Blut, Schweiß und Tränen

Die 17-jährige Deutschrussin Sascha steht auf Blümchensex. Sie weiß, wie man Sozialhilfe beantragt, sich vor Vergewaltigern schützt und wie es sich anfühlt, wenn Mutters Freund ihr mit dem Gürtel ins nackte Gesicht schlägt. Ein Aufstand.

Vadim hat Saschas Mutter „niedergeknallt“, in den Kopf, in den Bauch, in die Beine. „Zum Glück in dieser Reihenfolge. Ich denke, so herum hat sie deutlich weniger mitgekriegt.“ Der mordende Stiefvater sitzt im Knast. Ihren leiblichen Papa hat die junge Deutschrussin dagegen nie gesehen. Sie ist eine Waise und wohnt mit ihren kleinen Geschwistern und der unsicheren Maria aus Nowosibirsk, „Cousine zweiten Grades“, im Hochhausghetto „Scherbenpark“. Es ist ein heißer, ein drückender Sommer. Durch die Flure schallt „Marschmusik, Techno, Quietschpop, Best of altes russisches Kriegslied, die Mondscheinsonate, Jesus Christ Superstar, Bizets Carmen, verrauschte Radiosender. Und dazu Eminem.“

Sascha hat vor wenigen Tagen ihren 16-jährigen Lover Felix entjungfert. Später knutschte sie halb gegen, halb wegen ihres Willens mit Felix‘ Vater. Jetzt ist sie allein, verwirrt, verärgert, in die Enge getrieben. „Ich hasse Männer.“ Sie beschließt mit heißen Worten: „Ich will Vadim töten. Und ich will ein Buch über meine Mutter schreiben.“ Sascha will sich freiboxen, von ihrer verkorksten Vergangenheit, ihrer verkorksten Gegenwart, ihrer drohenden Zukunft. Sie will den sexuellen Missbrauch aus ihrer frühen Kindheit verdrängen und die Demütigungen auf dem Elitegymnasium, das Sascha nur wegen ihrer Hochbegabung angenommen hat. Sie will alles wegsprengen, mit ihren Sätzen, Seiten und Schreien. Sascha will ankommen, in diesem fremden Land. Sie will raus aus dem Sozialhilfeempfänger-Hochhaus mit dem sarkastischen Namen „Solitär“. Endlich dazugehören! Denn: „Hartz IV und gebrochenes Deutsch machen mich einfach nicht an. Da habe ich Orgasmus-Probleme.“

Dieses Buch ist „eine Frechheit. Diskriminierend. Politisch inkorrekt und Gewalt verherrlichend“, ereifert sich ein Leser auf Alina Bronskys „Scherbenpark“-Homepage. Es geht im Roman um Selbstjustiz. Eine Frechheit? Ein rechtsradikaler Informatikstudent wird gefoltert. Ist das diskriminierend? Russische Kinder ziehen saufend durch die Straßen. Politisch inkorrekt? Es gibt blaue Augen, blutige Beine, sexuelle Übergriffe. Ist das gewaltverherrlichend? Ja. Und nein!

Der Roman beschreibt, was offensichtlich da ist, in einer deutschen Großstadt, weit weg von Schutzpolizei, Frauenhaus und Gruppentherapie. „Scherbenpark“ zeigt: Interessant werden Aussiedler für die deutsche Gesellschaft erst, wenn es richtig knallt und eine zweifache Mutter erschossen wird. Oder wenn der höfliche Vorzeigerusse Wladimir Kaminer ein neues Humorbuch veröffentlicht. „Scherbenpark“ funktioniert anders. Es gibt keinen Ausweg, keine Integration, keine Folklore. Sascha flüchtet für ein paar Tage in eine deutsche Familie, zu Volker, einem alleinerziehenden Vater und zu seinem 16-jährigen Sohn Felix, der wenig später seine Jungfräulichkeit verlieren wird. Es folgt eine Liebesgeschichte, die ist zart, unkitschig, leise. Voller Hoffnung.

Alina Bronsky kann sanft schreiben, wenn sie will. Tatsächlich ist die Lebenshölle ihrer Heldin wegen ein paar Küssen noch lange nicht geschlossen. Die Hölle wartet. Felix wird später, dem Tode nah, ins Krankenhaus gefahren. Sein betrunkener Vater schmeißt sich Stunden danach betrunken an Sascha ran. Alles zerbricht, die Geschichte dreht erneut voll auf. Maria, die Cousine zweiten Grades, fordert ihren Liebling zurück, damit Schulbriefe übersetzt und das trostlose Hochhausleben weitergehen kann. Familie geht vor. Das ist für jede Russin Ehrensache. Sascha zieht zurück, ins Hochhaus, zur Unterschicht, wo keine Perspektiven sind. Es dauert lange, bis sie aus den vielen Schatten heraustreten kann, „in die Sonne“, bis alles Glück zurückkommt. Für immer?

Russland und russische Aussiedler sind wieder Thema. Das Bild vom bösen Kommunisten aus Vorwendezeiten, aus dem Kalten Krieg, wurde jetzt abgelöst vom ebenfalls negativen Bild der hyperkapitalistischen Proll-Iwans, die sich an Büffets vordrängeln, Fußballvereine kaufen und dicke Diamantenringe tragen. Dazu gibt es Berichte über Russlanddeutsche, die ebenso wenig schmeichelhaft sind. Ein russlanddeutscher Listenkandidat des Regierungsbezirkes Oberpfalz sagte vor der Bayern-Wahl: „Ausländer lässt man ins Land, aber die eigenen Leute müssen draußen bleiben!“ Die eigenen Leute: das ist die deutschstämmige Bevölkerung in den ehemaligen Sowjetgebieten, die alle heimkehren wollen, ins Reich. Die nach Verfolgung und Terror von tröstlichen Visionen über ihre Heimat heimgesucht werden.

Und die noch etwas übrig haben, für urdeutsche 50er-Jahre-Tugenden wie Sauberkeit, Fleiß und Disziplin. Auch davon erzählt „Scherbenpark“, von dem unbedingten Aufstiegswillen: „Diplom, ist für sie ein magisches Wort – wie Kapitalertragssteuer oder Paracetamol.“ Und Vadim ist nicht zufällig zum gewalttätigen Mörder geworden. Sascha ist froh, dass es nur ein billiger C&A-Gürtel ist, der sie trifft. In der russischen Armee, wo Vadim gedient hat, wurden die Schnallen mit Blei ausgegossen, damit es richtig schmerzt. Disziplin! Scherbenpark ist auch die Geschichte eines Kulturkampfes. Da wollen ein paar Menschen alles richtig machen, so sein, wie „anständige Deutsche“ und dabei bemerken sie nicht, dass die Welt nach ’68 und ’89 ganz anders aussieht. Scherbenpark ist der Roman zum Problem und Alina Bronsky, die ist Teil der Lösung. Ein großartiges Debüt.

(Alina Bronsky: „Scherbenpark“, KiWi, 290 Seiten, 16,95 Euro, Hörbuch bei Argon, 322 Min, fünf CDs gelesen von Katharina Schüttler)

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