Rezension: Der Blogliterat

Element of Crime-Sänger Sven Regener, noch bekannter als Autor der „Herr Lehmann“-Trilogie bringt nun seine Internet-Logbücher unter dem Titel „Meine Jahre mit Hamburg-Heiner“ raus.

Tomte und ihr „St. Pauli“-Lied, Paranoia-Erdnüsse im Tourbus, der Zusammenhang zwischen Kassel und den Teletubbies, ein Ikea-Siegertreppchen und Keller-Karaoke bilden das Archiv in den Logbüchern von Sven Regener. Seit 2005 hat er ebenso engagiert wie launisch für taz, Zeit, Spiegel, Berlin.de unter Netzbeobachtung von Touren, Messen, Studiosession berichtet. Was einst kostenlos zu lesen war gibt es nun anachronistisch gebunden gegen Geld.

Doch dieses Geld ist gut angelegt. und „Meine Jahre mit Hamburg-Heiner“ macht an keiner Stelle den Eindruck Neben- oder Zwischenwerk des Bremers zu sein. Es ist Dokument einer ganz besonderen, im deutschen Literaturbetrieb seltenen Haltung: Bitte eröffnet kein Germanistik-Seminar, sagt scheinbar jeder Satz. „Keine Meta-Ebenen bitte!“, formuliert es Sven Regener ausgesprochen elegant – um dann wieder auf die nicht ganz so wunderbaren Seiten des (Popstar-)Lebens einzugehen, beständig benörgelt von seinem Side-Kick, dem früheren Musikwissenschafts-Kommiltonen „Hamburg-Heiner“. Der beschwert sich, bloggen sei „Nuttenkram“. Ihm ist fad. Er haut Pseudoweisheiten raus der Art: „Im Fightclub, in der Liebe und am Deich ist jedes Mittel recht“.

„Was für ein Tag. So schön grau. An so einen Tag muß er gedacht haben, als Chris Isaak einmal vor vielen Jahren auf eine saublöde Frage eine sehr elegante Antwort gab: ‚Frage: Wie würden Sie den Unterschied zwischen Kalifornien und Deutschland beschreiben? Antwort: Wenn man in Kalifornien morgens auf dem Fenster schaut, dann denkt an: Ein guter Tag, um surfen zu gehen. Wenn man in Deutschland morgens aus dem Fenster schaut, dann denkt man: Ein guter Tag, um eine Bibel zu drucken.“

Wer erinnert sich schon an Chris Issak, der mit „Wicked Game“ einst einen veritablen End-80er-Erfolg hatte (die Instrumentalversion ist dann durch David Lynchs Film „Wild at Heart“ berühmt geworden)? Das ist aber auch egal. Wichtig, dieses Wort kennt der Autor nicht. Wenn Sven Regener an einer Stelle sanft korrigiert wird, es heisse keinesfalls mehr Schallplattenindustrie, ist klar, was für ein romantischer Geist durch diese Internettagebücher schleicht. Pop ohne Jetzt. Netz ohne Links. Der Element of Crime-Sänger ist so etwas wie die Akustikversion des Web.2.0-ipad-3G-Bloggers.

„Vorbei. Es ist alles gutgegangen. Eine feine Tournee. Eine feine Crew. Feine Musiker. Fein, fein, fein. Manche denken, am Ende von solchen Tourneen würde noch groß gefeiert. Kann sein, kann nicht sein.“ Eine treffende Beschreibung des Gefühls, das beim Lesen der Logbücher aufkommt. Selbstverständlich könnte sich der Autor auf jeder Seite feiern lassen, es ist auch alles drin: Nightliner und Jetlags, Bongogötter, Sex (auf der Buchmesse), die Nibelungenbrücke (wichtig wegen Hochkultur) und Modeverbrechen (Pudelmütze). Aber eigentlich weist der bloggende Autor kontinuierlich auf Schwächen und Egal-Momente hin, wirkt wie ein Talkmaster, der im stürmischen Applaus mit seinen Händen beschwichtig: „Ach, hört auf.“ Es ist, auch wenn er das niemals hören will, Sven Regeners bestes Buch. Hamburg-Heiner soll mal schön die Füße stillhalten.

(Sven Regener: „Meine Jahre mit Hamburg-Heiner: Logbücher“, Galiani Berlin, 422 Seiten, 19,95 Euro / Das Hörbuch erscheint bei ROOF Music, 4 CDs, 19,95 Euro)

Jan Drees

Ich bin Redakteur im Literaturressort des Deutschlandfunks und moderiere den „Büchermarkt“.

Im Jahr 2000 erschien mein Debütroman „Staring at the Sun“, 2007 folgte ein überarbeiteter Remix des Buchs. Im Jahr zuvor veröffentlichte der Eichborn-Verlag „Letzte Tage, jetzt“ als Roman und Hörbuch (eingelesen von Mirjam Weichselbraun). Es folgten mehrere Club-Lesetouren (mit DJ Christian Vorbau). 2011 erschien das illustrierte Sachbuch „Kassettendeck: Soundtrack einer Generation“, 2019 der Roman „Sandbergs Liebe“ bei Secession. Ich werde vertreten von der Agentur Marcel Hartges in München.

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1 Kommentar

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