Rezension: Mach‘ mal aus!

Das mutigste Buch dieses Jahres hat Ex-Viva-Musikmoderator Nilz Bokelberg geschrieben. „Endlich gute Musik“ verspricht er auf dem Cover und schreibt über Raps von Die Ärzte, über die Münchener Freiheit und Billy Joel. Eine Provokation.

Wenn Nilz Bokelberg auf Seite 12 über das Album „Abbey Road“ von The Beatles schreibt, der Sixtinischen Kapelle der Popmusik, fühlt man sich noch auf der sicheren Seite. „Was für ein Stück, was für ein Monster von einem Lied, dessen Titel auch schon der komplette Text ist: ‚I Want You (She’s So Heavy)‘. Da steckt so viel drin. (…) Hier kamen Nirvana her, hier kamen Pantera her.“ Das kann man gelten lassen und beim ersten Durchblättern der vielen Playlists im Buch schaut alles fein zurechtgeharkt aus: Ice-T, Red Hot Chili Peppers, Cypress Hill, Ideal, Sex Pistols. Entlang dieser Songs erzählt Nilz Bokelberg seine Lebensgeschichte. Passt.

Doch dann tauchen Sätze auf, die jeden Musikenthusiasten verstören müssen. „Die Münchener Freiheit. Die vielleicht beste deutschsprachige Popgruppe, die es je gab. Für mich waren immer klar: „Münchener Freiheit sind die deutschen Spandau Ballet.“ (Seite 130). Oder über Elton John: „Your Song hat da noch eine ganz eigene Qualität, ist eine Liga für sich.“ (Seite 25). Righeiras fürchterliches „Vamos A La Playa“ nennt er einen „perfekten Song“ (Seite 32).

Was ist da los, fragt man sich? War Nilz Bokelberg nicht einer der herausragenden Moderatoren des deutschen Musiksenders „Viva“? (Was man manchmal im Buch noch spürt, wenn dort Sätze stehen wie: „Das Erste, was mich am Internet krass geflasht hat, war Napster.“) Ist der immerzu gut gelaunte Blogger und Twitterer nicht weiterhin Identifikationsfigur hipper Clubbesucher?

Musik_Dumont_gDoch er meint das Ernst und hebt sein schmales Taschenbuch aus der Masse deshalb heraus, weil es nicht nachträglich auf Coolness retuschiert wurde. Deshalb gibt es bei ihm kein neues Nachbeten allgefälliger Popmeinungen. „Endlich gute Musik“ erklärt die Größe der Münchener Freiheit mit Monty Python’s Flying Circus. Es zeigt Querverweise zwischen Schlagerheld Michael Holm („Mendocino“) und Giorgio Moroder, dem Erfinder der Synthesizer-Disco-Musik.

Nilz Bokelberg zitiert den vermutlich peinlichsten Rap aller Zeiten, der noch schlimmer ist als Thomas Gottschalks „GLS-United“-Projekt. („Ich bin der New-Wave-Man, Nicknack-Man, kein Guru, kein Banker, kein Freak. Leg‘ mich nicht auf irgendwas fest, ich hab‘ die Scheuklappen dick.“), nämlich das gerappte Intro der Extended Version von „Radio brennt“ (Die Ärzte): „Rappen kann ich, rappen kannst du,/Rappen kann ein Esel genauso wie ein Gnu.“

Ob Gospel vs. Deutsches Kirchenlied, Italo-Disco-Fieber oder der mutige Diss des Meilensteins „Never Mind The Bollocks – Here’s The Sex Pistols“: Nilz Bokelberg beweist in einer Zeit des musikalischen Anythng Goes (1LIVE Plan B-Moderator Ingo Schmoll hat vor Kurzem im Club „Rythm Is a Dancer“ von Snap! aufgelegt und alle haben getanzt), dass uns viel entgeht, wenn wir Juliane Werding ignorieren.

Ja, es gibt verdammt viele Bücher, die entlang von Songs erzählen. Zu den bekanntesten gehören Nick Hornbys „High Fidelity“ und Benjamin von Stuckrad-Barres „Soloalbum“. Ebenfalls mit Kassettencover erschien Rob Sheffields „Love is a Mix Tape“. Auf die Idee, Ironie-Schlagerbarde Guildo Horn und Bands wie der Münchener Freiheit ein Denkmal zu setzen kam keiner von ihnen. Das holt der mutige Nilz Bokelberg jetzt also pünktlich zum 50-jährigen Jubiläum der Compact Cassette nach und beendet sein Mixtape stilecht mit Billy Joels „Piano Man“. Cheesy, lässig ehrlich, inklusive des Satzes: „Und eine Mundharmonika zum Abschied ist immer gut.“ Toll!

Nilz Bokelberg: „Endlich gute Musik“, Dumont, 220 Seiten, 9,99 Euro

 

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