Gott will uns tot sehen

Der Russe Dimitrij Wall hat die dunklen Seiten des Lebens gesehen – darunter Schusswaffen, die auf ihn gerichtet waren, etliche Drogen(abhängige), fürchterliche Partyschlägereien und, das dürfte die Steigerung sein: deutsche Zeitarbeitsfirmen. Seit seiner Kindheit lebt der 29-Jährige hier. Mit seinem „Gott will und tot sehen“ liefert er genau den Debütroman aus der Unterschicht ab, der 2014 vom halben Feuilleton gefordet wurde.

So viel steht fest: Musikalische Früherziehung mit Sopranblockflöten-Spiel gab es bei Dimitrij Wall daheim ebenso wenig wie eine Kleist-Gesamtausgabe zur Konfirmation. „Mit 14 hatte ich falsche Freunde, und es war ein einziger Lehrer, der mich damals davor bewahrte, auf die Sonderschule gehen zu müssen.“ Es reichte erst mal nur für den Hauptschulabschluss, für Fabrikjobs und eine Anstellung im Handelnden. Doch von dort ging es Stück für Stück weiter. Nach einer Reportage, die Dimitrij für das Magazin „Vice“ geschrieben hatte, wurde er vom Chef eines großen Verlages gefragt, ob er einen Unterschichtsroman liefern könne. Der Chef war nett und Dimitrij konnte. Aber: „Ehrlich, Mann“, sagt er, „unsere Auffassungen von Hardcore waren dann wohl doch zu unterschiedlich.“

Die knallharte Welt um sein Alter Ego, die er in seinem Debüt, „Gott will uns tot sehen“, schildert, prallte mit der parfümierten Wohlfühlatmosphäre der Verlagsbranche ungut zusammen – und zeigt vielleicht gerade eben deshalb, dass unser Establishment nicht auf echte Differenzerfahrungen eingestellt ist. Dimitrij wurde nach eigener Einschätzung signalisiert, dass er nicht so recht dazugehöre, dass er ein exotisches Wesen sei. „Deshalb schreiben kaum Leute, die so sind wie ich: Die werden alle konditioniert, ihre Schule, ihre Ausbildung, ihren konformistischen Job zu machen. Wenn du nach deinem Traumjob gefragt wirst und sagst, was du werden willst, hörst du eh nur: ,Geh arbeiten!‘“ Aber Dimitrij wollte Schriftsteller werden. Nach mehreren Verlagsangeboten für „Gott will uns tot sehen“ unterschrieb er 2014 bei Eichborn. Seine semifiktive Coming-of-Age-Story könnte mit Airens Techno-Saga „Strobo“ verwandt sein. Sie hat einen ähnlichen resigniert-rotziger Ton.

„Gott will uns tot“ macht zum Mittelpunkt einen jener schlecht ausgebildeten, in niedrigen Jobs arbeitenden, doch popkulturell voll integrierten Geezer, die seit „The Streets“ im Scheinwerferlicht sichtbar sind. Dimitri heißt der Held, arbeitet in einem Handyladen und muss sich mit schlecht gelaunten Chefs arrangieren – was dem stolzen Russen eher weniger gelingt. So beginnt eine Job-Odyssee, mithilfe der ausbeuterischen Zeitarbeitsfirma „Jupiter“, die ihn in die metallverarbeitende Industrie schickt, ans Fließband von Coca-Cola, einmal in den Niedriglohnhades und wieder zurück, für 936 Euro im Monat: „Jupiter schickte die Kündigung mit der Post. Als Grund führten sie mangelnde Arbeitsbereitschaft, wiederholtes Fernbleiben und etliche weitere Gründe an. Zudem forderten sie die Arbeitskleidung zurück. Das war natürlich mehr als erbärmlich, und es konnte mir eigentlich egal sein, denn diese stinkende Kleidung war sowieso unbrauchbar.“

Aber so ist er, der Kapitalismus: Er versucht bei jeder sich bietenden Gelegenheit, die Menschen zu demütigen. Daher ist es ein großer Spaß mitzuerleben, wie sich Dimitri im Buch nicht unterbuttern lässt, wie er seinen Lifestyle kultiviert, also auf ganz andere Weise umsetzt, was das peinliche Magazin „Business Punk“ seit jeher propagiert: „Work hard. Play hard.“ Sein Ausweg: Drogentouren. Technoparties, beknackte Gespräche über angeblichen Analverkehr mit den assigen Russenfreunden. Im Nebenberuf treibt er auch mal im Moskau-Inkasso-Stil Schulden ein. Und als seine Freundin sagt, sie ginge fremd, reagiert er blitzschnell, schonungslos, direkt. (Nein, er haut ihr keine runter – das dachten gerade alle, nicht wahr?) „Ich habe alles verfremdet“, sagt Dimitrij Wall im Interview, „aber in den Lauf einer Waffe habe ich tatsächlich mal gesehen. Das war nicht gut. Das war gar nicht gut.“

Dimitrij Wall: „Gott will und tot sehen“, Eichborn, 224 Seiten, 16,99 Euro / Das Hörbuch kann hier bei Napster angehört werden (Beitragsbild oben)

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