Rezension: Das rote Haus

„Etwas Besseres als die Freiheit“ versprechen sich die Helden und Versager in Wolfgang Frömbergs neuem Roman. Es geht um Kommunen, Punks, den 11. September und die RAF.

Das Cover dieses Romans beinhaltet bereits die halbe Story. Reichs- und Deutsche-Mark-Geldscheine bilden kunstvoll gefaltet die Umrisse des wiedervereinigten Deutschlands. Durch die Mitte geht ein Riss und gibt den Blick auf mehrere tiefer liegende Geldscheine frei. Dazu passend erzählt „Etwas Besseres als die Freiheit“, was Menschen für Geld zu tun, während sie gleichzeitig behaupten, ihr Umfeld zu erlösen. In einer sprachlichen Collage, und damit das Cover erneut aufgreifend, geht es um ein Erinnerungsbuch jener Art, wie sie seit einiger Zeit zuhauf veröffentlicht werden – um die Erinnerungen eines geschädigten Kindes. Leo Heller, Sohn Kölner 68er-Kommunarden, hat sein Leben als vernachlässigter Hippiesohn aufgeschrieben und einen Bestseller gelandet. Es ist eine Abrechnung, wie sie Walter Kohl über den Ex-Kanzler, Sophie Dannenberg über „Das bleiche Herz der Revolution“, Florian Havemann über den bekannten DDR-Regimekritiker Robert Havemann geschrieben hat. Zuletzt erschien, vielfach und mit Entsetzen diskutiert, Pola Kinskis Demaskierung ihres Vaters Klaus Kinski, der seine Tochter mehrfach missbraucht haben soll.

Solche Veröffentlichungen sind ein klarer Bruch mit dem Elternhaus und der nachträgliche Versuch, die Deutungshoheit über sein eigenes Leben zurückzubekommen. Genauso ist es bei Leo Heller im Roman. Doch seine Frau Victoria reichen die Aussagen ihres Mannes nicht. Heimlich besucht sie Leos Eltern Ursula Heller und Werner Sonnenschein, um ihre Sicht der Geschehnisse zu erfahren. Sonnenschein und Helligkeit für alle „Proletarier und Studenten, Schweine und Enten“, das wollten die selbstsüchtigen Eltern Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre realisieren. Ihr Sohn ging bei so viel Revolution unter. Aber das interessierte die Eltern nicht, die in der Nähe von Köln das Haus eines Ex-Nazis kauften. Der soll übrigens in dem Moment als ihm klar wird, an wen er seine Hütte abgegeben hat, die Eingangstür feuerrot streichen. Vorbeikommende sollen gewarnt sein. Hier leben Kommunisten!

Der Roman zeichnet einerseits die Gespräche zwischen Victoria und den Schwiegereltern auf, schlägt andererseits aber auch einen gigantischen Bogen vom Zweiten Weltkrieg über den Summer of Love 1967 zum Radikalienerlass 1972, über den „heißen Herbst“ der RAF 1977 („Das Zauberwort der RAF hieß Volksbefreiung.“) zur Anti-Hippie-Revolution des UK-Punk, bis zum Schluss zwei Passagierflugzeuge im New Yorker World Trade Center explodieren und alle Hoffnungen in Brand setzen. Nur was bringt es, die Welt anzuzünden? Dieses Motiv wird komplett durchgezogen, auch hier wieder von der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten 1933 über die Black-Power-Parole „Burn Baby, Burn“, den Kaufhaus-Brandstiftungen am 2. April 1968, an denen die späteren RAF-Terroristen Andreas Baader und Gudrun Ensslin beteiligt waren, bis zur vermuteten Brandstiftung von Ursula und Werner, die ihre eigene Kommune angesteckt haben sollen, um die Versicherung zu betrügen. „Seinen Ruf hat er nur dem historischen Zufall, dass er unser Kind ist, und seinen davon herrührenden Wunden zu verdanken“, werden die Eltern über ihren Sohn später urteilen: und damit auch den letzten Rest ihrer Existenz anstecken. „Etwas Besseres als die Freiheit“ ist ein Buch, das von innen her brennt

Wolfgang Frömberg. „Etwas Besseres als die Freiheit“, Hablizel, 200 Seiten, 16,90 Euro

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