Rezension: Waks, Faha, Zonz und Knoi

Lichtallergikerinnen, Sexunfälle im Rollstuhl, Lidocain süchtige Zahnärzte, Vierecksbeziehungen – „Knoi“, der phänomenale Roman von David Schalko beschreibt die Liebe als Kampfbeziehung und Menschen als Phantasietiere.

Jakob verknallt sich in die Schauspielerin Marie, die eigentlich Jennifer heisst. Doch Jakob und Marie/Jennifer stürzen mit dem Motorrad die Klippen hinab. Jennifer wird querschnittsgelähmt, was Jahre später Lutz, der neue Mann von Jakobs Ex-Verlobten Rita, auszunutzen weiß, weil er beim Sex eh auf Frauen steht, die sich nicht bewegen können, während Rita und Jakob erneut anbandeln, aus alter Verbundenheit. Der gemeinsame Sohn Max versucht währenddessen, die Unordnung um ihn herum zu verstehen, indem er den komischen Erwachsenen Phantasietiernamen gibt: Waks, Faha, Zonz, Knoi. Wesen, die so heissen, können in einer Kinderwelt keinesfalls eine Bedrohung sein. Oder doch? Mit „Knoi“ beweist David Schalko mal wieder sein Gespür für tierische Partnerschaftsentwürfe. Im Skandalroman „Weiße Nacht“ bandelten die rechtspopulistischen Politiker und „Lebensmenschen“ Jörg Haider und Stefan Petzner auf eine Weise an, die jedem Roland-Kaiser-Fan noch zu kitschig wäre. Es gab über Kreuz springende Delphine und eine Fetischszene, in dem sich die beiden als Löwen verkleideten – wogegen Stefan Petzer später erfolglos in Österreich geklagt hat, denn hier sei das Innerste seines Lebens angegriffen. In David Schalkos aktueller Mini-Serie „Braunschlag“ geht die betrogene Bürgermeistersgattin auf einer Tierkuschelparty als Häsin fremd, mit einem anderen „Hos“. In Knoi tauchen jetzt die deformiert klingenden Max‘ Geschöpfe auf.

Das klingt wie ein ironischer Kommentar zu den vielen, symbolischen Tieren, die jährlich in den Texten des Literaturwettlesens um den Ingeborg-Bachmann-Preis im österreichischen Klagenfurt auftauchen. In Knoi, in Weiße Nacht, in Braunschlag stehen sie vor allem für ausbrechende Triebe. Gegen diese Triebe setzt Ritas neuer Mann Lutz, ein Lidocian süchtiger Zahnarzt, intensives Waschen und den exzsessiven Einsatz von Desinfektionsmitteln, sodass er irgendwann nach „gar nichts“ riecht. Gleichzeitig pflegt er im Bett das bizarre Spiel. in Rita dringt er nur ein, während sie schläft. Die querschnittsgelähmte Jennifer betäubt er zusätzlich mit Propofol, also genau dem Narkosemittel, das Michael Jackson 2009 den Tod gebracht hat. Zwanzigtausend Euro hat er ihr für den „Spaß“ überwiesen. Im Roman kommt es dann zum ebenfalls tödlichen wie bereits im Klappentext angekündigten Unfall. Jennifer stirbt. Lutz lässt Ihre Leiche verschwinden.

Die Reaktion von Jakobs Eltern: Sie schütteln den Kopf. „So wie sie ihr Leben lang die Köpfe geschüttelt hatten. Zuerst über die eigene Existenz, dann über die anderen, dann darüber, dass sie jemanden gefunden hatten, mit dem man über all das den Kopf schütteln konnte (…) Vom ersten bis zum letzten Tag ein schwindelerregendes und alles und jeden fortbeutelndes Kopfschütteln. Der Rest, der dem Abschütteln trotzte, wurde widerwillig und resigniert in Worte gefasst: Im Fernsehen ein Schirennen. Ostern ist heuer früh. Ein Kind ist eben ein Kind. Aber Griechenland ist weit. Letztes Jahr war der Karpfen besser.-  Und als Jakob selbst einmal den Kopf schüttelte und sagte: Sechs Euro für eine Suppe, da wusste er, dieses Kopfschütteln war auch bei ihm angekommen.“

Im Buch beginnt eine hektische Suche nach der Verschwundenen, während die absurde David-Schalko-Welt seziert daliegt. Es gibt hysterische Mütter mit eigebildeter Lichtallergie. Rita darf Sätze sagen wie „Das sieht gar nicht nach Ikea aus“. Dem Knoi (Jakob) wird bescheinigt, sein Charakter sei eigentlich ein Krankheitsbild. Dazwischen gibt es, wie in „Weiße Nacht“ allerzärtliche Liebesszenen. „Doch die Wellen im Zimmer übertönten die Wellen des Meeres dessen Rauschen durch das offene Fenster drang, sie überschlugen sich, und die beiden sprangen von einer Welle zur nächsten, ohne vom Bett zu fallen.“ Es wird die Schalko-typische Zuneigung sein, die im letzten Satz alles zum friedlichen Ende führt, denn: „Letztendlich war es egal, wen man liebte,“

David Schalko: „Knoi“, Jung und Jung, 272 Seiten, 22 Euro

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.