Lokalperlen: Panikattacken im Labyrinth

45 rpm: Olaf Reitz präsentiert Kafkas „Der Bau“

„Nicht Sicherheit, sondern Freiheit legitimiert den modernen Staat“. Diese Erkenntnis, so formuliert vom Berliner Jura-Professor Peter-Alexis Albrecht, wirkt wie ein Kommentar zu Franz Kafkas Romanfragment „Der Bau“. – Der Wuppertaler Schauspieler Olaf Reitz zeigte am Freitag und Samstag seine Soloinszenierung im 45rpm-Club. Zuvor war sie über Monate im Recklinghauser Lehrbergwerk – unter Tage – zu hören; Reitz hatte sein Publikum stets begrüßt in Grubenhelm und –mantel. Die Aufführungen wurden gefeiert. – In absoluter Dunkelheit war auch jetzt lediglich Reitz’ Stimme über eine vierspurige Quadrophonie-Tonanlage (gebaut im Vohwinkler Studio Manufaktur) zu hören. Erzählt wurde die rätselhafte Geschichte eines nicht näher bestimmten Wesens, das sich eingegraben hatte in die Erde, mit einem Labyrinthsystem und einer Festung. Plötzlich jedoch hetzt es aufgeschreckt durch die Gänge. Naht der Feind? Lauert etwas?

Während die Lesung vollständig vom Band läuft irrt Reitz selbst umher, verstärkt den akustischen Effekt, wenn er manchmal mitspricht, Zuschauerärmel streift und die Dichtung noch einmal verdichtet. In der Dunkelheit entfaltet sich auf diese Weise ein hochaktuelles Spiegelspiel über Sicherheit und Wahn. Schon früh sucht das Wesen beispielsweise einen Gegenspieler, der womöglich durch die schwächste Stelle, den Eingangsschacht, ins Labyrinth gelangt sein könnte, sodass er sich diesem „an die Kehle werfen“ müsste. – Wir erkennen uns erst im Widerschein des Gegenentwurfs, sagt dieses Stück aus, das Olaf Reitz bravourös zur rechten Zeit umgesetzt hat. Hier entfaltet sich exemplarisch Immanuel Kants Idee, dass Freiheit – und nur diese – der eigentliche Grund menschlichen Daseins ist.

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