Rezension: Das große Absaufen

Benjamin Lebert („Crazy“) schreibt in seinem Schauerroman „Mitternachtsweg“ über Ertrunkene, eine mysteriöse Liebhaberin und den Friedhof der Heimatlosen auf Sylt. Er scheitert.

In einer düsteren Nacht des Jahres 1634 ging die sagenhaft reiche Hafenstadt Runghold in der Großen Mandränke, im großen Ertrinken, vor Sylt unter. Der Legende nach soll Gott die Bewohner Rungholds bestraft haben. Diese hatten ihren Pfarrer gezwungen, einem betrunkenen Schwein die Sterbesakramente zu gewähren, was in der Tat frevelhaft ist. Auf Sylt erzählt man sich seitdem, dass bei ruhigem Wetter die Glocken Rungholds zu hören seien und dass die Insel unversehrt alle sieben Jahre in der Johannisnacht am 24. Juni aus dem Meer auftaucht. Ähnlich gespenstisch ist eine der anderen Sylter Mythen, die behautet, im Meer ertrunkene Menschen würden immer wieder an Land zurückkehren und sich den Lebenden zeigen. Es sind Geschichten, wie sie nur tosende Nordseewellen in einsamen Nächten anspülen können.

In Benjamin Leberts „Mitternachtsweg“ spielt dieser zweite (Wiedergänger-)Mythos eine zentrale Rolle, als im Spätsommer 2005 ein Unbekannter an den Strand gespült wird und auf dem 1855 eingerichteten „Friedhof der Heimatlosen“ in Westerland beigesetzt wird. Johannes Kielland, ein Geschichtsstudent aus Hamburg, der als freier Mitarbeiter für die Lübecker Nachrichten arbeitet recherchiert dem Schicksal des Ertrunkenen hinterher und reist nach Sylt. Von dort berichtet er Redakteur Peter Maydell von seltsamen Ereignissen, die ihn binnen weniger Tage auf der Insel heimsuchen.

„Lieber Herr Maydell“, schreibt er, „dieses wird meine letzte Sendung an sie sein. Ich will Ihnen die Geschichte erzählen, die das Unheil heraufbeschworen hat, dem ich – wie es jetzt aussieht – wohl nicht mehr entkommen kann. Aber ganz egal, was mit mir geschieht, welches Ende mir persönlich in dieser Geschichte zufällt, letztlich scheint mir nur eines von Bedeutung zu sein: dass es sich hierbei um eine große Liebesgeschichte handelt.“

Denn Johannes Kielland ist einer Frau begegnet, die behauptet, sie sei die Partnerin des Ertrunkenen gewesen. Helma Marie Brandt heißt sie, ist die Tochter eines Sylter Schankwirts und zieht irgendwann den verwirrten Geschichtsstudenten in ihren Bann, in ihr Bett, in ihr widersprüchliches, geheimnisvolles Leben. „Ich mache mir nichts vor“, denkt der, geblendet von Helma Marie Brandts Ausstrahlung, „ich bin nie eine Schönheit gewesen, aber an diesem Vormittag sah ich besonders schlecht aus. Ich sah aus wie eine Mann, der versucht, als Zombie durchzugehen, aber nur eine Lachnummer ist.“ Doch diese Frau nimmt Johannes Kielland in all seiner Unperfektheit an. Schließlich ist er der einzige Mensch, der ihre unwahrscheinliche Liebesstory schluckt und trotz aller Merkwürdigkeiten überraschend lange die größten Absurditäten für wahrscheinlich hält.

Doch dann kommt es zum Bruch, als der Journalist weiterrecherchiert und feststellt, dass die Sylterin Helma Marie Brandt auf der Insel beinahe unbekannt ist – in den Dreissiger Jahren hat einmal eine Frau dieses Namens gelebt. Aber die ist ertrunken. Ertrunken wie immer mehr Figuren, die den Titel gebenden „Mitternachtsweg“ durchs Watt gegangen sind. Johannes Kielland erinnert sich an den griechischen Arzt Galenos von Pergamon auf den der Begriff ‚Ertrinken‘ zurückgeht. „Etwa 170 v. Chr., glaubte er, dass der Ertrinkende so viel Wasser schluckte, bis durch eine Überfüllung von Magen und Darm der Tod eintrete.“ Das aber ist ein weiterhin verbreiteter Irrtum. Das Ertrinken ist ein qualvoller Erstickungstod. Und genau dieser Erstickungstod droht auch Johannes Kielland, wenn er aus den Mythen und Märchen, den Verführungen Helma Marie Brandts und immer neuen Schauerindizien nicht die richtigen Schlüsse zieht.

Ein Schauerroman, tatsächlich, das ist dieser zäh zu begehende „Mitternachtsweg“ von Benjamin Lebert – und er kommt im gleichen Hermann-Hesse-Stil daher, wie alle anderen Romane des 1982 geborenen, einstigen Starautors. Benjamin Lebert steht dieser scheu-romantische Blick nicht, dieses Ergriffen-Entrückte, dieser Pseudo-Mystizismus. „Mitternachtsweg“, an vielen Stellen durchaus gelobt, ist tatsächlich ein Schmarren, ein missglückter Versuchsaufbau, der zusammenbricht aufgrund Benjamin Leberts erzählerischem Unvermögen und einer derart eklatanten Unfähigkeit, den ohnehin schmalen Plot plausibel zu halten, dass selbst Hausverlag KiWi abwinken und Lebert ziehen musste, zu Hoffmann & Campe, wo das Buch nun erscheint: und keinen Schaden anzurichten weiß. Werd’ erwachsen, Mann!

Benjamin Lebert: „Mitternachtsweg“, Hoffmann & Campe, 240 Seiten, 18 Euro

One thought on “Rezension: Das große Absaufen

  1. Pingback: Verriss: „Der Dieb in der Nacht“ – Lesen mit Links

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.