Diskurspogo in Königsburg

Seit bekannt ist, dass Fabian Hischmann mit seinem Debütroman für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist, reissen die Diskussionen nicht ab. „Am Ende schmeissen wir mit Gold“ ist ein krachender Coming-of-Age-Roman, der die Gemüter überhitzt. Warum?

Max Flieger, so heißen doch eher Helden aus Dreissiger-Jahre-Geschichten, oder? Max Flieger ist ein gelangweilter Lehrer, Ende Zwanzig und der Slackerprotagonist in Fabian Hischmanns wild diskutiertem Debütroman „Am Ende schmeissen wir mit Gold“. Max Flieger wird auf 256 Seiten von Königsburg nach Kreta und New York geschickt, auf einer sich immer schneller beschleunigenden Reise weg von der Jugend in eine ungewisse Zukunft. Schwulenerweckung, Tierfilmliteratur, „eine Geschichte, deren Wucht man sich kaum entziehen kann.“ Die Kritik ist uneins. Es ist nicht das schlechteste Zeichen, wenn die Fronten hart umkämpft werden.

Auf der reinen Inhaltsebene geht es darum: Max Flieger reist von Bremen in sein Heimatdorf Königsburg in Süddeutschland, das Donaueschingen, dem Geburtstort Fabian Hischmanns nachempfunden ist. Er soll auf den Hund seiner Eltern aufpassen, hat darauf eigentlich keine Lust, macht es widerwillig und nutzt die Heimkehr, um alte Schulfreunde zu treffen, in der Sauna mit dem schwulen Valentin abzuhängen und Liebesenttäuschungen von einst aufzufrischen. Durch einen Schicksalsschlag motiviert reist Max im zweiten Teil nach Kreta, erlebt weitere leicht schwule Augenblicke in der heißen Sonne, bis er nach New York flüchtet, den „Bright Lights“ der „Big City“ folgend, die Jay McInerney 1984 in seinem Megabestseller beschrieben hat (1988 als „Die grellen Lichter der Großstadt“ mit Michael J. Fox und Kiefer Sutherland verfilmt).

Gold_Berlin_gMit „Bright Lights, Big City“ ist man mittendrin im Diskurspogo dieses hochinteressanten Romans, der vom Weiten ganz harmlos wirkt, beim näheren Hinsehen aber eine wilde Anspielungsklaviatur herzeigt. In einem Promointerview bekennt sich Fabian Hischmann zu „Bright Lights, Big City“, das eben nicht nur von New York, sondern auch von der grellen Mass-Media-Realität der Mittachtziger geprägt ist. Zwischen Clubnächten, Drogenparties und Feiereskapaden wird dort die Geschichte einer schwangeren Frau verfolgt, die nach einem Autounfall im Koma liegt und auch am Leben gehalten wird, um als Tote ihr Baby austragen zu können. Bei Jay McInerney geht es eben nicht nur um den tierischen Ekzess, sondern auch um die Frage, was Menschsein bedeutet. Genauso bei Fabian Hischmann, der seinen Helden keine Koma-Baby-Storys verfolgen lässt, sondern Tierfilme (daher der Tierfilmliteraturvorwurf): „Ich bin ein großer Fan der Tierwelt. Darum sehe ich im Fernsehen am liebsten Dokumentationen, in denen Löwen mit Krokodilen um das letzte Wasserloch kämpfen, Eisbären Robben reißen, Kakadus umeinander balzen oder der Schlammspringer, so ein merkwürdiges Hybridwesen, Löcher in seinen morastigen Lebensraum frisst.“ Max spürt sich als Mensch, indem er sein Leben mit der Tierwelt abgleicht und vor seinem vermeintlich tierischen Drang fortläuft.

Hetero-Sex findet in Beobachtung, Homo-Sex in Träumen statt. Da hat Max viel gemein mit Clay aus Bret Easton Ellis’ (BEE) Debüt „Unter Null“ von 1985, ein Jahr nach „Bright Lights, Big City“, der sich schockiert abwendet, als er seine Freunde beim Konsum eines Snuff-Pornos antrifft. Jay McInerney war übrigens Teil der „literary Brat Pack“-Entourage um BEE, die nicht zu verwechseln ist mit dem „Brat pack“ um Emilio Estevez, Demi Moore, Rob Lowe und eben Kiefer Sutherland aus „Bright Lights, Big City“. Hier setzt Fabian Hischmann also an: Ganz weit oben, sehr amerikanisch. Irgendwann kommt auch Ernest Hemingway vor. Es werden zwar keine Mädchen in Snuff-Pornos gefoltert, sondern nur Robben gerissen. Aber man muss ja nicht gleich BEE in seiner Krassheit übertreffen.

Dieses Nicht-Übertreffen hat „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ eine zusätzliche Diskusison beschert. Seit Wochen fragt sich das Feuilleton, ob die deutschen Nachwuchsautoren zu bieder, bildungsbürgerlich und erfahrungsarm seien. „Kreatives Schreiben studiert habe ich meiner Erinnerung nach mit Lehrerkindern und Ärztekindern und noch mehr Lehrerkindern und noch mehr Ärztekindern“, schrieb Die Zeit-Autor Florian Kessler, der wie Fabian Hischmann in Hildesheim studiert hat. Jetzt gibt es in diesem Debüt auch Kulturreferenten vom Goethe-Institut, saturierte Creative-Writing-Studentinnen und ein Erbe von einer halben Million.

Muss man das Fabian Hischmann nun vorwerfen? Oder Max Flieger, der selbst unter seiner Erfahrungsarmut leidet, was deutlich wird, wenn er allein auf einem Hochstand im Wald sitzt und denkt: „Schwer zu sagen, was ich tun würde, hätte ich ein Gewehr“, als trauerte er einer Zeit hinterher, als der deutsche Popdichter Rolf Dieter Brinkmann zu Großkritiker Marcel Reich-Ranicki schrie: „Wenn dieses Buch ein Maschinengewehr wäre, würde ich Sie jetzt über den Haufen schießen!“ Max Flieger wird in New York aus seiner Gewaltphantasie ausbrechen und ganz real ein Waffengeschäft aufsuchen. Muss der arme Kerl jetzt Amok laufen, um sein inneres Todsein zu kompensieren, um dem Verdacht zu entfliehen, er sei nicht mehr als ein verweichlichtes Bürgerkind? Man ist in Romanrezensionen so schnell mit dem Schrei nach Blut.

Aber genau das fließt doch reichlich, gleich auf der ersten Seite. Es folgen in bester „Feuchtgebiete“-Manier die Selbstbefriedigung (Seite 13) Sex (14) ein popelndes Kind (16). „Es sitzt schräg gegenüber und isst den Schnodder.“ Außerdem Spucke (17), der „Schleim einer Erkältung“ (28) noch mehr Blut (91), Spucke (154) und ein Zäpfchen (158) wird ebenfalls eingeführt. Vielleicht kommen daher auch die Vergleiche zwischen „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ und Wolfgang Herrndorfs „tschick“, das mit dem Hammersatz anfängt: „Als Erstes ist da der Geruch von Blut und Kaffee.“ Der Roman wird aber auch mit Benjamin von Stuckrad-Barres „Soloalbum“, Benjamin Leberts „Crazy“ und Thomas Klupps „Paradiso“ verglichen. Als gelte es, dem Amazon-Algorythmus Konkurrenz zu machen („Kunden die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch“).

Das ist der gleiche unsinnige Blick zurück, der Max Flieger vorgeworfen wird, der im Roman ganz retro Autoquartett spielt, Massive Töne hört und Mini Milk isst. Soloalbum beginnt mit „Gleich stehen sie vor meinem Bett. Gronkwrömm.“ Der erste Satz von Crazy ist „Hier soll ich also bleiben.“ In Paradiso wartet einer an der Autobahnraststätte und will „bald wegkommen“. Man kann das Spiel endlos weiterspielen, mit Peter Glasers und Niklas Stillers „Der grosse Hirnriss“ und „Das hier ist kein langweiliges Buch. Es startet gleich richtig weg und Wutsch!, stand da eine junge Frau in der inneren Stadt an einem belebten Straßenstern.“ Oder Rainald Goetz’ „Irre“-Roman: „Ich erkennte nichts wieder.“ Joachim Lottmanns „Die Jugend von heute“, passt genauso: „Ich wollte nie mehr schreiben und nur noch eines: weg!“

Wutsch, Gronkwrömm, tschick und stehen, starten, weg: Zwischen diesen Geräuschen und der Null-auf-Hundert-Beschleunigung erzählt Fabian Hischmann seine Story. Nein, er fährt nicht nach Afghanistan, landet nicht auf dem Majdan in Kiew und „SPD-Nazis“ wie in Christian Krachts „Faserland“ kommen auch nicht vor. Aber es ist Metaebenenliteratur, die sehr smart tausend Diskurse gleichzeitg antanzt, das Feuilleton reizt bis aufs Blut und hoffnungslos melancholisch ist. Das Gold, mit dem geschmissen wird, ist übrigens ein schnöder Tannenzapfen, der glänzt nicht einmal. Aber ist das Bild an sich nicht schön?

Fabian Hischmann: „Am Ende schmeißen wir mit Gold“, Berlin Verlag, 256 Seiten, 18,99 Euro

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