschriebene Polarisierung des universitären Feldes geht hervor aus einer Selbsttäuschung seiner Akteure über die eigene Position und Zukunft. Noch heute ist ja die Ideologie der Universität als möglicher Ort freier Forschung und Selbstbildung der Subjekte intakt – gebrochen ist ›nur‹ die Illusion, dass die real existierenden Institutionen dieses Versprechen auch nur annähernd einlösen. „Überschrift“, Seite 43.

Wie viel persönliche Wut, wie viel persönliche Enttäuschung steckt in Deinem Band? Ich bin selten enttäuscht, wenn dann eher melancholisch, aber auch das schon im Vorhinein. Vielleicht hat das auch etwas mit meiner Herkunft zu tun. Mich stört dieser Opferdiskurs, der meistens nur das eigene Mittun kaschiert. Außerdem bin ich gern polemisch. Am wichtigsten aber ist: ich habe hemmungslos Spass an den Dingen die ich mache. Darüber schreibe ich ja auch im Buch, mit Spinoza oder Deleuze gesprochen: es gibt dieses freudigen Affekte, wenn man produktiv ist, wenn man – wie ich das ständig tue – mit anderen unglaublich grossartigen Leuten zusammenarbeitet. In meinem Buch setze ich der allgemeinen Depression einen Fetischismus entgegen. Fetischismus, das ist bei mir eine existentielle Haltung des Wissens, eine Beziehung zur Welt oder Lebensform.

Dem „kritischen Bewusstsein“ stellst Du keinen guten Leumund aus. Weshalb? Das Problem ist, dass die Kritik seit Jahrzehnten im Denken der Linken leider hegemonial ist. Das Grundproblem ist, dass auch der Gegner, wer immer das im Einzelnen ist, der Neoliberalismus, die Unistrukturen, der Kunstmarkt etc., dass der selber auf Kritik geeicht ist, und auch mit noch mehr Kritik nicht progressiv verändert werden kann. Das heißt: noch mehr Innovation, noch mehr Frankfurter-Schule-Sekundärliteratur, noch mehr kritische Kunst, und das alles bleibt in diesem Modus der Reflexion stecken. Es kommt nicht zu einer Veränderung, auch wenn uns das die Kritik mit aller Diskursmacht ständig versichert, indem sie sich diverse Veränderungen der Vergangenheit auf die Fahnen schreibt. Gegen diesen Reflexionsmodus setze ich auf die transformative Dimension von Rekursion. Statt um Kontemplation geht es mir also um eine spekulative oder poetische Praxis. Das heißt auch, dass ich gegen die an den Universitäten gepflegte und gehegte Kommunikation in meinem Arbeiten auf alternative Settings setze; zum Beispiel mit gemeinsamem Schreiben oder mit experimentelle Arten des Zusammenarbeitens mit Künstlern.

Das Berliner Modell hat sich nicht nur in Deutschland durchgesetzt, sondern insgesamt als Exportschlager Made in Germany erwiesen (und zwar lange vor der Marktexpansion der Universitäten oder ihrem vermeintlichen späteren Sündenfall im neoliberalen 20. Jahrhundert, dem Anschluss an die Industrie). Sein Verkaufstrick ist ein einfacher und läuft über einen ökonomisch eingängigen Slogan des ›Du weißt es selbst‹. Die Aufforderung, selbst zu denken, ist ein an Perfidie kaum zu überbietender PR-Trick, der dem Subjekt nicht weniger verspricht, als unabhängig forschend seiner selbst habhaft und damit frei zu werden. „Überschrift“, Seite 66.

In Frankreichs Uniwesen sind Forschung (Produktion innovativen Wissens) und Lehre (Reproduktion des Kanons) voneinander getrennt – in Deutschland werden sie verbunden. Und zwar mit dem Hinweis, so die Originalität von Wissenschaft und Forschung zu ermöglichen. Warum ist das Deiner Meinung nach ein Trugschluss? Ich möchte das nicht so strikt getrennt verstanden wissen. Nur kam mit Humboldt und seinen Berliner Zeitgenossen ein anderes Ideal auf, ein romantisches Universitätsmodell der Verbindung von Lehre und Forschung, das sich in der Folge als Exportschlager „made in Germany“ erwiesen hat. Wir alle wissen, dass die Realität eine gänzlich andere ist. Und Auswege aus der zunehmenden Irrelevanz der Geisteswissenschaften können wir nicht im nostalgischen Blick zurück finden, sondern indem wir die gegebenen Strukturen besser verstehen und zu steuern lernen. Das ist für mich nicht nur ein diskurspolitisches, sondern eben ein genuin politisches Problem. Ich setze hier auf Akzeleration. Die Kritik hatte mehrere Jahrzehnte Zeit, wohin das geführt hat, das brauchen wir ja nicht einmal kommentieren.

(Hier geht es zu Teil 2/2 des Interviews mit Armen Avanessian.)

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