Wanderhurenwandern – Zweiter Teil

Was bisher geschah:Die „Wanderhuren“-Erfinder haben den verdienstvollen Verlag Voland & Quist vor den Kadi gezerrt und sich beklagt, Autor Julius Fischer habe sich ‚in höchstem Maße respektloser und ignoranter‘ Weise über das ‚traurige Schicksal der Wanderhuren im Mittelalter‘ lustig gemacht.“ Bis jetzt habe ich auch keine gesicherte Information von DroemerKnaur erhalten ob nun der Verlag oder das Autorenpaar hinter dem peinlichen Rechtsstreit steht. Julius Fischers Buch ist nominiert für den Buchpreis „Ungewöhnlichster Buchtitel des Jahres“. Ich sitze in der Jury und moderiere die Preisverleihung am 13. März in Leipzig, wenige Stunden, nachdem das Gericht in Düsseldorf gesprochen hat (17 Uhr, Halle 5, Stand C600). Mit dem hier mühsam neu abgetippten und behutsam veränderten Text füllte ich vor fünf Jahren damals sechs Magazinseiten. Im ersten Teil (hier einzusehen) ging es um die Airbrushshirts des Autorenpaars und ihre Fans, darunter eine gewisse Anna, denn die hofft „ganz stark, dass so schnell wie möglich eine Fortsetzung kommt! ;)“.

Gerne würde das Ehepaar Lorentz diesem Wunsch entsprechen, aber die „Qualität“ müsse stimmen, sagen sie. Ansonsten gibt es keinen fünften Band. „Sollte ich oder meine Frau eine Idee bekommen, ist es möglich, dass wir weiterschreiben“, beschwichtigt Elmar und fügt verschmitzt hinzu: „Ich sage es mal mit Sean Connery: Sag niemals nie.“ Im August 2009 erscheint zunächst „Die Rose von Asturien“. Wieder so ein Schmöker um blutige Rivalitäten, finstere Schurken und eine liebende Frau.

Die gerade entstehende Geschichte trägt dagegen noch nicht einmal einen Titel. Sicher ist: die Augsburger Fuggerei wird einer der Schauplätze sein. Die älteste Sozialsiedlung der Welt wurde 1521 von Jakob Fugger gestiftet, zu seiner zeit der reichste Bankier Europas. Bis heute können katholische (!) Augsburger, die unverschuldet in Not geraten sind, in der Fuggerei einziehen – bis sich ihr Leben erholt hat. Die Jahres(kalt)miete für eine Wohnung mit derzeit 88 Cent noch immer den Nominalwert eines Rheinischen Gulden sowie täglich drei Gebete (Ave Maria, Vaterunser, Glaubensbekenntnis) für den Stifter und die Familie Fugger. In den 140 Wohnungen der 67 Häuser leben derzeit 150 Menschen. Der prominenteste Bewohner der Fuggerei war Maurermeister Franz Mozart, der Urgroßvater des Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart. Noch immer wird die Fuggerei über die Privatstiftung finanziert, aus Eintrittserlösen, Holzverkäufen aus dem „Fuggerschen Stiftung-Wald“ und kleineren Immobilienprojekten. Das Ensemble mit acht Gassen und sieben Toren ist eine „Stadt in der Stadt“ mit eigener Kirche, mit „Stadtmauern“ und „Stadttoren“, die ab 22 Uhr von einem Nachtwächter geschlossen werden: Möchte ein Bewohner nach 22 Uhr in seine Wohnung, bezahlt er 50 Cent, ab 24 Uhr einen Euro.

„Hier wohnt ein Paar, das von Jakob Fugger für ein paar Wochen hier hergeschickt wird, bevor es sich etwas eigenes besorgen kann“, verrät Elmar. „Es ist in der Zeit, als die Fuggerei noch gebaut wird, das heißt, es sind erst ein Viertel oder noch weniger der Häuser fertig.“ Sie ist zudem Schauplatz einer Verfolgungsjagd. Der junge Mann, der hier vor einem – versteht sich – „Schurken“ flieht, ist nicht zufällig in Augsburg. „er hat sich in München unbeliebt gemacht“, erklärt Iny, „als er mit Freunden zusammen einen Priester mit einer verheirateten Frau erwischte. Die Burschen haben das Paar dann nackt auf die Straße getrieben. Das gab natürlich einen Riesenskandal.“ Weshalb das Paar aus München fortzieht, um Gras über die Sache wachsen zu lassen.“

Es bleibt spannend bis 2010, wenn der nächste Pageturner von „Iny Lorentz“ stapelweise in den Buchhandelsauslagen liegen wird. „Ein Mord in der Fuggerei selbst wird nicht passieren“, sagt Elmar dann doch und schaut sich in der niedrigen Wohnstube um, als suchte er nach einem weiteren Detail, das seinen Szenen heimlich dienlich sein könnte. „jedenfalls wird vermutet, die junge Braut sei bereits schwanger, was völliger Unsinn  ist. Die Frau ist nicht angerührt worden. Der Ehemann ist vorgereist nach Augsburg, und Jakob Fugger selbst veranlasst, dass die Gattin ihm nachfolgt, damit er nicht ins Hurenhaus geht oder anderen Mädchen nachstellt.

Solche Ängste muss Iny ihrem Elmar gegenüber nicht hegen. Seit 1982 sind sie verheiratet, und auch wenn es kitschig klingt: Sie sind immer noch ein Herz und eine Seele. Kennengelernt haben sie sich Ende der 70er Jahre. Beide sind Mitglied im EDFC, dem Ersten Deutschen Fantasy Club, wo man sich zu Rollenspielen trifft, über Romane schwätzt und in ferne Welten eintaucht. Bis das Internet aufkam, sandte der EDFC per Post Rundschreiben aus, in dem neueMitglieder vorgestellt wurden. Iny schrieb Elmar damals einen langen Brief. Der antwortete mit einer besprochenen Musikkassette: 90 Minuten am Stück. Danach wechselten Briefe und Kassetten zwischen Köln (Iny) und dem bayrischen Mühldorf (Elmar) hin und her. „Ich habe die Kassetten immer an einem Stück besprochen“, sagt Elmar, „das hätte man sonst gehört, wenn ich die Stoptaste gedrückt hätte.“ Iny lacht: „Ich habe es aber manchmal gehört.“ Anderthalb Jahre hing das so, bis sie sich zum ersten Mal sahen.“

(und was dann geschah folgt schon bald in Wanderhurenwandern, Dritter Teil / Alle Bilder via WikiCommons)

2 Trackbacks & Pingbacks

  1. Lesen mit Links
  2. Linkradar: Literaturnominierungen | Lesen mit Links

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


%d Bloggern gefällt das: