Get lucky (Mstrkft-RMX)

You are soft and we are hard / You don’t desire to step to our fire. (MGMT)

Ich wache jeden Morgen fünf Minuten vor dem Weckerklingeln auf, weil ich Angst habe, zu verschlafen. Ich wache auf, obwohl ich weiß, dass es ein Leben vor, während und nach der Arbeit gibt, dass ich nicht aufwachen müsste, bevor der Alarmton erst leise, dann lauter, zum täglichen Start-up mahnt.

Es ist zwanzig nach vier an einem Wintermorgen. Ich liege unruhig frierend im Bett und denke an meinen Arbeitgeber, eine große Beratungsagentur, die nicht McKinsey heißt. Dieses Bett ist schön, schnörkellos, mit harter Kaltschaummatratze und obligatorischem Schonbezug unterm Spanntuch. Für Ausnahmefälle.

Die Rückenlehne ist hochgeklappt. Ich schaue auf eine rote Digitalanzeige und spüre mein Herz mit einem Druck schlagen, als gehörte es nicht zu mir, als klopfte es von außen an meine Brust. Wahrscheinlich habe ich Angst.

Ich kann nicht sicher angeben, ob es tatsächlich Angst ist, aber es fühlt sich wie Angst an. Ich bleibe liegen und warte ab, in der Gewissheit, dass diese Haltung weder situationsgerecht, noch originell ist.

Einmal lag eine junge Frau neben mir, ist länger her. Sie schlief geräuschlos, ohne Bewegung. Mein Gesicht versank in ihren dichten Haaren. Sanft griff ich zu ihrer Schulter, weil ich sie umdrehen, ihr Gesicht sehen wollte. Aber nach jeder halben Drehung lag sie erneut mit dem Rücken zu mir, ich habe immer nur ihr Haar und ihren Rücken gesehen. Als ich aufwachte, war es, wie heute, zwanzig nach vier.

Ich stehe auf, stelle mich unter die Dusche, fünf Minuten heiß, drei Minuten kalt, wie jeden Morgen. Ich zähle die Sekunden rückwärts, erst dreihundert, dann hundertachtzig, aber heute erinnere ich mich rechtzeitig, vorm Abtrocknen, dass ich noch ein Weilchen unter dem warmen Wasserstrahl stehen bleiben kann.

Inzwischen ist es kurz vor fünf. Der Mond steht blass am schwarzen Himmel, über den Dächern. Ich schaue hinauf, bis sein Licht direkt vor meinen Augen steht, wie eine magische Spur. Sein Weiß berührt meine Welt.

Mit Sandra habe ich oft zum Mond geschaut, von ihrem Bett im Dachgeschoss aus, während stickiger Hochsommernächte. Bis wir uns, wenige Monate nach meinem Berufseinstieg, aus heiterem Himmel, unter heiterem Himmel, im Stadtpark während meiner Mittagspause trennten. Weil wir füreinander Ungläubige waren. „Weil ich dich nicht mehr lieben kann“, sagte sie.

Jetzt geht alles ein bisschen schnell. Ich muss, träumend, unter der Dusche eingeschlafen sein. Es schüttet. Ich warte im eisigen Wind auf meine Straßenbahn, dann stehe ich, nass geschwitzt, frierend im Aufzug und kontrolliere mein Lächeln, das auch das Lächeln eines anderen sein könnte. Die Tönung dimmt jeden Teint, wie eine Pudermaske für Schauspieler. Nie sehe ich so gut aus wie im Aufzugspiegel, auf dem Weg in die fünfte Etage. Leider riecht es nach Kohl und Flatulenz, weil der Aufzug im Kellergeschoss gewartet hat, wo vier riesige Müllcontainer stehen. Aus den kleinen Boxen spielt Flughafenmusik, die schön genannt werden kann.

Der Klemmrahmen sagt: „Wer etwas Großes leisten will, muss tief eindringen, scharf unterscheiden, vielseitig verbinden, und standhaft beharren.“ (Friedrich Schiller, Dichter + Dramatiker). Ich erinnere mich, dass vor drei Wochen in unserem Hause die Kulturzuschüsse für eine „Cultural Studies“-Initiative der hiesigen Universität gesenkt worden sind, selbstverständlich aus Kostengründen. Wir hatten keine Wahl, heißt es. Schiller bleibt. Auf dem Schreibtisch meines Vorgesetzten steht ein vierfaches Ernst-Jünger-Portrait von Andy Warhol.

Wer sich für unser Unternehmen verdient gemacht hat, darf sich aus der Kunstsammlung irgendein hippes Pop-Art-Gemälde liefern lassen. Bei mir hängt bislang nur der Hochglanzkalender eines Audi-Autohauses.

Unsere gemeinsamen Werte heißen: Integrität, Respekt, Teamarbeit, Leistung und Engagement. Die Agentur ist Mitglied im EWMD – European Women’s Management Development International Network und im genderstoxx. „Kennen Sie außerdem auch das audit berufundfamilie{+®}?“, fragt mein Abteilungsleiter Klagenfurt im Eckbüro und lädt mich mit einem Nicken auf seine weiß bezogenen Edelstühle ein.

Ich warte, von innen, von außen nass, auf Anweisungen und überschlage, dass Klagenfurts Stühle mein Brutto-Monatsgehalt gekostet haben müssen. „Mein Mantel ist dreckig“, sage ich betreten, bleibe stehen und fühle mich ein Schuljunge.

„Passen sie auf.“ Klagenfurt schaut aus dem Fenster, mit dem Rücken zu mir, als Kapitän. „Sie werden aus der Schusslinie genommen.“ Ich zähle Dreckflecken auf meinen Schuhspitzen. „Weshalb es für sie jetzt heißt: Sie stellen mir das alles mal zusammen, auditberufundfamilie, Gendermainstreaming, das wird ihr Projekt, bis KW acht, oder neun, wenn sie es vorher nicht schaffen.“

Ich versuche, tief in meinen Chef einzudringen. Ich will scharf unterscheiden und vielseitig verbinden. „Verstanden“, sage ich. – „Müller, dieser Arsch hat sich an unsere Gleichstellungsbeauftragte rangeschmissen“, Klagenfurt knackt hinter dem Rücken mit seinen Macherhänden, „hat da ’n Fass geöffnet, weil wir die einzige Abteilung ohne Weiber sind, scheißnochmal, was kannich’ndafür?“ – „Nichts“, sage ich. – „Was?“ Er hört mir nie zu, denke ich und sage: „Peripher wichtig.“

Ich verlasse das Büro, ohne meinen Arbeitsauftrag verstanden zu haben. Klagenfurts Schusslinien-Worte hallen in mir nach. Allein dieses Wort: Schusslinie! „Diese ganze Kriegsmetaphorik“, hat Sandra nach unserem vorletzten Sex geschrien und dabei geweint, „Chief Executive Officer, Marktführerschaft, Unternehmensflotte.“ Sandra gestikulierte in Gänsefüßchen, was die Sache noch peinlicher machte. „Jeder von euch Pennern darf sich als Geheimwaffe für irgendetwas fühlen, es …“

„Lust auf einen Kaffee?“, frage ich im Business-Casual-Ton Yvonne, die Bachelorpraktikantin von Etage vier, deren Jeanspopo ich auch gern in der Schusslinie hätte. Yvonne schaut frisch geduscht von ihrem Rechner auf. Sie hat gleichzeitig keine Lust und Karrierebewusstsein: „Wann?“ Ich sage: „Jetzt.“

Aus der Glastür, auf den Flur, im Flatulenzaufzug hinab, über die Steinfliesen, entlang des pseudojapanischen Büroparkgärtchens, zur Kantine. Ich fühle mich verkatert und murmele: „Schon seltsam“, und sehe dabei wie Klagenfurt aus dem Fenster. „Als Student bin ich um diese Uhrzeit ins Bett gegangen.“ Was eine Lüge ist.

Wir hauchen beide vorsichtig in unseren viel zu heißen Maschinencappuchino. Yvonne ist langweilig. Ich kann sie kein Stück unterhalten und würde gerne behaupten, dass ich so eine wie sie vor fünf Jahren mal so was von locker …

„Was hältst du von Obama?“ Yvonne ist in meinen Gedanken nackt und rasiert: „Wenn der die Truppen aus Afghanistan abzieht, müssen unsere Soldaten ran, das wird kein Spaß.“ – „Du meinst wegen al-Hafid Abu Talha, dem Deutschen?“, witzele ich, aber Yvonne witzelt nicht zurück, sondern blickt mich entgeistert an, als schaute sie in meinen Kopf.

Mir bricht kalter Schweiß aus, am Rücken, unter den Armen. „Weißt du, was der Unterschied zwischen ’nem Neger und ’nem Fahrrad ist?“, frage ich und suche in der Jackettasche nach einem Tempo. Yvonne blinzelt unbewusst. „Das Fahrrad singt nicht, wenn man es ankettet!“ – Anschließend stehen wir schweigend auf. Im Aufzug erkläre ich: „Wegen Obama, verstehste?“

Bis Dienstschluss sitze ich vorm Computer und biete bei Ebay auf eine Picture-Disc von Abbey Road. Zur Release existierte das Gerücht, Paul McCartney sei tot, weil er barfuß über den Zebrastreifen geht. John Lennon trägt einen weißen Anzug, wie es auf indischen Begräbnissen üblich ist.

Ich wäre gern Popstar, nicht John Lennon oder Paul McCartney, diese Scheidungsgeschichte mit Heather Mills ist too much, vielleicht George Harrison. Kein Stress. Man muss sich nicht exponieren. Ich starre auf meinen Audikalender und denke: „Andererseits ist George Harrison tot.“

Wäre ich lieber George Harrison gewesen oder ist es angenehmer, hier im Office, an einem Ablageschreibtisch mit Innenhofblick, zu sitzen? Ich versuche „das Leben ist schön“ ironiefrei durch mich hindurchströmen zu lassen. „Kommen sie doch mal bitte mit.“

Klagenfurt eilt vor mir durch den vom Boden aus beleuchteten Gang, bis zur hinteren Ecke außen. Er lotst mich in ein Besprechungszimmer. Ich trete ein und werde von vier Augenpaaren angestarrt. Der letzte Sauerstoffrest entweicht wie im Vakuum aus meinen Lungen. Ein Song der Shoegazerband MGMT spielt in mir. Ich lächele. „Sie haben ja eine Menge Spaß“, sagt eines der Augenpaare. Ich schaue aus dem Fenster, kein bisschen wie Klagenfurt, dafür sehe ich den Mond, er steht am Himmel. Er wartet ab.

Klagenfurt lehnt Kaugummi kauend am Konferenztisch. „Das Fahrrad singt nicht, wenn man es ankettet“, sagt er und stößt sich mit den Händen ab. Klagenfurt steht jetzt ganz dicht vor mir. Ich kann seinen Atem riechen. Bevor er weiterredet geht er zum Fenster, schaut aber nicht, wie ich, zum Mond, sondern die fünf Stockwerke hinab. „Wenn ich wenigstens sagen könnte, sie hätten mich enttäuscht.“

„Das hier ist eine Auflösungsvereinbarung.“ Ich sehe Papier. „Sie unterschreiben bitte hier.“ Der Füller in meiner rechten Hand. „Ist Ihnen eigentlich alles egal?“ Ich sage: „Vielleicht.“ Dann unterschreibe ich.

Ich möchte mich entschuldigen, für diesen ehrverletzenden Scherz. In diesen Tagen, in denen wir der amerikanischen Sklaverei gedenken, kommen mir Bilder meiner wiederholten USA-Besuche in Erinnerung. Während ich erneut aus ganzem Herzen meine volle und unbestreitbare Solidarität mit unseren schwarzen Brüdern zum Ausdruck bringe, wünsche ich, dass die Sklaverei die Menschheit dazu anstiftet, nachzudenken über die unvorhersehbare Macht des Bösen, wenn es das Herz des Menschen ergreift.

Regina angelorum ora pro nobis.

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