Wanderhurenwandern – Erster Teil

Die „Wanderhuren“-Erfinder haben den verdienstvollen Verlag Voland & Quist vor den Kadi gezerrt und sich beklagt, Autor Julius Fischer habe sich ‚in höchstem Maße respektloser und ignoranter‘ Weise über das ‚traurige Schicksal der Wanderhuren im Mittelalter‘ lustig gemacht.“ Dass Iny Lorentz diese traurigen Schicksale für ihre Pulp-Porno-Phantasien verbraten, scheint nebensächlich zu sein. Lang ist es her: Für die Ausgabe 3/2009 des Magazin Bücher habe ich Iny Klocke und Elmar Wohlrath in der Augsburger „Fuggerei“ getroffen. Der Termin ging auf meine Kappe. Ich hatte damals gerade mein Mediävistikstudium beendet und war mir sicher, eine leichtfertige Freude an den „Wanderhure“-Büchern zu haben. Weit gefehlt. Wir trafen uns dann gemeinsam mit der Stiftungsvorsitzenden der Fuggerei und einigen wissenschaftlichen Angestellten, um über das neue Buch zu reden. Es wurde desaströs, weil die „Wanderhuren“-Autoren schlichtweg keine Ahnung vom Mittelalter haben (wenn ich jetzt verklagt werde stelle ich den Mikrofonmitschnitt online). Mit dem hier mühsam neu abgetippten und behutsam veränderten Text füllte ich damals sechs Magazinseiten. Das Beitragsbild ist von Wikipedia, das ich den damaligen Fotografen Edward Beierle nicht erreicht habe.

Das Sechs-Millionen-Paar

Iny und Elmar Lorentz sind das erfolgreichste Autorenpaar der deutschen Literatur. Ihre „Wanderhuren“-Romane handeln von betrogenen Jungfrauen, betrügerischen Adeligen und aufrechten Bauern. Ich traf sie am Ort ihres neuen Mittelalter-Bestsellers: in der Augsburger ‚Fuggerei‘.

Alle Fans müssen jetzt tapfer sein: „Ich weiß, dass alle auf Band fünf der Wanderhure warten“, sagt Iny Lorentz und schaut verzweifelt durch ihre Brillengläser, „aber Elmar und ich haben bislang keine Idee für eine Fortsetzung.“ Das Ehepaar sitzt nah beisammen auf der kleinen Holzbank im Augsburger “Fuggerei“-Museum: Elmar, 56, der ruhige Gatte mit beigefarbener Schiebermütze und farblich abgestimmtem Airbrush-Adlershirt „aus Amerika“, und die quirlige Iny, 59, mit blauem Tuch und verträumtem Delfin im mystisch schimmernden Meer auf der Brust. Am Hals baumelt ihr Ehering, „weil ich ihn wegen der Arthrose nicht mehr an der Hand tragen kann.“ Selbstverständlich ist es nicht irgendein, sondern der Ring schlechthin, der „Herr der Ringe“-Ring, der Meisterring, mit Inschrift in elbischen Buchstaben: „Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.“

Ewig gebunden ist das Autorenpaar, das unter dem Namen „Iny Lorentz“ veröffentlicht, an ihre knapp sechs Millionen Leser (davon über 3,2 Millionen allein für die „Wanderhuren“-Reihe.). Alle warten auf neue Abenteuer um die inzwischen gealterte Wanderhure Marie und Ihre Tochter Trudi. „Aber es wurde von Band zu Band schwieriger, zu schreiben“, erklärt Elmar Klocke, „weil wir niemals eine Kopie des vorherigen Bandes abliefern wollten.“ Aber sie mussten liefern, das war die Bedingung des Verlags, dass es nach Band eins eine Fortsetzung gäbe.“

Für dies musste sich die 1410 schuldlos zur Wanderhurenschaft genötigte Jungfrau Marie als „die Kastellanin“ mit Kleinkind Trude durch die Hussittenkriege schlagen, auf der Suche nach ihrem totgesagten Gatten, später sich als Skalvin nach Russland verschleppen lassen, von wo aus sie nach Konstantinopel flieht. „Die Tochter der Wanderhure“ ist im vierten Band eine erwachsene Frau. Auch Trudi stürzt ins Unglück, wie ihre Mutter, nachdem ihr Geliebter Michel ermordet worden ist.

Ihre naiven Geschichten von gestern treffen den Nerv einer komplizierten zeit, in der schon das Reihenhau unerreichbar scheint – zu schweigen von Schlössern, wie sie hier vorkommen. Im Internet fordern Fans von ihren Lieblingsautoren immer mehr dieser kleinen Fluchten aus dem Alltag: „Selbst mein Mann, der vor meiner Zeit nie gelesen hat, verschlingt Ihre Bücher nachts im Bett“, schreibt „Christina“, und „Anna“ hofft „ganz stark, dass so schnell wie möglich eine Fortsetzung kommt! ;)“

(wird morgen am Donnerstag hier auf LesenMitLinks.de fortgesetzt….)

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