Rezension: Axolotl atemlos

Basketballschuhe und Punks sind die Helden in Cornelia Travniceks radikalem Debütroman „Chucks“. Es geht um: Pistazeineis, die Liebe zum Tod – und eine inzwischen legendäre „Lurchart im Larvenstadium“.

Die jüngere Literatur ist ohne Mode undenkbar. Dazu gehört die Barbourjacke aus Christian Krachts „Faserland“, deren Farbe und Zustand spiegelbildlich für den Seelenzustand des Helden steht. Jakob Hein debütierte 2001 mit der Ostalgie-Geschichte „Mein erstes T-Shirt“ (das im Kapitel „No. 3“ gelb ist, während auf dem Cover ein rotes Hemd mit Knöpfen abgebildet wurde). Bret Easton Ellis lässt seinen „Glamorama“-Helden bei „Gap“ einkaufen. Benjamin von Stuckrad-Barre wurde nach seinem Debüt „Soloalbum“ kurzzeitig „Peek & Cloppenburg“-Model. Die Dandys in „Tristesse Royal“ tragen Anzüge von Hedi Slimane.

Daher ist es bemerkenswert, wenn die 25-jährige Österreicherin Cornelia Travnicek ihren Debütroman (sie hat bereits etliche Erzählungen veröffentlicht) unter dem Titel „Chucks“ präsentiert. Dass Paul, der Liebhaber ihrer Heldin Mae, daheim einen Axolotl-Lurch beheimatet, ist wiederum ein Hinweis, der an Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ erinnert. Irgendwo zwischen Hedi Slimane und besagter Helene Hegemann schimmert dann auch dieses Buch um Mae, eine 16-jährige Schülerin aus Wien, die ihr Leben für die Liebe umwirft.

Weil daheim die Lage ätzend ist und Schule nervt schließt sich Mae der selbstzerstörerischen Punkerin Tamara an. „Tamara war asozial, so würden das die meisten Leute wohl nennen. Keinen Job, kein Geld, Familie vielleicht, darüber sprach sie nicht. Keine Ausweise, kein Alter, manchmal eine Schlägerei.“ Aber Tamara hat Herz und ihr Kennenlernen auf der Straße ist zuckersüß.

Mae wird angeschnorrt, winkt ab, bemerkt gedankenverloren, dass es heute heiß sei, woraufhin Tamara um ein Eis bettelt. „Was soll man darauf sagen. Wenig später hatten wir beide eine Eistüte in der Hand, ich Zitrone und Tamara Pistazie. Und ich war immer der Meinung gewesen, nur alte Leute mögen Pistazieneis. – Auf einmal hatte ich einen Punk und war unheimlich stolz darauf, selbst Pippi Langstrumpf hat es nur zu einem Affen gebracht.“

Soviel zu Ton und Stimmung dieses Buchs, das zunächst in krassen Schnitten von Maes Leben zwischen Punks und von ihrer Spießerliasison mit Architekt Jakob erzählt. „Sicherheit, das ist, wenn man Milch über seine Cornflakes gießen kann, ohne sich vorher schnuppernd vergewissern zu müssen, dass man nicht gleich verdorbene Eiweißklümpchen auf seinen Ballaststoffen findet.“ Jakob ist ein Planer, der Gebäude entwirft. Tamara ein drogenabhängiges Chaosmädchen, das lieber zerstört – zuallererst sich selbst.

Diese beiden Gegensätze werden zusammengeführt, als Mae mit dem AIDS-kranken Ex-Krankenpfleger Paul zusammenzieht. Eine Liebe, die dem Tod geweiht ist. Romantischer geht es kaum. Eine Lungenentzündung kann jederzeit das Ende dieser perfekten Beziehung bedeuten. Doch ist vielleicht das typisch für echte Liebe, dass sie einen verwirrt und verängstigt, umwirft? Dass sie gleichzeitig beruhigt und wahnsinnig macht? Es kommt zur Tragödie… Und allein diese Dialoge: „Hat sie Drogen genommen?“ – „Verdammt, ja.“ – „Weißt du, welche?“ – „Verdammt, nein.“ Toll!

(Cornelia Trawnicek: „Chucks“, DVA, 192 Seiten, 14,99 Euro)

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