Hippie in Persien

Hunter S. Thompson schmiss in seiner Gegenwart mit Äxten um sich. Ein Thai-Boxer wurde vom eigenen Promoter verdroschen. In Indien wird mal wieder sein Magen ausgeräumt und als „Hippie in Persien“ überführt er einen LKW – ohne Führerschein. 

Damals schlendert Helge Timmerberg tiefenentspannt zum Interview und schlägt später seinem Verlag Rowohlt vor, eine Baumarktliege anzuschaffen, für die nächsten Messen, damit er sich jederzeit hinlegen kann. So viel Komfort ist dem Alt-Hippe (vielleicht lässt er sich deshalb auch duzen) eigentlich fremd. Sein neuer Reisereportagenband „Der Jesus vom Sexshop“ ist gerade erschienen. Darin geht es, nie First-Class, nach Bangkok, Brasilien, Indien, Paris, Belgrad. Das sind immer Reisen, die ebenso bilden, verstören, aber anscheinen auch glücklich machen – bevor es mit dem Interview losgeht, summt der Autor für sich ein kleines Lied.

Was singst du gerade? Das ist ein Ohrwurm – „Mama Africa“ – ich komme gerade von dort. Das erste Mal Schwarzafrika, zwei Monate. Ich will auch wieder dorthin. Und wenn du einmal mit diesem Lied anfängst, trägt es dich einfach weg.

Warum willst du zurück? Zwei Monate reichen nicht. Afrika ist sehr schwierig zu verreisen. Ich habe nicht das Gefühl, das ich irgendwas verstanden habe.

Ist es schwieriger als im Iran? In Persien hattest du 1970 keine leichte Tour. Im Iran ist das, glaube ich, gar nicht so schwierig, wie man das nach der Nachrichtenlage hier vielleicht denken würde. Die Busse fahren normal, du kannst in Istanbul einsteigen und bis Teheran durchfahren. Aber Afrika ist eine Kinderkultur. Die kriegen irgendwie alles auf die Reihe, aber du wartest viel. Es ist ganz schwer.

Schaust du dir von den Leuten, die du auf deinen Reisen triffst, etwas ab? Das geht ganz automatisch. Wie soll ich das sagen: Ein Wald hat viele Bäume und du nimmst von den Bäumen was mit, von der indischen oder brasilianischen oder orientalischen Kultur. Da wird etwas stark in einem, das bereits vorhanden war. Das bringt dann diese jeweilige Farbe der Seele nach oben. Und Afrika bringt für mich gerade die Farbe der Faulheit. Denn die können sitzen ohne Ende, nix dabei tun und zufrieden sein.

Hast du neue Drogen in Afrika entdeckt? Nein. Ganz Afrika kifft. „Was der Zahn der Zeit getan, das sieht der Lump als Besserung an“, heisst es ja bei Wilhelm Busch und dazu kann ich nur sagen: Harte Drogen vertrage ich nicht mehr. LSD ist ja zum Beispiel eine harte Droge. Geht nicht. Nach Koks habe ich tagelang Depressionen. Ich bin auf Haschisch hängengeblieben.

Warum fingst du an zu reisen?  Bei mir ging es mit 17 los. Das hatte viel mit LSD zu tun und dass ich ein Hippie war. Das hat meinen Kopf so sehr umgeschichtet, dass ich in Deutschland nicht mehr klarkam. Ich hatte geradezu eine Vision von Indien, dass ich da hinmüsste. Dann schlug schnell die Reise selbst zu, es ging über Land und ich hatte bislang nichts gesehen. Dann kommst du nach Kurdistan, in die hohen Berge, durch die Wüste vom Iran. Was für einen 17-Jährigen der helle Wahnsinn ist.

Wie kommt man richtig in der Fremde an? This is a very good question. Aus seltsamen Gründen kommt man fast immer nachts an. In Indiesen kommst du fast immer nach Mitternacht an. In Afrika war das auch so. Ich bin nach Dakar geflogen – und dann braucht man erstmal ein atmosphärisches Hotelzimmer, um sich auszuruhen. Das klappt selten. Und dann sucht man rum. Wo gibt es noch Bier? Wo gibt es Whiskey? Damit man die erste Nacht ohne seelische Abstürze überlebt. Am nächsten Tag suchst du dann rum, bist du ein Hotel gefunden hast, das dir tatsächlich gefällt. Zuletzt brauchst du noch eine gute Bar.

Wie verhält man sich als Westler mit seinen sogenannten humanistischen Idealen in einem Land, das diese Ideale nicht teil? Humanistische Ideale würde ich auch so verstehen, dass man diesen Dingen mit einer geistigen Toleranz begegnet, dem anderen Kulturkreis, den fremden Sitten. Da würde ich nicht wie ein rechthaberischer Elefant durchstolpern. Aber das ist abhängig von der Tagesform. Denn wenn du kaputt bist, können die die Leute auch unglaublich auf die Nerven fallen.

In einer serbischen Bar, in der es verboten ist, am Tresen zu trinken, wurde Helge Timmerberg von einer blonden und einer schwarzhaarigen Kellnerin bedient: „Sie benehmen sich wie guter Bulle, böser Bulle. Die Blonde läßt mir alles durchgehen, aber die Schwarze muss ich erst in Grund und Boden tippen. Das hohe Trinkgeld und mein artiges Benehmen verschaffen wir schließlich Sonderrechte in der Bar vom ,Prag‘. Ich darf im Stehen trinken. Aber nur ich.“

In Bangkok standest du dabei, als ein Thai Boxer von seinem Promoter verprügelt wurde. Wie hältst du solche Bilder aus? Ich konnte kaum hingucken. Aber das ist allgemein so. Ich bin sehr empfindsam.  Wenn ich auf der Strasse angesprochen werde von Leuten mit irgendwelchen Wunden, zum Beispiel am Bein, dann habe ich das Gefühl, das auch an meinem Bein zu spüren, an der gleichen Stelle. Und wenn Leute so gedemütigt werden wie dieser Thai-Boxer, der von seinem Chef mit schweren Ringen geschlagen worden ist, vor den Mund, nur weil er verloren hatte, das tut wahnsinnig weh.

Am Ende dieses wunderbaren Buchs ist man für die eine oder andere ferne Reise gewappnet und weiß: Kamele sollte man nicht reiten, sondern essen, sie sind Lasttiere und kein Beduine setzt sich freiwillig auf dies unbequemen Tiere. Marokkanische Sittenwächter, die einen bestellt haben, um Beschwerden wegen einer Nacktyogaübung nachzugehen, besänftigt man während seines Wutausbruchs mit einem 200-Dirham-Schein, der dann im selben Tonfall, selber Lautstärke und „demselben Einsatz von Mimik und Getue“ fortfahren wird. Nur mit anderem Text: „Was das eigentlich die Nachbarn angeht?! Was die eigentlich glauben würden, wer sie seien?“ Denn in Marokko sei das Haus heilig. „Da kann jeder machen, was man will.“ Wer anschließend nicht das Buch weglegen und selber reisen will, hat kein Wandersblut in den Venen.

Helge Timmerberg: „Der Jesus vom Sexshop“, Rowohlt, 302 Seiten, 18,95 Euro

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