Rezension: „Rate, wer zum Essen bleibt“

Wer das Weite nicht nur vor, sondern auch in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur sucht, der ist gut beraten, Philipp Tingler aufzusuchen, der bereits 2009 die Danksagung seiner Dissertation über „Thomas Mann und der transzendentale Idealismus“ eröffnete mit dem Hinweis, sie sei „zu nicht unwesentlichen Teilen bei Starbucks an der Bahnhofstrasse in Zürich verfasst worden (wohin ich immer flüchte, wenn meine Putzfrau Maxi kommt), sowie in den Lounges diverser Flughäfen von Mailand bis Johannesburg, an Bord einiger Interkontinentalstrecken und schließlich bei Pancakes, Eggs Benedict und endlosen Litern Kaffee in der Polo Lounge des Beverly Hills Hotel.“ (Beitragsbild: Nathan Beck).

Nach dieser Doktorarbeit schrieb Tingler Romane und halbernste Kniggewerke wie „Leichter Reisen – Benimmhandbuch und Ratgeber für unterwegs“, die souverän den Duktus des „Zauberbergs“ verbanden mit dem vornehmen Spot des britischen Schriftstellers Roald Dahl und der flamboyanten Lässigkeit leichtgängiger High Society-Serien wie „Kir Royal“ oder „Vorstadtweiber“.

Sein neuer Roman „Rate, wer zum Essen bleibt“, erzählt im dialoggetriebenen Charme von der fatal-turbulenten Woche des emporstrebenden Akademiker-Ehepaars Franziska, einer passiv-aggressiven Sozialwissenschaftlerin, und ihrem Gatten Felix, der wie Tingler selbst, fester Kritiker einer Schweizer Literatursendung ist.

Die Grundsituation der 200-seitigen Screwball-Komödie ist rasch umrissen: „Franziska hatte den Dekan der soziologischen Fakultät und dessen Gattin eingeladen. Das Abendessen war wichtig, weil eine Stiftungsprofessur neu zu besetzen war, für die Franziska infrage kam. Für ihren Geschmack war sie schon viel zu lange Assistenzprofessorin am Institut für Angewandte Soziologie.“

Die Speisenfolge steht, fehlen bloß die Amarena-Kirschen fürs exquisite Cremedessert, und ein inszenierter Abend, der strahlen soll wie frisch gebleichte Zähne kann seinen karrierefördernden Lauf nehmen – oder vielmehr: könnte. Denn da klingelt es an der Tür, und in die mühsam errichtete Kulisse tritt eine Frau, „teuer und diskret angezogen, bis auf die Schuhe: Ballerina-Pumps mit ziemlich auffälligem Besatz in Form von kleinen goldenen Bienenstöcken.“ Es ist Conni, eine frühere Kommilitonin von Felix, die gerade bei Goldman Sachs gekündigt hat und ad hoc zum Essen bleiben wird.

An dieser Stelle blättert man kurz in Tinglers Buch „Stil zeigen!“, bleibt hängen an Dinnerregeln und geeigneten Gesprächsanknüpfungen wie „’Wäre es nicht großartig, wenn es Handtaschen mit Innenbeleuchtung gäbe?’ (nicht bei Geschäftsleuten anwenden)“ oder „’Finden Sie nicht auch, dass Paul McCartney immer mehr aussieht wie eine alte Frau?’ (nicht bei Paul McCartney oder alten Frauen anwenden)“, um abschließend auf Seite 194 zu lesen: „Now that you know the rules, you can start breaking them.“

In „Rate, wer zum Essen bleibt“, ist Conni über die Dauer einer Woche zuständig für diesen Regelbruch. Eine Krankheit verlängert ihren Aufenthalt bei Franziska und Felix, und gleichgültig, in welche soziale Situation Conni fortan platzt – man glaubt, Oscar Wilde sei zu Besuch. Die grundunsichere Gattin des Dekans wird mit der Frage provoziert, ob sie auf eine Kreuzfahrt gehen wollte, und als sie entgegnet „Nein, wieso?“, stellt Conni trocken fest: „Sie sind so angezogen (…) oder geben Sie neuerdings Karten beim Black Jack aus?“

Ihren Auftritt werden im Folgenden unter anderem Franziskas Bruder, ein Fernsehkamera-Team und Trutz Ehrengaard, seines Zeichens Präsident der Eisenreich-Stiftung, haben. Keiner von ihnen ist der Wortgewandtheit des unverhofften Gastes gewachsen, keine Konvention fest genug, um ihrer Zertrümmerungskunst standzuhalten. Der heilige Ernst der gehobenen Schicht erodiert permanent.

„Ich könnte in der Tat was vertragen“, stellte Conni fest und setzte sich ohne Um-stände neben den Präsidenten, „ich hatte bisher nur einen Fenchel-Stiel und etwas Orangenschale.“ – „Sind Sie Veganerin?“ – „Nein, Cocktailtrinkerin.“

Conni, die Manieren und ihren Regelbruch gleichermaßen bei ihrem früheren Arbeitsgeber gelernt haben dürfte, führt gekonnt das gespreizte Verhalten jener Menschen vor, die ihr Leben in gehorsamer Panik nach den Regeln von Pierre Bourdies „Die feinen Unterschiede“ führen.

„Ich arbeite therapeutisch mit Pferden. Und ich leite eine offene Abendgruppe für Frauen im Ruhestandsübergang. Wir praktizieren gemäßigtes Dinkelfasten nach –“ „Darf ich Sie kurz unterbrechen.“ – „Ja?“ – „Was ja?“ – „Womit?“– „Nichts. Mein Interesse war bloß erschöpft.“

Perfekt passt Tinglers Roman in die gegenwärtige Zeit des Selfie-Narzissmus mit seinen geflterten Instagram-Inszenierungen, Nouveau-Riche-Geschmacklosigkeiten und immer öder daherkommenden Identitätstexten, die den kriselnden Literaturmarkt aktuell überfluten. In „Rate, wer zum Essen bleibt“ dürfen erwachsene Figuren erwachsene Dialoge ohne Hashtag-Zwang führen. Gedankenkomplexität ist hier eine Frage des Stils und Ironie ein Gebot der Sittlichkeit. Diese wohltuende Geschichte ist wie Glasstaub, der heimlich auf die Kanten jener Infinity-Pools gestreut wird, die sich zwar kaum jemand leisten, aber in denen sich jeder Zweite inzwischen abbilden lässt.

Philipp Tingler: „Rate, wer zum Essen bleibt“, Kein & Aber, 208 Seiten, 20 Euro

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