Die dunkle Begierde

Robert Seethalers fulminanter Roman „Der Trafikant“ führt ins Wien der Dreissiger Jahre, ins Wien der Hitlerzeit, der Endzeitstimmung, der letzten Lieben vorm Bombenteppich.

Mit dem Gewitterhimmel im Spätsommer 1937 überm Salzkammergut beginnt „Der Trafikant“. Beschlossen wird der Roman knapp acht Jahre später, am 12. März 1945 in Wien „vom rasch anschwellenden Motorengeräusch der alliierten Bomberverbände, die sich wie ein riesiger, dunkler Schwarm vom Westen her näherten und die Stadt in Schatten legten“. In dieser Zeitspanne verlässt der 17-jährige Franz Huchel seine alleinerziehende Mutter, um bei Onkel Trsnjek in Wien zu lernen. Der einbeinige Weltkriegsveteran führt eine Tabaktrafik, im 1LIVE-Sektor nennt man soetwas Kiosk, Büdchen oder Bude – und diese Trafik ist sowohl Dreh- als auch Angelpunkt dieses Romans.

„Der Verkaufsraum war winzig und bis unter die Decke vollgestopft mit Zeitungen, Zeitschriften, Heftchen, Büchern, Schreibzeug, Zigarettenschachteln, Zigarrenkisten und verschiedenen anderen Rauch-, Schreib- und Kleinwaren.“ Der „Bub“ vom Land sieht auf einmal die weite Welt, und wer nun denkt, „Der Trafikant“ erzählte von Überholtem, muss sich diesen unbelesenen, unverdorbenen Franz im Jahr 2013 vorstellen, wie er das Internet kennenlernt, mit Facebook, Blogs, Nachrichtenseiten, mit Google Books, und der allgegenwärtigen Pornografie.

Mit 17 das  erste Mal „im Internet sein“ ist vergleichbar mit dem weltsprengenden Augenblick, als Franz 1937 in einer Großstadttrafik steht und vom „Bauernbündler“ über den „Wienerwaldboten“ bis zu den „zärtlichen Magazinen“ (damals auch „Hobelbroschüren“ genannt), das pralle Konsumangebot der Spätmoderne vor sich sieht. Seine Ausbildung besteht zunächst eben darin: Zeitungen zu lesen, edle Zigarren kennen zu lernen, die Kundschaft standesgemäß mit Frau Doktor Doktor, Herr Ministerialrat oder Herr Professor anzusprechen.

Einer dieser Professoren ist Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse und seit David Cronenbergs Kinofilm „Die dunkle Begierde“ (mit Keira Knightley und Michael Fassbender) mal wieder ein Begriff für das Abseitige, das Unnormale, das sexuell Unbeherrschte in uns. Im Gespräch mit Freud lernt langsam zum Mann reifend Bauerntölpel, was es mit dem drängenden Geschlechtstrieb auf sich hat, und dass man nicht verzweifeln soll. Denn „an den Klippen zum Weiblichen zerschellen selbst die Besten von uns“.

Zur gleichen Zeit, Ende der Dreissiger Jahre, brechen sich andere, wesentlich niedere Triebe Bahn. Österreich findet 1938 mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht „Anschluss“ an Adolf Hitlers tausendjähriges Reich. In Wien werden jüdische Geschäfte zerstört, Juden aus den Betrieben geschmissen, Kabarettisten, die sich über den „Führer und Reichskanzler“ lustig machen, ins Luxushotel Metropol deportiert. Dort, im Ersten Bezirk, wo Mark Twain Ende des 19. Jahrhunderts logierte, wird die Gestapo-Leitstelle eingerichtet. Wer hierhin verschleppt wird, stirbt wenig später an einem „nicht näher zu bestimmenden Herzleiden“. Und ebenso wie dieser Euphemismus die Folter kaschiert, gelingt Robert Seethaler mit einer ganz und gar unaufdringlichen Sprache, das Monströse jener Zeit einzufangen (es muss eben nicht immer besonders laut sein, damit man sich die Ohren zuhalten will).

Trafikant_KeinUndAber_gAnfangs kümmert sich Franz wenig um das Weltgeschehen. Er geht seinen Sehnsüchten nach, verliebt sich am Prater in eine rundliche Böhmin, wird verlassen, gewinnt das Mädchen wieder. Er sinniert über sich selbst, seine Träume. „Das Herumtappen in derartigen fremden und dunklen Gedankengängen erschöpfte ihn.“ Doch sein Wien, das ihn anfangs noch geblendet hatte, mit seinem „Flimmern, Glänzen, Blitzen und Leuchten“, wird zum apokalyptischen Ort. War der Glaube des Juden Freud anfangs nur eine Kuriosität, ist er nun eine Lebensbedrohung – auch für Franz und seinen Onkel, der weiterhin jedermann in seiner Trafik bedienen will. Dieser naive Junge wird später zum Helden, der sich die Schweinerein nicht länger ansehen will, der eine Kampfeslust entwickelt gegen die SS, gegen den Hass, die Mitläufer und die vielen, vielen Terrorbeamten. Es kommt, man ahnte es bereits beim Gewitterhimmel überm Salzkammergut: Zur Katastrophe.

Robert Seethaler: „Der Trafikant“, Kein & Aber, 252 Seiten, 19,90 Euro

Beitragsbild: @sinnesey

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