Linkradar: Dichter ohne Seife usw.

Was passierte eigentlich noch in der vergangenen Woche – außer der orakelnden Vorfreude auf die Leipziger Buchmesse? Der Frühling hat „irgendwie“ begonnen, auch nachzuschauen auf dem schönen „Wortweise“-Tumblr, der Sätze von Hamburgs Straßen sammelt. Frühlingsgefühle gibt es überall. Die Washington Post erklärt in diesem Artikel, weshalb „Digital Natives“ lieber Papierbücher als Kindleromane lesen. Einer der wichtigsten Gründe: Wer den ganzen Tag auf den flimmernden Bildschirm starrt möchte in seiner Freizeit weg vom Screen und optisch, haptisch, olfaktorisch einen Gap zwischen Arbeit und Erholung spüren. Bücher sind erholsam, eben weil sie nicht mit tausend Gimmicks ausgerüstet sind. Trotzdem startet dieser Linkradar mit einem Blick ins Netz.

BloggerLesen nach Zahlen: Es sieht aus wie das helle Gegenstück zu „Planet Magnon“ – ist aber die Literaturblogsphäre von oben (Bild rechts). In beeindruckender Fleißarbeit hat Tobias Zeisig (Blogger, Nerd, Webworker, Softwareentwickler) die deutschen Seiten gelistet, bewertet, zueinander in Beziehung gesetzt und nebenbei gezeigt hat, dass dort, wo Fantasy und Fan-Fiction besprochen wird, wo viele Enthusiasten ihre Bücher selber kaufen, anstatt sie bei Verlagen zu bestellen, besonders eng gekuschelt wird. Hier geht es zur Statistik, die angeführt wird von „His and Her Books“ – siehe auch: Oliver Jungen in der F.A.Z. über Social Reading, das ebenfalls wenig mit dem Feuilletonalltag zu tun hat. Bammm!

lafleur r.inddDichter Stan Lafleur, gerade mit „Rhein-Meditation“ (Bild) unterwegs, „echauffierte“ sich vorhin auf FB über Denis Scheck, der im MDR gefragt wurde, ob Jan Wagner eine gute Wahl für den Buchpreis sei. Woraufhin Scheck antwortete: „Die beste. Jan Wagner schreibt wunderbare Gedichte über so gegensätzliche Themen wie den Giersch im Garten oder Koalabären, außerdem besitzt er perfekte Umgangsformen und nutzt sein Dichtertum nicht als Ausrede für schlechtes Benehmen und mangelnde Körperhygiene. Was kann man von einem Lyriker mehr erwarten?“ – Das wird einen veritablen Lyrik-Shitstorm geben. Und wenn Scheck Recht behält, wird dieser ausnahmsweise auch noch riechen.

trawny11Jetzt aber mal ernsthaft: Denn es gibt Menschen, die ihre Zeit nicht mit Scherzen vertändeln, sondern der Philosophie zugewandt sind – wie Peter Trawny (Bild), bei dem ich studieren und verdammt viel lernen durfte und der seit einiger Zeit (endlich!) weltweit beachtet wird. Denn er hat die „Schwarzen Hefte“ von Martin Heidegger zugänglich gemacht, einen Debatte über antisemitische Äußerungen angestoßen – einstige Stars der Szene wie Günter Figal wenden sich nun angewidert ab und selbst der Heidegger-Lehrstuhl in Freiburg ist in Gefahr. Zur Versachlichung gibt es dieses „Hohe Luft“-Interview mit Trawny und eine bald beginnende Tagung an der Uni Siegen.

41ESYEE6FNL._SY344_BO1,204,203,200_Hey Hey Hey: Kaum hat der brillante Lektor Lars Claßen (junge 33) seinen Ausstieg bei Suhrkamp bekanntgegeben gibt es eine Neuanstellung für: Rebecca Casati. Die Witwe von Frank Schirrmacher war einst Beerdigungsautorin der Deutschen Popliteratur mit ihrem grandios bevorschussten Debüt. Das erschient ausgerechnet und leider, leider einen Tag vor 9/11. Casati wechselt zum Suhrkamp-Verlag. Dort soll sie offenbar eine eigene Reihe bekommen. Kookbooks-Verlegerin Daniela Seel schreibt dazu auf Facebook in bekannt offenherzigem Ton: „konsequente shareholder value. top.jetzt können sie den barlach machen ganz ohne barlach. hurrahurra.“

Montecristo-9783257069204_xxlIn eigener Sache: Nichts gibt es umsonst – und in der vergangenen Woche musste ich mein Brot im WDR hart verdienen, als ich hier und hier und hier Michael Wildenhains Roman „Das Lächeln der Alligatoren“ vorgestellt habe. Gut ist, dass es der süffig zu lesende Thriller „Montecristo“ von Martin Suter (Bild rechts) in die Bücher der Woche geschafft hat – und Leif Randt mit „Planet Magnon“ (hier und hier mit Moderator Ingo Schmoll). Pünktlich zur Leipziger Buchmesse gibt es im Blog eine Übersicht ganz ganz kurzer Veröffentlichungen, einen Verriss zu „Zeiden, im Januar“ und drei Preisfavoriten. Im LesenMitLinks.tumblr gibt es Bilder aus Winterhude (siehe auch; Beitragsbild).

Konsuminventur

61fzCRQQZJL._SX258_BO1,204,203,200_Burgervertrauen entzogen: Irgendwann wollte ich dieses schlechte Wortspiel einbauen. Jetzt bietet es sich an – denn McDonald’s verliert an Umsatz und muss sich neu orientieren, Was wie ein vorgezogener Aprilscherz klingt (noch eine Floskel) scheint durch diesen Text in der Welt belegbar ernst gemeint zu sein. Die Amerikaner wollen demnächst auch Grünkohl anbieten. Allerdings nicht mit Pinkel und Kartoffeln, sondern verarbeitet in Smoothies und Salaten. Statt schlechte Burger bei McDonald’s zu bestellen lohnt es sich, selbst Hand anzulegen. Dabei hilft das coole Kochbuch „Auf die Hand“ (Brandstätter, 272 Seiten, 200 Abbildungen, 34,90 Euro) von Foodblogger und Autor Stevan Paul (hier im Blog).

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