Geld Geld Geld Geld

„Die Sonne schien herein. Kein Wölkchen am Himmel. Es ging mir gut.“ Mit diesen Worten endet „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“ von PeterLicht. Obwohl der Held pleite ist. 

Das kürzeste Buch (52 Seiten) trägt den längsten Titel (61 Buchstaben): Mit „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“ gewann der Kölner PeterLicht im Sommer 2007 zwei Auszeichnungen beim wichtigen Ingeborg-Bachmann-Lesewettbewerb in Klagenfurt. Der öffentlichkeitsscheue Künstler holte sich sowohl den 3sat-, als auch den Publikumspreis für eine skurril gestaltete Geschichte über unsere schöngeredeten, einlullenden Hartz-IV-Zeiten. „Es ging mir gut. Ich war gesund, und ich hatte Geld“, sagt der namenlose Held auf der ersten Seite. Das Leben ist in Ordnung. Doch Satz für Satz relativiert er seine Situation: „Ich hatte mittel Geld. Mittel Geld im Bereich von unten.“ Und wenig später: „Geld Geld Geld Geld. Geld flog in meinen Gedanken umher.“

„Ich lag wie ein gestrandeter Wal auf der Seenplatte meines Minusgeldes. Aber vielleicht – kann man ja ruhig sagen – vielleicht auch eher auf dem Ozean meines Geldes von unten.“ Bekennt er, in fast beschwingtem Ton. Wer wird denn gleich in die Luft gehen? Das Sofa ist kaputt und „das Loch im Betonboden wäre ja schon für sich gesehen gar nicht so unbeunruhigend gewesen.“ PeterLicht erzählt von einer Welt, in der tatsächlich nichts mehr ist, wie es einmal war. Nur wird dafür niemand verantwortlich gemacht. Die alles zersetzende Macht bleibt im Geheimen, unangreifbar wie alle Horrorvisonen, die heutzutage wie Letztwahrheiten herausposaunt werden: Arbeitslosigkeit, Rentenloch und Gesundheitssystem-Desaster. Alle stehen am Abgrund und wer fällt, der wird gefilmt. So entsteht ein Zerrbild, das mit der Realität vieler nichts gemein haben dürfte. Wenn die verdammten Ängste nicht wären…

Dieser knappe Monolog fasziniert, weil er melancholisch daherkommt und sowohl von „ahh, ok Sonne – da bist du ja“ schwärmt, als auch von „der Ewigkeit der Schwärze“. PeterLicht erzählt vom Mittelstandsniedergang, vom Ende des Kapitalismus (mal wieder) von Gefühls- und Disporesten. Geradezu trotzig behauptet er jedoch: „Gut gehts mir.“ Das wird schnell als Zweckoptimusmus enttarnt: „Gut, das ist ja kein Beinbruch.“ Dennoch! Eigentlich stürzt das Leben ein. Aber das hindert den besten Künstler nicht, mit sanfter, zuckerwatteweicher Ironie anzuspielen, anzuschreiben, anzumalen gegen die schwarzen Wolken, schwarzen Träume, schwarzen Visionen. Leiden ist schön bei PeterLicht, denn sanftes Leiden führt zur edlen, harmonischen Melancholie. „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“ ist leider viel zu kurz.

PeterLichts erster Hit hieß „Sonnendeck“ und begleitete den unschuldigen Sommer 2001 mit der Zeile: „Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck.“ Damals veröffentlichte er unter dem Namen Meinrad Jungbluth, der vermutlich ebenso ein Pseudonym ist wie PeterLicht. In dem Lied „Stilberatung/Restsexualität“ vom aktuellen Album „Melancholie und Gesellschaft“ (erscheint am 5. September) bittet PeterLicht alle Medien-, Geld- und Bewusstseinsschaffende: „Bitte nie mehr Sexualität zeigen, bitte nie mehr und nirgendwo – im Zusammenhang mit Euren Produkten, bitte nie mehr Haut und nie mehr Po, bitte Licht ausmachen und schweigen. Bedeckte Körper sind in Ordnung, Kleidung ist in Ordnung.“ Wie bereits im letzten Album und dazu begleitenden Buchdebüt „Wir werden siegen – Vom Ende des Kapitalismus“ schreibt und singt der Kölner gegen eine verrohte, von Googleautos heimgesuchte Gegenwart an. Die Radiolesung mit Moderator Mike Litt und DJ Larse dürfte nach PeterLichts Geschmack sein: Hier zählt allein die Stimme. Nach seinem Gesicht wird niemand fragen. Über den Erfolg seiner Klubbing-Lesung muss sich niemand den Kopf zerbrechen, weil dieser Autor nicht umsonst den Publikumspreis in Klagenfurt gewonnen hat. Lesen, auftreten, performen, das kann PeterLicht auf jeden Fall!

PeterLicht: „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“, Blumenbar, 52 Seiten, 14,90 Euro

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